Erdbeben : Chinesische Welle der Hilfsbereitschaft

Aus allen Ecken kommt Hilfe bei den Opfern an, die Chinesen haben ihr brüderliches Nationalgefühl entdeckt: Freiwillige helfen im Erdbebengebiet, Unternehmer verschenken Nudeln, Bettler spenden ihren letzten Yuan. China ist von sich selbst begeistert.

Andreas Landwehr[dpa]
China
Hilfsgüter werden in China verteilt. -Foto: AFP

Peking Das Erdbeben in Südwestchina hat im Lande eine unbekannte Welle der Hilfsbereitschaft und des Aktivismus ausgelöst. Freiwillige fahren ins Erdbebengebiet, um den Opfern zu helfen. Ein Autoclub wohlhabender Chinesen kauft Nahrung, Trinkwasser, Medizin und transportiert die Hilfsgüter zu den Obdachlosen. In Schlangen stehen die Menschen zum Blutspenden an. Hunderte Millionen Yuan, umgerechnet zig Millionen Euro, kommen an Spenden von Privatleuten und Unternehmen zusammen. Kinder geben ihr Taschengeld. Selbst ein Bettler soll 100 Yuan (10 Euro) Ersparnisse geopfert haben. Eine stillende Mutter hat in einem Notaufnahmelager gleich noch andere Babys an die Brust gelegt, die ihre Mütter verloren haben. Tausende Paare haben sich bereiterklärt, Waisenkinder zu adoptieren.

Eine breite Berichterstattung in den Medien, die bisherige Grenzen überschreitet, bringt dem Milliardenvolk die Katastrophe direkt ins Wohnzimmer. "Die Berichterstattung rund um die Uhr hat die Menschen betroffen gemacht", sagte die 24-jährige Werbefachfrau Sky Wang. "Blogger, SMS-Kurznachrichten und Messenger haben auch eine große Rolle gespielt." Taxifahrer transportieren Hilfsgüter. Kaufleute verschenken Fertignudeln. Selbst eine Selbsthilfegruppe von HIV-infizierten Bauern bot Hilfe an. "Unser Blut ist schlecht, aber wir könnten etwas Geld schicken", zitierte die "China Daily".

Mutige chinesische Journalisten hatten sich in den ersten Stunden nach dem Beben über die Anweisung der Zensur hinweggesetzt, sind ins Erdbebengebiet gefahren und haben durch ihre Berichterstattung die Offenheit erzwungen. Immerhin war selbst Regierungschef Wen Jiabao sofort hingeflogen. Auch ist das Ausmaß der Katastrophe so gewaltig, dass die Propagandamaschinerie aus der Not eine Tugend machte und den Ministerpräsidenten und die Volksbefreiungsarmee in den Mittelpunkt rückte. Dazu gehörte natürlich das Leid der Opfer, die vor der Kamera weinten und trauerten. Selbst ein heikles Thema wie der Einsturz vieler Schulen durch Pfusch am Bau wurden angesprochen, wenngleich nur sehr begrenzt. Ganz so weit geht die Offenheit auch wieder nicht. Immerhin ordnete die Regierung aber sofort eine Untersuchung an.

Die Menschen können heute mehr geben

"Die hohe Geschwindigkeit der Kommunikation hat den Leuten geholfen, die wahre Situation im Katastrophengebiet zu erkennen", sagte die 24-jährige Kauffrau Xiao Ya. "Die Bilder und Filme haben ihre Herzen sehr berührt." Die Chinesen haben heute auch etwas zu geben. "Die Leute sind im Vergleich zu früher reich, auch ist China stärker", sagte Sky Wang. "Wenn ich es mit der Reaktion in Birma nach dem Zyklon vergleiche, bin ich stolz auf China." Mit dem Wohlstand in den Städten haben sich auch Umwelt-, Naturschutz- und andere Gruppen gebildet, die sich um gesellschaftliche Probleme kümmern, aber von der Regierung misstrauisch beäugt und kontrolliert werden. Es sind die Anfänge einer Zivilgesellschaft, der enge Grenzen gesetzt sind.

Nicht ohne Stolz wird die neue Hilfsbereitschaft diskutiert. China ist von sich selbst überrascht. Es wird eingeräumt, dass Mitgefühl unter Chinesen häufig nur in der Verwandtschaft existiert oder unter Freunden. Plötzlich spenden Chinesen aber für Wildfremde, empfinden ein neues, brüderliches Nationalgefühl. "Ich bin stolz auf China", ist angesichts dieser spontanen Hilfe zu hören. Zeigte sich nach den Unruhen in Tibet und den Zwischenfällen beim olympischen Fackellauf eher ein unverstandener Nationalismus, der sich fast böse gegen das Ausland richtete, demonstriert China im Zeichen der Katastrophe, dass sein Nationalismus auch eine menschliche und mitfühlende Seite hat.

Bevor aber alles wieder vorbei ist, plädiert die Pekinger Zeitung "Xinjingbao" für anhaltende Offenheit, damit die Hilfsbereitschaft nicht nachlässt. Berichte müssten "transparent und aktuell" bleiben, um die Kluft zwischen den Opfern in Sichuan und dem Rest des Volkes zu verringern, forderte das Blatt indirekt mehr Pressefreiheit. Der Akademiker Tang Hao sprach sich in der Zeitung dafür aus, über das Rote Kreuz hinaus mehr Wohltätigkeitsorganisationen zuzulassen. "Ein Monopol erzeugt immer Korruption - nicht nur im politischen, sondern auch im gesellschaftlichen Bereich", lautete seine Warnung, die in Chinas Ein-Parteien-Herrschaft doch auffallend vieldeutig klingt.

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