Welt : Engel ohne Unschuld

Warum die berühmten Putten des Malers Raffael in Gefahr sind

Philipp Wittrock

Verträumt und unschuldig schauen sie nach oben, zur heiligen Mutter Maria mit ihrem Kind – die wohl berühmtesten Engel der Welt. Die beiden Putten des italienischen Renaissance-Malers Raffael sind Teil des Gemäldes „Die sixtinische Madonna“ von 1513 und gehören neben der „Mona Lisa“ zu den bekanntesten Bildmotiven der Kunst überhaupt. Sie zieren Poster, T-Shirts, Tassen. Werben sie bald auch für bezahlten Sex?

Maria F. aus Moritzburg bei Dresden hat die kleinen Engel beim Deutschen Patent- und Markenamt in München als geschützte Marke angemeldet. Das sagte ihr Dresdner Anwalt Sigfrid Kaufmann. Über die berufliche Tätigkeit seiner Mandantin konnte Kaufmann keine Angaben machen. Die „Bild“-Zeitung hatte berichtet, Maria F. arbeite unter dem Namen Jeanette F. als Prostituierte. „Das kann ich nicht bestätigten“, sagte Kaufmann. Ihm gegenüber habe sie von Schauspielerei gesprochen. Maria F. war am Sonnabend nicht zu erreichen.

Die Anmeldung wird nun beim Patentamt geprüft. Sollte sie positiv ausfallen, kann Maria F. die Engel zukünftig als Werbemotiv nutzen und anderen dies rechtlich verbieten lassen. Mit den süßen Engeln auf Freier-Fang? Bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die Raffaels „Sixtinische Madonna“ in der Alten Gemäldegalerie im Dresdner Zwinger ausstellen, wäre man darüber gar nicht erfreut. „Wenn jemand damit Rotlicht-Dienste anbieten möchte, ist das obszön“, sagte Sprecher Tilmann von Stockhausen dem Tagesspiegel. Die Engel seien schließlich Kinder. Das Wort Putte kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Knabe.

Das Museum habe jedoch keinerlei Bildrechte und könne daher nichts unternehmen, sagte Stockhausen. „Wir können nur moralisch appellieren, dass man uns an den Lizenzrechten beteiligt.“ Markus Plesser, Berliner Anwalt für Markenrecht in der Kanzlei von MoMA-Macher Peter Raue, erklärt: „Das Urheberrecht eines Künstlers erlischt 70 Jahre nach seinem Tod.“ Damit habe jeder die Möglichkeit, sich ein Motiv als Marke schützen zu lassen, wenn es nicht sittenwidrig ist. Prostitution ist in Deutschland seit dem Prostitutionsgesetz von 2002 eine anerkannte Dienstleistung. Einen der Raffael-Engel hat Maria F. bereits für etwa 1700 Euro erfolgreich schützen lassen: Das Bild zeigt die linke Putte blau eingefärbt mit dem Schriftzug „Der Blaue Engel“ darüber. Der berühmte Marlene-Dietrich- Film von 1930 trägt diesen Titel, genauso das bekannte Umweltzeichen. Was sich bei Maria F. dahinter verbirgt, ist nicht bekannt.

Ein Eintrag beim Patentamt erfolgt im Allgemeinen für bestimmte Produkt- und Dienstleistungsklassen, die im so genannten Nizzaer Abkommen festgelegt sind. „Der Blaue Engel“ ist unter anderem in der Klasse „Persönliche und soziale Dienstleistungen betreffend individuelle Bedürfnisse“ eingetragen. „Das ist genau die Klasse, die für dieses Gewerbe vorgesehen ist“, sagte Diane Nickl vom Deutschen Patent- und Markenamt und meint die Prostitution. Das Amt werde die neue Anmeldung genau prüfen, sagte Nickl.

Anwalt Kaufmann sieht die Erfolgschancen für seine Mandantin bei „50 zu 50“. Auch seine persönliche Begeisterung für die Wahl des Motives hält sich offenbar in Grenzen: „Besonders toll finde ich das nicht.“

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