Entführungsfall : Flucht im Schutz des Staubsaugers

Acht Jahre hat Natascha in der Gefangenschaft von Wolfgang Priklopil zugebracht, und nur durch eine zufällige Gelegenheit konnte die Gefangene flüchten. Jetzt wurden erste Einzelheiten ihres Martyriums bekannt.

Wien - Am Tag ihrer Flucht hatte Wolfgang Priklopil seiner Gefangenen gesagt, sie solle das Auto staubsaugen. Natascha tat wie ihr befohlen. Dann klingelte das Telefon, und weil der Staubsauger so laut war, entfernte sich Priklopil ein wenig von ihr. Es war die Gelegenheit: Natascha nutzte die kurze Abwesenheit ihres Peinigers und rannte davon. Nach acht Jahren in einem Kellerverlies in Priklopils Haus in Strasshof war die heute 18-Jährige wieder in Freiheit. Noch will die junge Frau, deren Identität am Freitag durch einen DNA-Test hundertprozentig bestätigt wurde, nicht in der Öffentlichkeit auftreten. Aber langsam sickern die ersten Einzelheiten zu ihrem Martyrium und ihrer Flucht durch.

Natascha sei in guter körperlicher Verfassung gewesen und habe keine Verletzungen, sagte Gerhard Lang vom Bundeskriminalamt im Rundfunk. Aus dem zehnjährigen Kind sei eine "schöne junge Frau" geworden. Unter Tränen erzählte die Mutter Brigitta Sirny von der ersten Begegnung mit Natascha bei der Polizei: "Natascha ist mir um den Hals gefallen und hat gesagt: 'Mama-Mausi'." Sie habe ihre Tochter an ihrer Art, an ihrem Gesicht erkannt, berichtete Sirny im Fernsehsender ORF weiter. "Das vergisst man nicht. Ich hätte sie in 20 Jahren auch noch erkannt."

"Hochgradig sadistischer Täter"

Auch mit dem Vater, Ludwig Koch, gab es ein bewegtes Wiedersehen. "Mein Papa, ich hab' dich lieb", habe Natascha ihn begrüßt, berichtete Koch in der Boulevardzeitung "Kurier". Und gleich die nächste Frage sei die nach ihrem Spielzeugauto gewesen. Das habe er bis heute aufbewahrt - so wie alle ihre Puppen, fügte Koch hinzu, der wie seine Ex-Frau immer daran geglaubt hatte, dass Natascha noch lebt. Aber auch wenn er seine Tochter gleich wiedererkannt habe, sie sei körperlich "sehr mitgenommen", betonte der Vater. "Natascha ist abgemagert, hat eine ganz, ganz weiße Haut und Flecken am ganzen Körper. Ich darf gar nicht darüber nachdenken, woher die kommen."

In ersten vorsichtigen Vernehmungen nach ihrem Entkommen am Mittwoch sagte Natascha Kampusch Medienberichten zufolge, Priklopil sei stets freundlich gewesen. Sie glaube, dass es sich bei ihrem Entführer um einen Verbrecher handele, aber: "Der Wolfgang war immer lieb zu mir", zitiert die "Kronen Zeitung" die 18-Jährige. In den ersten Jahren soll Priklopil das Kind gezwungen haben, ihn "Gebieter" zu nennen.

Der Kriminalpsychologe Thomas Müller charakterisiert den 44-jährigen Nachrichtentechniker, der noch am Abend der Flucht Selbstmord beging, in der "Kronen Zeitung" als "hochgradig sadistischen Täter", der alles darauf angelegt habe, sich eine Sklavin zu halten. Die Öffentlichkeit werde damit leben müssen, dass "manches unbeantwortet bleibt, weil sich der Täter umgebracht hat", sagte Innenministerin Liese Prokop. Während Natascha auf ärztlichen und psychologischen Rat hin bis kommenden Montag nicht weiter vernommen werden wird, erhoffen sich die Ermittler Aufschluss von der Durchsuchung des Hauses, das acht Jahre lang ihr Gefängnis war. Dutzende Beamte durchsuchten auch am Freitag das von Videokameras überwachte Domizil.

Sexueller Missbrauch wahrscheinlich

Auf der Polizeiwache redete die junge Beamtin Sabine Freudenberger als erste mit der blassen jungen Frau. Sie zeigte sich beeindruckt von der Intelligenz und dem großen Wortschatz Nataschas. In ihrer Gefangenschaft sei sie von Priklopil mit Büchern versorgt worden, er habe sie auch unterrichtet. Eine der noch offenen Fragen ist die nach einem sexuellen Missbrauch der jungen Frau. Im ORF ging die Polizeibeamtin davon aus, dass Priklopil sich an seiner Gefangenen vergangen hat. Das sei Natascha aber selbst nicht klar. "Sie hat das alles immer freiwillig gemacht, hat sie gesagt."

Immer wieder, berichtete die junge Frau auf der Polizeiwache, habe sie versucht, Priklopil zu überreden, sie freizulassen. Sie wolle eine Familie und Kinder haben, sie wolle die Freiheit. Ihre Bitten blieben ungehört. Priklopil habe ihr gedroht, dass ihr und ihrer Familie etwas passieren werde, wenn sie fliehe, berichtete Freudenberger. Bis Natascha die Flucht gelang. (tso/AFP)

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