Welt : Erdbeben auf Sumatra: Die Bauweise hat vielen Menschen das Leben gerettet

Michael Streck

Hunderte Häuser in und um die Millionenstadt Bengkulu im Westen sind zerstört. Es wird damit gerechnet, dass die Zahl der Toten weiter ansteigt, da noch viele Menschen unter eingestürzten Gebäuden vermutet werden und Nachrichten aus abgelegenen Regionen nur langsam eintreffen. Es besteht weiterhin die Gefahr, dass das Seebeben eine riesige Flutwelle (Tsunami) auslöst, die auf die Küste der betroffenen Region prallt.

Der erste Erdstoß hatte die Bevölkerung um 23.28 Ortzeit am Sonntag aufgeschreckt. Elf Minuten später folgte ein Nachbeben der Stärke 6,7. Das ganze Ausmaß der Schäden war am Montagmorgen noch nicht bekannt. Das Epizentrum lag rund 110 Kilometer vor der Westküste von Sumatra und war noch in Singapur und der indonesischen Hauptstadt Jakarta spürbar.

Das Erdbeben überraschte die Menschen im Schlaf. Gemessen an diesem Umstand und seiner Stärke - das Beben in der Türkei vergangenen Herbst hatte eine Stärke von 7,0 auf der Richterskala, rund 20 000 Menschen starben - sind die bislang festgestellten Schäden jedoch vergleichsweise gering ausgefallen.

Die Küstenebene der langgestreckten Insel ist zwar dichter besiedelt als das zentrale Hochland, dennoch könnte sich die Bauweise vieler Häuser als rettend erweisen. Wie überall in den Zentren der Großstädte auf Sumatra stehen auch in Bengkulu einige mehrstöckige Büro- und Geschäftsgebäude, ansonsten dominieren niedrige, meist einstöckige Wohnhäuser. Auch fehlen abenteuerliche Brückenkonstruktionen, die einstürzen können.

Die Städte auf Sumatra wachsen unaufhörlich, dennoch gleichen sie oft eher einer Ansammlung von Dörfern. Städtisch sind allenfalls Größe und Einwohnerzahl, das Leben bleibt ländlich. Es herrscht das Bauprinzip Wohngarage: Vier Wände aus Stein oder Sperrholz und ein Dach aus Wellblech. Diese können sicher leicht zusammenfallen, aber ihr Gewicht reicht kaum, um vielen Menschen tödlichen Schaden zuzufügen. Die Gefahr von Bränden ist gering, denn es gibt keine Gasleitungen, die explodieren können. Gekocht wird meist noch über offenem Feuer.

Der Strom kommt überwiegend aus der Batterie und nicht aus der Steckdose. Kurzschlüsse sind daher selten.

Auch die Existenz einiger Großstädte soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Menschen auf Sumatra immer noch in Dörfern leben. Hier wird traditionell mit dem gebaut, was die Natur hergibt: Aus Holzbalken und Brettern werden Wände gezimmert, Palmwedel schützen vor Regen. Holz regagiert auf Erdbebenwellen viel elastischer als Stein, schwingt eher mit und lässt im Ernstfall mehr Zeit zur Flucht. Zudem wird die Gesundheit der Bewohner nicht von umstürzenden Schrankwänden, Fernsehern oder Kühlschränken bedroht - Wohnungen bestechen durch spartanische Ausstattung. Manchmal gibt es Tisch und Stuhl aus leichtem Bambusrohr.

Gefahren von Fabrikanlagen drohen kaum. Der Westen Sumatras verfügt über keine nennenswerten Industriegebiete. Ausgedehnte Reisfelder, Plantagen für Öl- und Kokospalmen sowie schnellwachsende Holzsorten für die Papierproduktion bestimmen das Landschaftsbild.

Für das wirtschaftlich schwer angeschlagene Indonesien kommt diese Naturkatastrophe dennoch zu einer denkbar ungüstigen Zeit. Die Wirtschaft auf Sumatra liegt am Boden und die staatliche Ordnung ist weitgehend zusammen gebrochen. Auch Touristen verirren sich kaum noch hierher, nachdem die Insel auf Grund des blutigen Krieges zwischen der indonesischen Armee und separatistischen Rebellen in der nördlichen Provinz Aceh seit Monaten nicht mehr aus den Schlagzeilen kommt.

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