• Enquist-Roman "Der Besuch des Leibarztes": "Der Besuch des Leibarztes": Die Finsternis im Zentrum des Lichts

Enquist-Roman "Der Besuch des Leibarztes" : Die Finsternis im Zentrum des Lichts

Hans Christoph Buch

Rainer Maria Rilkes "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", der erste moderne Roman der deutschen Literatur, beginnt mit einer furiosen Beschreibung der Großstadt Paris und endet mit Tagebuchblättern, in denen der Prager Dichter sich zum Spross eines dänischen Adelsgeschlechts stilisiert und eine illustre Reihe blaublütiger Vorfahren imaginiert.

In seinem Roman "Der Besuch des Leibarztes" geht Per Olov Enquist genau umgekehrt vor: Sein historisches Panorama des dänischen Königshofs am Vorabend der französischen Revolution weitet sich aus zur Bestandsaufnahme des modernen Totalitarismus allgemein, in deren Mittelpunkt eine philosophische Frage steht, die den Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts ebenso viel Kopfzerbrechen bereitete wie der kritischen Theorie des zwanzigsten: die Frage nach den Grenzen der Aufklärung, nach der nicht aufzuhellenden Dunkelheit im Zentrum des Lichts - ein Widerspruch und zugleich eine historische Erfahrung, deren künstlerischer Niederschlag auf Goyas berühmtem Bild zum geflügelten Wort geworden ist: El sueño de la razón produce monstruos - der Traum der Vernunft gebiert Monster.

Dekadente Sinnlichkeit

Dabei hat Per Olov Enquist keinen Thesenroman geschrieben. Das neue Buch des neben Lars Gustafsson angesehensten schwedischen Romanciers ist keine blutleere Abhandlung; es besticht durch eine den Leser betörende Sinnlichkeit, die nicht etwa prall und lebensvoll ist, sondern im Gegenteil dekadent und morbid, wie sich dies für einen Wiedergänger des Prinzen Hamlet und Vorfahren von Malte Laurids Brigge gehört.

Die düstere Atmosphäre erinnert an Rilkes Roman ebenso wie an die Tragödie von Shakespeare, deren Personal, einschließlich des Theaters auf dem Theater, hier fast vollzählig versammelt ist. Die Rolle der Ophelia wird von der englischen Prinzessin Caroline Mathilde gespielt, die entgegen ihrem Wahlspruch "O keep me innocent, makeothers great" 1766 mit dem geistesgestörten Dänenkönig Christian VII. verheiratet wird - ob dessen Krankheit durch erbliche Degeneration bedingt oder durch pietistischen Erziehungsterror künstlich erzeugt wurde, lässt der Autor offen.

Unfähig zur Macht

Das Leben am Königshof gleicht einer Danteschen Hölle: Christian, der wie Hamlet unfähig zur Machtausübung, dabei aber intelligent und hochsensibel war, ist schutzlos den sadistischen Intrigen seiner Aufseher, Minister und Beamten ausgeliefert; die einzige Frau, die ihm so etwas wie Liebe entgegenbringt, eine Prostituierte namens Stiefel-Catherine, wird ihm mit Gewalt entrissen und aus Kopenhagen deportiert. Vor diesem Hintergrund klingen die irren Reden des Königs, in denen von einer Verschwörung des Bösen die Rede ist und von einer Wohltäterin, die im Verborgenen das Universum lenkt, durchaus vernünftig.

"Der Besuch des Leibarztes" erzählt die Geschichte eines heute vergessenen, aber damals in ganz Europa mit Spannung verfolgten politischen Experiments, das sich mit dem Namen Struensee verknüpft: der aus Altona stammende norddeutsche Aufklärer und Leibarzt von Christian VII., wie dieser ein glühender Bewunderer von Rousseau und Voltaire, avancierte in kürzester Zeit zum Geliebten der Königin und zum engsten Vertrauten des Königs, der seinen allmächtigen Minister Bernstorff entließ und Struensee die Regierungsgeschäfte übertrug: ein ménage à trois, der zur allseitigen Zufriedenheit funktionierte, bis der zum Kabinettschef aufgestiegene Leibarzt, weniger durch umstürzlerische Ideen als durch seinen unkonventionellen Lebensstil, die Hofgesellschaft, den Adel und schließlich auch das Bürgertum gegen sich aufbrachte - paradoxerweise wurde Struensee die Pressefreiheit zum Verhängnis, die er selbst eingeführt hatte.

Dabei waren die von ihm eingeleiteten Reformen mehr als eine bloße Palastrevolte - eine Revolution von oben gegen alles, was faul war im Staate Dänemark: "Schreibtischrevolutionär, dachte er manchmal... Er verließ ja sein Arbeitszimmer nie, und doch wurde die Revolution durchgeführt. Vielleicht sollten alle Revolutionen so ablaufen, dachte er. Man brauchte keine Truppen, keine Gewalt, keinen Terror, keine Drohung; nur einen geisteskranken König mit der ganzen Macht und ein Übergabedokument."

Goethe als Fanal

Trotz prominenter Rückendeckung durch die Philosophen der Aufklärung, allen voran Voltaire, scheiterte der Versuch, deren Ideen in die Praxis umzusetzen, an Struensees mangelndem Realitätssinn; wie andere idealistische Revolutionäre hatte er es versäumt, Verbündete zu gewinnen und sein Projekt mit den sozialen Interessen der aufstrebenden Bourgeoisie zu verknüpfen.

Struensee wurde entmachtet, gestürzt und ließ im April 1772 in Kopenhagen auf dem Schafott sein Leben. Per Olov Enquists Roman zeigt, dass Struensees Schicksal mehr war als eine isolierte Begebenheit an der Peripherie der damaligen Welt, die höchstens von partikularem Interesse ist, denn nach seiner Hinrichtung erschütterte eine Welle von Aufständen das vom aufgeklärten Absolutismus geprägte Europa, deren Auswirkungen bis nach Amerika zu spüren waren.

Während Goethe als erstes Fanal der bürgerlichen Revolution seinen "Werther" schrieb, warfen aufgebrachte Siedler inBoston Teeballen ins Meer und gaben so den Startschuss zum Unabhängigkeitskrieg, der zur Loslösung der Vereinigten Staaten von England führte; Russlands Leibeigene rebellierten gegen die Zarenherrschaft unter dem Bauernführer Pugatschow; und unter dem Druck der Aufklärung wurde der Jesuitenorden verboten, jahrhundertelang Träger der Gegenreformation. Von Buddha und Konfuzius über Platon und Aristoteles, den Lehrer Alexanders des Großen, bis zu Voltaire und Goethe haben sich Dichter und Philosophen immer wieder als Fürstenerzieher engagiert, und die dadurch ausgelösten Reformschübe haben mehr bewirkt als bewaffnete Volkserhebungen: Gorbatschows Perestroika und der Fall der Berliner Mauer sind die jüngsten Beispiele dafür.

Der Hinweis auf seine historische Bedeutung besagt aber noch nichts über die literarische Qualität von Enquists Roman. Der hält nicht durchgängig das durch den Namen seines Autors verbürgte Niveau. Die Schreibweise ist manchmal redundant, der Text überinstrumentiert, voller Wiederholungen, und subtile Anspielungen werden durch Winke mit dem Zaunpfahl ersetzt, wenn der Erzähler die Bedeutung des Gesagten wie im expressionistischen Theater durch mehrfache Ausrufezeichen unterstreicht: "Die bestehende Gesellschaft!!! Stürzen!!!"

Was denkt ein irrer Dänenkönig?

Diese vielleicht kleinlichen Einwände ändern nichts an der großen Kunst, mit der Per Olov Enquist eine Fülle historischer Daten und Fakten zum dramatischen Knoten schürzt und in einen Roman verschmilzt, der dem Leser wie aus einem Guss erscheint. An diesem Punkt ist zugleich Kritik angebracht: Eine Problematisierung der Erzählperspektive, die postmoderne Literatur oft schwer konsumierbar macht, findet nicht statt, die Quellen der Geschichte werden nirgendwo offen gelegt. Statt dessen kommt der allwissende Erzähler wieder zu seinem Recht, der seinen Figuren beim Essen über die Schulter schaut, ins Schlafzimmer und auf die Toilette folgt und ihre intimsten Gedanken und Gefühle kennt.

Woher weiß Per Olov Enquist, was eingeisteskranker Dänenkönig des 18. Jahrhunderts beim Geschlechtsverkehr empfand? Die Weigerung des Autors, solche Fragen zu beantworten, trägt zur leichteren Lesbarkeit seines Buches bei, doch dessen kulinarischer Reiz wird mit dem Verzicht auf Tiefenschärfe erkauft.

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