Welt : Ente nach Jägerart

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Von Albrecht Meier

Die Jagd auf große und kleine Tiere spielt im ländlich geprägten Frankreich bis heute eine große Rolle. Wer auf dem Land wohnt, hat oftmals verinnerlicht, ab welchem Zeitpunkt er auf Tiere aller Art Jagd machen darf. So kann man im Herzen Frankreichs ganz harmlosen Wanderern begegnen, die sich darüber freuen, dass sie seit Anfang Juli die fetten „Escargots de Bourgogne", die schmackhaften Burgund-Schnecken, ins Körbchen stecken dürfen.

Jetzt macht aber wieder ein Sammler-Typ von sich reden, der schon seit 20 Jahren immer neuen politischen Streit in Frankreich auslöst: Die Zugvögel-Jäger. Nachdem die neue Umweltministerin Roselyne Bachelot am Dienstag den Jägern in einem Dekret erlaubte, Enten, Gänsen, kleinen Raub- und anderen Zugvögeln sieben Wochen länger als bisher nachzuspüren, ist das politische Frankreich wieder sauber gespalten: in Stadt und Land, Bürgerliche und Linke und nicht zuletzt Umweltschützer und Jäger. Frankreichs Ökologen wollen vor den Staatsrat ziehen, um den Beschluss der neuen Umweltministerin wieder zu kippen.

Die Praktiken bei der Jagd auf Zugvögel bringen die Ökologen regelmäßig auf die Barrikaden. Tierschützer berichten beispielsweise von Wilderern, die schon im März, wenn die ersten Schwärme von Afrika über Spanien nach Norden fliegen, ihre Flinten auf die Tiere anlegen. Die ehemalige Regierung des sozialistischen französischen Ministerpräsidenten Lionel Jospin hatte die Jagdsaison auf den Zeitraum zwischen dem 1. September und 31. Januar eingeschränkt.

Schützenhilfe aus Brüssel?

Frankreichs Umweltschützer hoffen bei ihrem Proteststurm gegen die Neuregelung der Zugvögel-Jagdsaison auch auf Schützenhilfe aus Brüssel. Schließlich untersagt eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 1979 die Jagd von Zugvögeln während der Wanderschaft und der Nistzeit. Weil die Zugvögel die EU-Mitgliedstaaten nicht jedes Jahr gleichzeitig aufsuchen, hat die Brüsseler EU-Kommission auf die einheitliche Festlegung von Jagdverbots-Zeiten verzichtet.

Wie aber die Brüsseler EU-Richtlinie auszulegen ist, darum dreht sich nun der aktuelle Streit. Roselyne Bachelot, die Umweltministerin des neogaullistischen Premierministers Jean-Pierre Raffarin, hat die Jagdsaison für Zugvögel auf die Periode vom 3. August bis 16. Februar ausgeweitet. Dabei hat sich die Ministerin auch wissenschaftlich abgesichert: Der EU-Kommission liegt eine ornithologische Studie vor, die sich mit den Nist- und Wandergewohnheiten der in Frankreich anzutreffenden Zugvögel befasst.

Kritiker wenden indes ein, dass Raffarins Regierung in erster Linie Frankreichs 1,4 Millionen Jäger hofiert, denen unmittelbar vor der Parlamentswahl im Juni eine Ausweitung der Zugvögel-Jagdsaison zugesagt worden war. Als „bedauernswert" bezeichnete am Mittwoch die Tageszeitung „Le Midi Libre" die Neuregelung der Regierung: Es stehe zu befürchten, dass das Kabinett nach dem Machtwechsel in Frankreich auch in anderen Punkten gegenüber der einflussreichen Jäger-Lobby einknicke. Und die ebenfalls im ländlichen Frankreich erscheinende Zeitung „Journal du Centre" kommt zu dem Schluss, dass die ehemalige Regierungspartei der Grünen die Folgen des Abschieds von der Macht nun schmerzhaft zu spüren bekommt.

Umweltschützer sehen mit der Änderung der Jagdgesetze einen tiefen Einschnitt in die französischen Lebensgewohnheiten: Künftig würden, so kritisiert der Naturverband „France Nature Environnement“, die Waidmänner schon durch die Wälder ziehen, während sich die letzten Sommerurlauber noch an der Cote d’Azur sonnten. Dagegen geht den Jägern die Neuregelung noch nicht weit genug. Die Jagd auf Enten und Gänse beginne auch nach der Neuregelung zu spät und sei zu früh beendet, klagen deren Verbände.

Welchen Stellenwert Frankreichs Jäger in der Politik inzwischen haben, wurde beim ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl im April deutlich. Damals erreichte der Kandidat der Jäger-Lobby, Jean Saint-Josse, immerhin 4,2 Prozent der Stimmen. Mit der aus dem Amt geschiedenen Regierung von Lionel Jospin hatten sie politisch wenig am Hut. Die Grünen-Politikerin und ehemalige französische Umweltministerin Dominique Voynet musste sich im Jahr 1999 die Verwüstung ihres Pariser Büros gefallen lassen. Hinter der Tat standen auch aufgebrachte Jäger, die sich mit der Einschränkung ihrer Gewohnheitsrechte nicht abfinden wollten. Damals gab Jean Pilniak, Generalsekretär des Jagdverbandes Somme, auch eindeutig seine Meinung über die damalige französische Umweltministerin zu Protokoll: „Madame Voynet hat Aufenthaltsverbot in unserem Departement, damit das klar ist.“ Von ähnlichen Beschimpfungen ist Voynets Nachfolgerin verschont geblieben – bis jetzt.

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