Welt : Ente sein ist Kunst

Sie erfand „Seufz!“, „Zack!“ und „Grübel, Grübel!“: zum Tod von Erika Fuchs

Christian Schröder

Wenn große Erwartungen sich in Luft auflösen, ist das Ergebnis oft nur ein klägliches Geräusch: „Puff!“ In der Episode „Donald Ducks kosmische Bombe“ rührt der berühmteste Erpel der Welt – „man nehme 2 Unzen gekörnte Meteoritensubstanz, 2 Esslöffel Sternenstaub, man würze mit 7 Katzenhaaren“ – eine hochexplosive Mischung zusammen. Doch das Gebräu versagt pyrotechnisch, es kommt zu keiner Detonation. Tick, Trick und Track, Donalds Neffen, kringeln sich: „Der Alte hat einen Knall!“ Und Professor Radebeul und Professor Radarow, die herbeigerufenen Experten, wiegen ratlos ihre Köpfe: „Es riecht wie eine Bombe, es knistert wie eine Bombe, aber sie macht nicht Bumm!“ – „Särr eigenartig, Kolläge! Särr!“

In Amerika war die von Carl Barks geschaffene Story 1947 unter dem Titel „Donald Duck’s Atombomb“ erschienen, darin schwang der Optimismus des frühen Nuklearzeitalters mit. Erst in der deutschen Übersetzung von Erika Fuchs bekam die Geschichte Brisanz. Radarow, der radebrechende Physiker, entpuppt sich als sowjetischer Spion und klaut die Bombe. Eine Explosion, dämmert es Donald, wäre eine „Nahzeitkatastophe“. Glücklicherweise macht es dann doch nicht „Bumm!“, es bleibt bei „Spotz!“, „Blubber!“, „Bimmel!“ und – ein schmerzhaftes Aufeinandertreffen der beiden Professoren – „Bauz!“ Derlei Wortschöpfungen waren die Spezialität von Fuchs, für jeden Wechselfall des menschlich/entenhaften Miteinanders fand sie eine treffende Lautbezeichnung. Die Übersetzerin, die 40 Jahre lang die Disney-Comics nachdichtete und jetzt im Alter von 98 Jahren in München starb, schenkte der deutschen Sprache Ausrufe wie „Grübel, Grübel!“, „Zack!“ oder „Seufz!“

Erika Fuchs hat vermutlich mehr für die deutsch-amerikanische Freundschaft getan als so mancher Staatsmann. Dabei war sie nur per Zufall zu ihrer Profession gekommen. Bevor sie 1951 zum „Micky Maus“-Magazin stieß, hatte sie nach eigenem Bekunden noch nie ein Comicheft in der Hand gehabt.

Sie hatte für die Zeitschrift „Das Beste aus Reader’s Digest“ Texte aus dem Englischen übersetzt, weil sie keine Aufträge mehr bekam, war sie erbost zum Ehapa-Verlag nach Stuttgart gefahren. Beim Gespräch mit dem Geschäftsführer erzählte sie von ihrem Engagement in einer Elternvereinigung. „Sie sind also Pädagogin?“, fragte der Mann. Fuchs antwortete mit „Ja“, eine Notlüge. Sie bekam den Job bei dem gerade gegründeten Magazin, bis 1972 übersetzte sie sämtliche Geschichten und blieb bis 1988 Chefredakteurin.

„Man muss gebildet sein, um Comics zu übersetzen“, so lautete ihr Credo. Fuchs, 1906 in Rostock geboren, war gebildet. Sie hatte die höhere Töchterschule besucht und ihr Kunstgeschichtsstudium mit einer Arbeit über den Barock- Bildhauer Feichtmayr abgeschlossen. Ihre Micky- und Donald- Abenteuer sprühen vor Sprachwitz, sie sind voller Anspielungen auf die abendländische Kulturgeschichte, ohne sich unter dieser Bildungslast zu biegen. Dagobert fährt seine Besucher an: „Wer sind Sie, und was wollen Sie und warum?“ Donald beweist Kenntnisse über ein antikes griechisches Baumwollgewebe: „Mir braucht man nicht zu sagen, daß ein Biskuitteig zart wie Zephirsgesäusel sein muss.“ Und Tick, Trick und Track aktualisieren Schillers Rütlischwur: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr.“

Schon die Namen sind kleine Kunstwerke: Tick, Trick und Track hießen im amerikanischen Original „Huey, Dewey und Louie“, die Panzerknacker „Beagle Boys“. Den Tüftler „Gyro Gearloose“ taufte die Übersetzerin Daniel Düsentrieb. Sein geflügeltes Wort „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“ war ursprünglich auf den Ehemann von Fuchs gemünzt, einen Heizungsfabrikanten und Erfinder.

In einer Episode produziert Donald ungewöhnliche Schnarchgeräusche: „Sass! Schnorch! Gazong!“ Seine Neffen witzeln: „Reines Hochdeutsch ist das nicht.“

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