Epidemie : Ehec und die Geschichte einer vergeblichen Suche

Viele Spuren, aber keine führt irgendwo hin. Der Ehec-Infektionsherd bleibt unerkannt. Erst Gurken, Tomaten, Salat - dann waren Sprossen an allem schuld. Und tags darauf: wieder Fehlalarm.

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Unter Verdacht. Erst waren es Gurken, jetzt könnten es Sprossen sein. Aber noch immer weiß niemand die Wahrheit. Foto: dpa
Unter Verdacht. Erst waren es Gurken, jetzt könnten es Sprossen sein. Aber noch immer weiß niemand die Wahrheit.Foto: dpa

Es zählt jede Minute. 14 Cent kostet sie den Bürger, wenn er beim Ehec-Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums anruft. Darauf weist eine weibliche Automatenstimme eingangs hin. Die Verbindung wird hergestellt.

„Guten Tag, hier spricht das Bürger-Telefon.“ Eine Dame ist dran.

Was man tun solle, wenn man vor kurzem in Norddeutschland Salat, Tomaten, Gurken und Sprossen gegessen habe?

„Erst einmal abwarten“, sagt die Dame. Die Inkubationszeit betrage zwei bis zehn Tage. Wenn sich blutiger Durchfall einstelle, solle man sich an den Hausarzt oder ein Krankenhaus wenden.

Und wie weiter? Was könne man tun, um sich gegen eine Infektion zu schützen?

Die Dame sagt, dass das Ministerium noch keine Information darüber besitze, wo der Infektionsherd des Ehec-Erregers liegt. „Und zu 80 Prozent werden diese Primärquellen auch gar nicht gefunden“, sagt die Dame. „Also erst einmal abwarten.“

Die Quelle des Ehec-Keims
Jetzt also doch. Das Robert-Koch-Institut hat sich auf Sprossen als Ursache für die Ehec-Epidemie in Deutschland festgelegt. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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10.06.2011 11:21Jetzt also doch. Das Robert-Koch-Institut hat sich auf Sprossen als Ursache für die Ehec-Epidemie in Deutschland festgelegt.

Notrufnummern sind eine nützliche Erfindung. Durch sie haben Menschen mit der Sorge, was zu tun sei, immerhin einen Ansprechpartner, von dem sie ihre Fragen nicht beantwortet bekommen. Und im Fall der Ehec-Epidemie gibt es viele Fragen. Täglich werden es mehr. Wie man sich gegen die Krankheit wehren kann, die wie eine Magen-Darm-Grippe beginnt, die Nieren versagen lässt und das Gehirn angreift? Warum zunächst eine umgefallene Gurkenpalette den Verdacht auf den Hamburger Großmarkt als Infektionsherd lenkte? Wieso aus der Gurke die Sprosse wurde? Und wie kommt es, dass Ehec nun gar nicht mehr Ehec heißen soll?

Um Antworten bemüht an diesem Montag ist Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner. Im letzten Jahr war es der Dioxin-Skandal in Tierfuttermitteln, der die CSU-Politikerin plötzlich in die erste Kabinettsreihe katapultierte. Sie versprach eine Reform des Kontrollsystems für Tiernahrung. Danach wurde es wieder ruhig. Jetzt tritt sie in schwarzem Hosenanzug vor die Presse, der Raum stickig und überfüllt. In Erwartung schwieriger Fragen wird die Ministerin von zwei Experten begleitet. Es geht um den Schutz der Verbraucher, um Aufklärung, darum, den Menschen die Ängste zu nehmen.

Aber dann sagt Ilse Aigner nur, dass sie keine Entwarnung geben kann. Für die Bundesregierung, sagt Aigner im gedämpften Ton, habe die Ehec-Bekämpfung „höchste Priorität“. Nur Genaues sagen – das können auch die Experten an ihrer Seite leider noch immer nicht. Einer sagt: „Es ist ein normales Infektionsgeschehen.“

Zur Normalität der Epidemie gehört, dass das Robert-Koch-Institut täglich neue Fälle meldet. Binnen einer Woche werden 800 bestätigte Ehec-Verdachtsfälle registriert, normalerweise kommt es in Deutschland im ganzen Jahr zu knapp 900 Infektionen mit diesem Bakterientyp. 21 Menschen sind bereits gestorben, vor allem im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf bleibt die Lage kritisch. „Wir werden weitere Menschen verlieren“, sagt Professor Jörg Debatin.

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