Welt : Er will alles gestehen

Der Prozess um den Mordfall Jakob von Metzler beginnt. Die Folterdrohung der Polizei behindert ihn nicht, hat das Gericht entschieden

Karin Ceballos Betancur[Frankfurt (Main)]

Sein Bild ist überall. Auf Zeitungspapier klemmt es unter den Armen der Zuschauer, die sich am Mittwochmorgen vor dem Eingang zum Schwurgerichtssaal 165 C des Frankfurter Landgerichts drängen. Später liegt es unter dem Schreibtisch des Gerichtszeichners, der seine Finger knetet, vor sich ein Blatt Papier, ein Lineal und Farbstifte. Und es wird noch viel mehr Bilder geben. Kamerateams und Fotografen bilden einen Halbkreis vor der Tür, durch die sie ihn in den Verhandlungssaal führen werden – ihn, Magnus G., dessen Gesicht schon so oft zu sehen war während der vergangenen Monate, dass der schützende Punkt hinter dem Anfangsbuchstaben schon vielerorts als überflüssig erachtet wird.

Bis zu seiner Verurteilung gilt der Angeklagte nur als der mutmaßliche Mörder des elfjährigen Bankierssohns Jakob von Metzler. Er soll ihn getötet haben, um seinen aufwändigen Lebensstil zu finanzieren. Doch aus den Köpfen der Zuschauer ist das „mutmaßlich“ gestrichen. Am 27. September 2002 soll Magnus G. den Jungen in seine Wohnung gelockt und ihn dort erwürgt, dann vor dem Haus von dessen Eltern seine Lösegeldforderung deponiert haben, bevor er die Leiche des Kindes in einem See bei Birstein versenkte.

Die Kameras der Fotografen surren, als Magnus G. in Handschellen den Saal betritt und auf der hinteren Bank zwischen seinen Verteidigern Hans Ulrich Endres und Stefan Bonn Platz nimmt. Sein blasses Gesicht ist schmaler, als die grobkörnig vergrößerten Aufnahmen vom vergangenen Jahr vermuten ließen. Magnus G. wirkt bieder in Jeans, dunkelblauem Pullover und weißem Hemdkragen, mit ordentlich gescheiteltem dunklen Haar. Seine helle Stimme klingt brüchig, als er die Fragen des Vorsitzenden der 22. Strafkammer, Hans Bachl, beantwortet. Name, Wohnort, Beruf? „Rechtsreferendar“, sagt Magnus G. „Geprüfter Rechtskandidat“, verbessert der Richter, schließlich sei er, der Angeklagte, zum juristischen Referendariat nicht zugelassen. „Nein, noch nicht“, erwidert Magnus G.. Als der 27 Jahre alte Jurastudent die schriftlichen Prüfungen seines ersten Staatsexamens ablegte, war Jakob von Metzler noch am Leben. Die mündliche Prüfung absolvierte er in Untersuchungshaft.

Er blickt ins Leere, als Staatsanwalt Justus Koch die Anklageschrift verliest. Vom Klebeband ist die Rede, das Magnus G. schon Wochen vor der Tat unter seinem Wohnzimmertisch befestigt haben soll, um sein Opfer damit zu knebeln, vom Kennzeichen und vom Typ des Wagens, mit dem er die Leiche anschließend beseitigt haben soll, den leblosen Körper des „Geschädigten“, wie es in der Sprache der Anklageschrift heißt, von Mord aus Habgier und niederen Beweggründen – doch darum wird es im Verlauf des ersten Prozesstages nur noch am Rande gehen. Bereits im Vorfeld hatten die Verteidiger angekündigt, die Einstellung des Verfahrens zu beantragen. Sie tun es auch. Denn außer der Tat selbst ist der Prozess noch wegen eines weiteren Umstands außergewöhnlich. Magnus G. wurde am 30. September 2002 festgenommen, drei Tage, nachdem er den damals elfjährigen Jakob entführt und ermordet haben soll. Zu diesem Zeitpunkt hoffte die Polizei noch, den Jungen lebend zu finden. Deshalb ordnete der Frankfurter Polizei-Vizepräsident Wolfgang Daschner am 1. Oktober „zur Rettung des Kindes“ an, dass Magnus G. „nach vorheriger Androhung unter ärztlicher Aufsicht unter Zufügung von Schmerzen (keine Verletzungen)“ erneut zu befragen sei. Im Klartext: Magnus G. sollte gefoltert werden. Daraufhin gab er den entscheidenden Hinweis, wo er die Leiche des Kindes versteckt hatte.

Nach einer einstündigen Unterbrechung zur Beratung des Antrags betreten die Richter erneut den Saal. Der Vorsitzende Bachl lehnt die Einstellung des Verfahrens ab. Er hebt den Blick vom Papier, als Menschen im Zuschauerraum erleichtert zu klatschen beginnen. „Ich darf Sie doch bitten“, mahnt er scharf.

Weil das Gericht aber von einer so genannten Fortwirkung der Folterdrohung ausgeht, können alle bisherigen Vernehmungen, in denen sich der Angeklagte zur Tat geäußert hat, im Prozess nicht verwendet werden. Doch Magnus G. wird nicht schweigen. Für den nächsten Termin am Freitag hat Rechtsanwalt Endres ein umfassendes Geständnis seines Mandanten angekündigt.

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