Welt : Entführung in Ägypten: Zermürbt und übermüdet

Hans Dahne

Die Zermürbungstaktik der Sicherheitskräfte ging am Ende auf. Nach drei durchwachten Tagen und Nächten war der 46-jährige Geiselnehmer völlig erschöpft. Kurz bevor das kräftezehrende Tauziehen mit den Behörden ein Ende hatte, gab es in der Geiselnehmer-Wohnung gegrilltes Hühnchen mit Salat und noch ein paar Zigaretten. Dann ergab sich der Entführer der vier deutschen Urlauber in Luxor der Polizei. Todmüde und ohne Widerstand ließ er sich abführen. Nach rund 60 Stunden ging damit am Donnerstagmorgen um drei Uhr Ortszeit die Geiselnahme in Ägypten ohne Blutvergießen zu Ende.

Immer wieder hatten Polizeipsychologen mit dem als geistig instabil geltenden Reiseleiter per Mobiltelefon gesprochen. Die Sicherheitsleute seien sehr nett, und die Atmosphäre sehr entspannt, zitierten ägyptische Zeitungen den Entführer.

Doch kurz nach der letzten Mahlzeit war es mit der entspannten Stimmung vorbei: Sicherheitskräfte umstellten das Haus in einem heruntergekommenen Viertel nahe des weltberühmten Karnak-Tempels von Luxor. Die Einsatzkräfte drohten erst per Handy und dann per Lautsprecher, die Wohnung zu stürmen. Offenbar packte den Geiselnehmer in diesem Moment die Angst vor den Konsequenzen. Außerdem hatte die Ex-Frau zugesagt, mit den beiden drei und acht Jahre alten Söhnen nach Ägypten zu kommen, deren Rückkehr der 46-Jährige gefordert hatte.

Die vier deutschen Touristen aus Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen kamen äußerlich unverletzt frei. Sie sagten einem Psychologen, dass es ihnen bis auf die große Müdigkeit gut gehe. Später wurden sie nach Kairo geflogen und dort von ägyptischen Sicherheitskräften abgeschirmt. Nach ein paar Stunden Schlaf mussten sie Auskunft über den genauen Ablauf der Geiselnahme geben. Die Ägypter interessiert dabei auch, wie weit die vom Kidnapper immer wieder betonte Sympathie seiner deutschen "Freunde" wirklich gegangen ist. Unklar war weiterhin auch, ob der Geiselnehmer bewaffnet war.

Der Ägypter wurde erst im Sicherheitshauptquartier von Luxor und später in Kairo verhört. Aus Menschenrechtsberichten von amnesty international ist bekannt, dass in ägyptischen Gefängnissen fragwürdige Verhörmethoden und Schläge keine Seltenheit sein sollen.

Zwei Tage lang hielt der Entführer rund um die Uhr und per Handy Kontakt zu Journalisten. Er stellte sich als der verzweifelte und treu sorgende Familienvater dar, dem deutsche Behörden nicht erlauben, die eigenen Kinder zu sehen. In einigen ägyptischen Presseberichten war offene Sympathie für den Kidnapper nicht zu übersehen. Nachbarn und Kollegen bescheinigen dem Entführer einen guten Charakter und ein freundliches Wesen.

Seit längerem liegt gegen ihn in Deutschland ein Haftbefehl vor; nach unbestätigten Berichten wegen Körperverletzung. Dies scheint der Grund zu sein, warum Ibrahim Ali Said Mussa keinen Antrag auf ein Besuchsvisum für Deutschland stellte. Außerdem habe der Entführer mit seiner zweiten Frau nicht per Heiratsurkunde, sondern in einer nicht registrierten Ehe zweiter Klasse - der so genannten halblegalen Orfi-Ehe - zusammengelebt. Eine offizielle Ehe mit einer anderen Deutschen soll bereits geschieden worden sein.

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