Welt : Erdbeben: Der Kampf der Retter mit der Bürokratie

Gabriele Venzky

Der alte Mann ist entschlossen, sich nicht abschütteln zu lassen. Mit eisernem Griff klammert er sich an den blauen Overall des französischen Erdbebenspezialisten. "Hol meinen Sohn da raus", schreit er flehentlich und zeigt auf ein Gewirr von Beton, Eisen und Holz. "Er ist das einzige, was ich besitze." Doch der Franzose schüttelt den Kopf. "Zwecklos. Viel zu spät". Die ausländischen Experten bereiten sich auf ihren Abflug vor. Ihre Aufgabe ist es, Lebende zu retten, nicht Tote zu bergen. Dabei hätte der Sohn des alten Mannes vielleicht gerettet werden können, wenn das Suchteam früher in diesem Dorf in der Nähe von Bhachau eingetroffen wäre. Nicht nur dieser Sohn, sondern vielleicht Tausende andere, die im Erdbebengebiet von Gujarat unter den Trümmern begraben liegen.

Die Spezialisten aus dem Ausland mit ihren hochempfindlichen Horchgeräten und ihren Suchhunden hätten die noch Lebenden ausfindig machen können, sogar am Montag gab es eine Überlebenschance, ja selbst am Dienstag, fünf Tage nach der Katastrophe wurden noch vier Überlebende gefunden und am Mittwoch, sechs Tage danach, wurde eine 55-jährige Frau gefunden, der man freilich beide Beine amputieren musste.

Zuerst Marsch durch die Institutionen

Aber nun? Die Spezialteams aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz, der Türkei und Japan, aus England und den USA waren meist bereits am Sonnabend in Indien, einen Tag nach der Katastrophe. Genug Zeit, um Lebende in den Trümmern zu finden. Aber nach ihrer Ankunft begann für sie nicht der Marsch ins Erdbebengebiet, sondern der Marsch durch die Institutionen, durch die Mühlen der indischen Bürokratie. Die Helfer wurden hierhin geschickt, dann dorthin, dann aber vielleicht doch lieber an einen dritten Ort. Nein, Transport könne man leider nicht zur Verfügung stellen, schweres Gerät zur Rettung der Aufgespürten leider auch nicht. Ortskundige Führer? Leider habe man sich darum nicht gekümmert, Dolmetscher - warum das? Den Briten untersagte man sogar, ihre Hunde ins Land zu bringen.

Niemand wußte, wo die eingeflogenen Rettungsteams am besten anfangen sollten - ein heilloses Durcheinander herrschte und herrscht noch immer bei den Behörden. "Dabei kam es auf jede Minute an, und wir haben Stunden und Tage verloren, die einzige Zeit, in der wir noch jemanden hätten retten können", sagt der Franzose wütend. Wütend ist auch der Koordinator des Internationalen Roten Kreuzes in Gujarat, ein Norweger. In der zerstörten Stadt Bhuj ist die größte Hilfsaktion in der Geschichte seiner Organisation angelaufen. Stündlich landen die Transporter auf dem notdürftig instandgesetzten Fliegerhorst der indischen Luftwaffe, tonnenweise werden die Hilfsgüter herbeigeschafft, Zehntausende von Decken, zwei ganze Nothospitäler, Medikamente, Nahrung, alles viele Milionen Dollar wert und dringend benötigt.

Aber der Mann weiß nicht, wer ihm beim Ausladen helfen soll, es muss ja alles per Hand erledigt werden, er weiß nicht, wo er mit seinem Einsatz anfangen soll, er weiß auch nicht, wo all das Material sicher gelagert werden, geschweige denn sicher weitertransportiert werden soll. Ein Teil der Hilfsgüter ist bereits verschwunden. Es kommt zu Plünderungen von Hilfsgütern. Nach unbestätigten Berichten hat die Polizei jetzt Anweisung, auf Plünderer zu schießen. Doch von Seiten der indischen Behörden ist niemand da, der auch nur das Notwendigste mit dem Rot-Kreuz-Mann abspricht. Die indischen Autoritäten sind nämlich vollauf damit beschäftigt, die Besuche ihrer VIPs, ihrer Very Important People zu organisieren, der Minister und Filmstars, die sich im Katastrophengebiet sehen lassen und des Premierministers, um den sie den ganzen Montag herumschwänzelten. Da hat man keine Zeit für die ausländischen Helfer und die "Operation Rettung". Koordination ist hier ein absolutes Fremdwort.

Das beste Beispiel dafür ist Bhuj, die Distrikthauptstadt, die einmal 200 000 Einwohner hatte. Die Menschen sind fast alle geflohen, und dennoch wälzt sich ein nicht enden wollender Strom von Männern, Frauen und Kindern durch die wenigen Straßen, die inzwischen geräumt sind, Stoßstange an Stoßstange stehen die Lastwagen, so dass für Rettungskräfte in die weiter draußen liegenden Ortschaften absolut kein Durchkommen ist. Weil dort bisher niemand angekommen ist, haben sich die verzweifelten Menschen auf den Weg gemacht, halbverhungert, halbverdurstet - auf der Suche nach Hilfe.

0 Kommentare

Neuester Kommentar