Welt : Er war ein Held

Christopher Reeve kämpfte nicht nur als Comicfigur

Rüdiger Suchsland

Die Rolle seines Lebens gab ihm nicht Hollywood. In den frühen 90er Jahren, als sein „Superman“-Ruhm verblich, und er in B-Filmen wie „Nightmare in the Daylight“ Nebenrollen spielte, erklärte Reeve immer wieder ganz offen seine Unzufriedenheit. Für alle blieb er der gutaussehende Athlet, der „Superman“. Ernste Rollen wollte er eigentlich spielen, Dramen, Tragödien. Aber der versuchte Imagewandel misslang, keiner traute ihm zu, leidende, tragische Figuren zu spielen. Reeve war ein Darsteller, der ein bisschen zu gut aussah, dessen Körper ein bisschen zu durchtrainiert war, und der auf der Leinwand ein bisschen zu starr und statisch agierte – zu langweilig auch, um den wirklichen Durchbruch zu schaffen.

Dann kam der 27. Mai 1995. Reeve, der ein exzellenter Reiter war, nahm in Virginia an einem Springturnier teil. Als sein Pferd vor einem Hindernis scheute, stürzte er so unglücklich, dass er von da an vom Kopf abwärts gelähmt im Rollstuhl saß. Es war ein mehr als zynischer Zug des Schicksals, dass ausgerechnet der Darsteller des ungebrochensten, körperlichsten Comic-Superhelden der Kinogeschichte – einer Figur, die bis heute ein Synonym für übermenschliche Körperfähigkeiten ist – nun plötzlich von diesem Körper abgetrennt schien, nur noch ein Kopf war, dessen gefühlloser Leib selbst zum Atmen auf künstliche Hilfe angewiesen blieb.

Als ob die persönliche Katastrophe ihn geadelt hätte, gab dieses Ereignis Christopher Reeve all das, was man ihm als Schauspieler nie zugetraut hat: Tragik, Ernst, Emotionen; ein Heldentum jenseits seiner körperlichen Kräfte.

Reeve nahm sein Schicksal, das andere zerbrochen hätte, voller Lebensmut und Optimismus an. Er zeigte sich in der Öffentlichkeit, ließ diese an seinen mühsam errungenen kleinen Genesungsfortschritten teilhaben, an seinem Kampf um neue Therapiemöglichkeiten. Immer wieder äußerte Reeve die Gewißheit, eines Tages wieder gehen zu können. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Dana gründete und finanzierte er ein Forschungszentrum, das Gelähmten ein besseres Leben ermöglichen sollte. Reeve stellte seinen früheren Ruhm in den Dienst dieser Sache, trat bei Filmpremieren und bei der Oscar-Verleihung auf.

Auch als Schauspieler war er noch einmal aktiv: In einem Remake von Hitchcocks Klassiker „Das Fenster zum Hof“ spielte er im Rollstuhl den Part, den James Stewart 1954 zu einer Meisterleistung der Bewegungslosigkeit gemacht hatte. Christopher Reeve inszenierte mit seiner Familie die uramerikanische Utopie, nach der kein Schicksalsschlag so schwer ist, dass man ihm nicht durch Optimismus und individuellen Mut widerstehen und ihn ins Positive wenden könnte.

Noch in den letzten Wochen war Reeve ein öffentlicher Kämpfer – es ging gegen Präsident George W. Bush und dessen konservative Verurteilung der Stammzellforschung.

Reeve, der am Sonntag an den Spätfolgen seiner Lähmung gestorben ist, erschien bis zum Schluss als der positive Held, als der er seine Karriere begann. Er starb ungebrochen.

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