Welt : Endstation Legende

London zieht die letzten alten Doppeldeckerbusse aus dem Verkehr

Matthias Thibaut[London]

Sie waren warme Höhlen, in denen man Zuflucht vor dem Chaos Londons suchte, und doch war man der Stadt nie so nahe wie auf dem Oberdeck eines „Routemasters“, von wo man in Wohnstuben, über Mauern und auf Straßenpassanten herabsehen konnte: „Wenn  man in einen Routemaster steigt, hat man das Gefühl, im echten London zu sein“, meint ein intimer Kenner der originalen Londoner Doppeldecker, Busbesitzer Joe Letts.

Nachts wiesen sie mit ihrem warmen Schimmern aus 25-Watt-Glühbirnen wie Windlichter den Weg durch die Stadt. Sie waren Zeugen der Beharrlichkeit, mit der Briten den Weltlauf ignorieren können. Das Tuckern des Dieselmotors, das „Ting Ting“ der Klingel, der „Hold Tight“-Ruf, mit dem der „Conductor“ oder Schaffner zum Festhalten aufforderte – „der Routemaster war der Beweis, dass London anders war“, schrieb der Schriftsteller Travis Elborough in seiner Bus-Biographie „Der Bus, den wir liebten“.

Nun soll das alles vorbei sein. Um 13 Uhr 30 soll am heutigen Freitag zum letzten Mal ein „RML“ der Route 159 die Fahrt vom Marble Arch zur Busgarage Streatham antreten: der letzte Routemaster im Londoner Busverkehr. Und das, obwohl Bürgermeister Ken Livingston den Londonern einst im Wahlkampf versprach, die alten Busse, die Schaffner, die Freiheit des „Hop on, hop off“, des (natürlich verbotenen) Auf- und Abspringens während der Fahrt  – eben das ganze „London Feeling“ zu erhalten.

Es ist, als würde Mercedes den Stern aus dem Verkehr ziehen. „Der Wiedererkennungswert eines Routemasters ist unschätzbar“, weiß Letts. „In wie vielen Filmen fährt nur einer dieser roten Busse durchs Bild und man weiß sofort, wo man ist“. Doch London ist eben nicht mehr die Hauptstadt des Empires, sondern eine Weltstadt der Globalisierung. Da wirkte der alte rote Doppeldeckerbus immer mehr wie ein exotischer Fremder aus einer anderen Zeit.

Letts kennt die Vorzüge seiner Busse: Sie haben „viele Millionen Meilen“ auf dem Buckel, aber „man muss nur ab und zu Öl nachgießen und gelegentlich die Bremsbeläge wechseln“. Er schätzt auch den propagandistischen Wert eines Routemasters: 2003 beförderten seine zwei Busse fünfzig „menschliche Schilde nach Bagdad“, um gegen den Krieg zu protestieren. Mitten im bombardierten Bagdad verbreiteten die Design-Ikonen friedliche Gefühle.

1954 wurden sie gezielt für den Londoner Verkehr in engen Straßen entwickelt. Bis 1968 baute die „Associated Equipment Company Limited“ in Park Royal über 2800 Stück: unverwüstliche Motoren, revolutionäre Technik, idiotensichere Bedienung und eine leichte Aluminiumkonstruktion, nur 7,7 Tonnen Leergewicht. Integrierte Karosserie, Servolenkung, Schaltautomatik, hydraulische Bremskraftverstärkung. Der Fahrer sitzt auf der Kühlerhaube in einer separaten Kabine, wo er seine Ruhe hat und sich vom tuckernden Motor den Hintern massieren lassen kann. Der Bus ist stabil, auch wenn es voll besetzt in enge Kurven geht.

Die Innenausstattung gab den Passagieren das Gefühl, sich in einer Club-Lounge aufzuhalten. Veloursitze, burgunderfarbene Innenbespannung, chinesischgrüne Fensterumrahmungen, gelbe Decke. Im Routemaster war man Individualist, ein Einzelreisender, nicht Nutzer eines Massentransportmittels. Der Schaffner sorgte als Zeremonienmeister für Kommunikation und gutes Betragen. „Singing conductor“ Duke Baysee startete in der Linie 38 mit „Sugar Sugar“ seine Popkarriere.

Schon seit 1968 wurden RM’S nur noch renoviert und umgebaut, neue gab es keine mehr. Seit den achtziger Jahren werden Routemaster durch neuere Busse ersetzt, die statt Fahrer und Schaffner nur noch einen Mann Besatzung brauchen. Jetzt spielen auch EU-Verordnungen zur Verkehrssicherheit und zur Luftreinheit eine Rolle. Und Bürgermeister Livingstones liebt den „Bendy Bus“, den Mercedes-Citaro-3-G-Gelenkbus, den die meisten Londoner hassen: Er schaukelt wie ein Kamel, drängt in den Kurven Radfahrer ab. Mehrere dieser Monster sind in Flammen aufgegangen. Designkritiker wie Jonathan Glancey vom „Guardian“ verspotten die „mobilen Schuhkartons mit klebrigen Plastiksitzen“. Aber sie können für ältere Damen und Rollstuhlfahrer abgesenkt werden, haben Klimaanlagen, laufen mit Fuel-Cell-Technologie und sind Livingstones Geheimwaffe zur Einhaltung der EU-Feinstaubrichtlinie.

Zum Abschied von den Kult-Bussen durften am Donnerstag auf der Linie 159 alle, die einen Routemaster besitzen, damit noch einmal Passagiere befördern. Viele der unverwüstlichen Busse haben inzwischen Privatliebhaber wie Joe Letts gefunden. Und zwei Touristenrouten sollen auch weiterhin mit den alten Schaffnerbussen betrieben werden – totzukriegen sind sie eben nicht.

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