Welt : Er nannte ihn Vater

Noch immer ist unklar, warum der heute 15-jährige Shawn nicht aus der Gewalt des Entführers flüchtete

Christoph von Marschall[Washington]

Mehr als vier Jahre war Shawn Hornbeck von seiner Familie getrennt. Aus einem elfjährigen Kind, das am 6. Oktober 2002 unter unklaren Umständen verschwunden war, ist ein den Eltern fremder Jugendlicher geworden, der die Mutter mit seinem dunklen Lockenkopf überragt. Seit dem überraschenden Auftauchen in Kirkwood, einem Vorort der Millionenstadt St. Louis, Missouri, dank eines Glücksgriffs der Polizei schwelgen Amerikas TV-Sender in Bildern der Wiedersehensfreude. Wegen des Martin-Luther- King-Feiertags erleben die USA ein langes, weitgehend politikfreies Wochenende. Die Ermittler haben eine Nachrichtensperre verhängt. Umso üppiger schießen Fragen und Spekulationen ins Kraut, der Fall erinnert in vielem an das Schicksal der Österreicherin Natascha Kampusch: Warum hat Shawn nie versucht zu fliehen? Wurde er sexuell missbraucht? Was trieb den Entführer?

Der Täter, Michael Devlin, ist ein leicht korpulenter 41-Jähriger mit dünnem Vollbart. Er betreibt eine Pizzeria und verdient nachts Geld dazu als Telefonwache eines Beerdigungsunternehmens. Auf seine Spur kam die Polizei durch Zufall. Am Montag vor einer Woche war ein weiterer Junge verschwunden, der 13-jährige William Ownby, genannt Ben. Tatort war die Landgemeinde Beaufort, 100 Kilometer westlich von St. Louis. Ein Mitschüler hatte beobachtet, wie ein weißer Pick-up mit Camperaufsatz auf der Schotterstraße nahe Bens Haus davonraste, kurz nachdem Ben aus dem Schulbus gestiegen war. Dank der Beschreibung stießen Polizisten, die in einem anderen Fall unterwegs waren, auf den geparkten Wagen in Kirkwood nahe Devlins Mietwohnung im Erdgeschoss eines ärmlichen Apartmentbaus. Dort fanden die Polizisten neben Ben zu ihrer Überraschung den seit vier Jahren verschwundenen Shawn.

Shawn war 2002 ebenfalls in einer Landgemeinde rund 100 Kilometer von St. Louis verschwunden, in Richwoods im Südwesten der Großstadt. Er wollte einen Freund mit dem Fahrrad besuchen. Der Einschnitt veränderte das Leben der Eltern völlig, sie gaben ihre Berufe auf, gingen selbst den spärlichen Spuren nach, gründeten eine Hilfsorganisation für Familien verschwundener Kinder.

In den Pressekonferenzen sagt Shawn kein Wort, so hat es die Polizei empfohlen. Seine Mutter hat in den Jahren der Suche Medienerfahrung gesammelt. Während sie redet, teils mit feuchten Augen, legt Shawn manchmal seinen Kopf auf ihre Schulter. Man kann nur ahnen, welche Aufarbeitung und welche Spannungen diese Familie vor sich hat. Das Wiedersehen mit der Schwester wirkt kühl. Shawn wird sich in den vier Jahren nicht nur äußerlich stark verändert haben. Seine Unterlippe ist jetzt gepierct, er trägt Ohrstecker.

Nachbarn des Entführers berichten, Shawn habe Devlin mit „Vater“ angesprochen. Sie sagen, sie hätten gerne geholfen, aber der Junge habe nie auch nur eine Andeutung gemacht, dass er unfreiwillig hier wohnt. Sie hätten sich nur gewundert, dass er offenbar nicht zur Schule ging. Shawn war nicht eingesperrt wie Natascha Kampusch, er war oft draußen und fuhr gerne Fahrrad. Was hielt ihn beim Entführer? Kinderpsychologen spekulieren in US-Sendern über Schuld- und Schamgefühle, die Shawn wegen seines eigenen Verhaltens haben mochte, und über potenzielle Drohungen: Vielleicht habe Devlin gesagt, er werde Shawns Familie etwas antun, wenn der Junge zu fliehen versuche.

Jüngster Medienaufreger ist eine Internetnachricht aus der Zeit kurz nach der Entführung. Auf der Website der Hilfsorganisation der Familie hinterließ ein Unbekannter die Frage: „Wann hört ihr endlich auf, mich zu suchen? Shawn Devlin.“ War es ein Hilferuf des Jungen – mit dem Nachnamen des Entführers als Spur?

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