Welt : Entschuldigung auf königlich

Zum Schicksal der Sklaven und Indianer findet Elizabeth II. in den USA neue Worte

Christoph von Marschall[Washington]

Staatsoberhäupter von Monarchien haben es oftmals gut im Vergleich zu denen einer Republik. Königinnen und Prinzen werden nicht in erster Linie daran gemessen, was sie gesagt oder nicht gesagt haben. Die Menschen sind neugierig auf sie selbst, ihr Auftreten, ihre Kleidung.

16 Jahre lang war Queen Elizabeth II. nicht in den USA. Und 50 Jahre lang nicht mehr in Jamestown, wo Kolonisten 1607 die erste permanente englische Siedlung in Nordamerika gründeten: die Wurzel der Weltmacht USA. Eine politische Erwartung lag über diesem Besuch. Würde Elizabeth Englands Anteil am Unrecht bedauern, das mit der Besiedelung verbunden war: den Landraub an den Indianern und ihre schleichende Ausrottung, dazu die Einführung der Sklaverei? Das entspräche dem heutigen Bewusstsein. Als sie 1957 als junge Monarchin zur 350-Jahr-Feier kam, waren dies keine großen Themen. In den Südstaaten herrschte noch Rassentrennung, Indianer waren ein Tourismusziel.

Doch die Passanten und Touristen, die die Route der Queen säumen – in Richmond, der heutigen Hauptstadt Virginias, wo sie am Donnerstag eine kurze Rede zur 400-Jahr-Feier hielt; am Freitag in Williamsburg, der langjährigen Hauptstadt der Kronkolonie, und Jamestown, wo alles anfing – interessieren ganz andere Fragen. Schulmädchen sind neugierig, „ob sie wirklich mit einer behandschuhten Hand winkt“? Ein Mann will wissen, „wie ähnlich Ihre Majestät Hellen Mirren sieht“, der oscargekrönten Hauptdarstellerin in „The Queen“.

Neugierig hatten Amerikaner die Benimmratschläge in den Medien verfolgt. Man gibt der Queen nicht die Hand, sondern wartet, ob sie sie reicht. Es dominierte ein republikanischer Grundton. Freie Bürger beugen sich vor niemandem, küssen keine Ringe – hoppla, das beträfe den Papst –, und „Ma’am“ muss genügen anstelle von „Ihre Majestät“.

Sechs Minuten dauert die Ansprache der 81-Jährigen vor der „Generalversammlung“ – Virginias Parlament ist die Nachfolgerin der „Burgesse“ der ersten gewählten Bürgervertretung in der Neuen Welt. Sie kondoliert erst mal Amerika wegen der 32 Toten beim Virginia-Tech-Massaker. Dann kommt sie zur Rolle der englischen Siedler: „Die Fortschritte der Menschheit kommen selten ohne soziale Kosten daher.“ Das „Aufeinandertreffen dreier großer Kulturen, Westeuropäer, Eingeborene und Afrikaner“ habe „eine Kette von Entwicklungen ausgelöst, deren tiefe Folgen nicht nur die USA, sondern auch Großbritannien und Europa bis heute spüren“. Es sei „richtig, die Bedeutung der Ereignisse mit dem Wandel des Geschichtsbewusstseins neu zu untersuchen“. Diese Debatte „darf aber nicht den Anteil der Siedler am Aufbau einer großartigen Demokratie überschatten“. Hat sie sich entschuldigt oder nicht? Es ist eine Frage, die Fernsehtalkshows debattieren, in der breiten Öffentlichkeit findet sie nach allem Anschein wenig Resonanz. Die TV-Sender bemühen sich zudem um Moderation. Nachkommen von Indianern und Sklaven sagen nur, sie hätten sich gewünscht, dass die Queen ihr Bedauern deutlicher ausdrückt. Korrespondenten aus London erklären, Elizabeth sei bis an die Grenze dessen gegangen, was man erwarten dürfe.

Es treten auch Schwarze auf, die vehement eine ungewöhnliche Gegenmeinung vertreten: Wenn überhaupt, dann sollten sich die Führer der Staaten Westafrikas entschuldigen. Dort sei die Sklaverei erfunden worden, dort hätten Afrikaner andere Afrikaner gejagt, um sie in die Neue Welt zu verkaufen. Die Schuld der Weißen sei eine sekundäre Schuld.

Diese Tonlage passt zur innenpolitischen Debatte der USA. Der populäre schwarze Präsidentschaftsbewerber Barack Obama verlangt, die schwarzen Bürger sollten das Lamentieren über ihre historische Benachteiligung lassen und die großartigen Aufstiegschancen nutzen, die Amerikas Gesellschaft jedem biete.

Die Queen darf am heutigen Sonnabend ihrer wahren Leidenschaft folgen: Pferde, nicht Geschichtslektionen. Das Kentucky-Derby hat ihren Besuchstermin bestimmt, nicht der 400. Geburtstag von Jamestown, der ist am 13. Mai. Dann erst kommt Präsident Bush.

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