Erdbeben-Hilfe : Das Krankenhausschiff vor Haiti

Am Tag nach dem Erdbeben in Haiti fuhr sie los: die USNS Comfort, das Lazarettschiff der US-Armee. In ihrem Bauch kämpfen hunderte Ärzte gegen schlimmste Verletzungen – und ihre Gefühle.

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Foto: Ingrid Müller
06.02.2010 08:56Imposante Erscheinung. Das amerikanische Lazarettschiff USNS Comfort ist ein umgebauter Öltanker mit 70 000 Tonnen und 273 Metern...

Der Helikopter fliegt noch einen großen Bogen vor der Küste Haitis, dann ist er da: Lärmend setzt Navy HSC-28 um 15 Uhr 01 auf der USNS Comfort auf. Zwei Mann in bunten Monturen sichern die Reifen, die Türen fliegen auf, GIs laufen über das Flugfeld des US-amerikanischen Lazarettschiffs, das 15 Beibootminuten vom Hafen in Port-au-Prince vor Anker gegangen ist.

Schon eilen vier Mann mit einer Trage zum Hubschrauber, darauf eine Patientin, die wieder zurückkehren kann auf die vom Erdbeben zerstörte Insel. Dann wird ein zweiter Patient durch die Glut des Nachmittags getragen, zwei Krücken liegen auf seiner Trage. Die Rotorblätter kreisen weiter. Um 15 Uhr 18 gibt der Einweiser das Signal zum Abflug, der Hubschrauber zieht davon, und bevor es still geworden wäre, kommt der nächste, der 614 HS-15 von der USS Vinson. Es ist 15 Uhr 20.


Bis zu 50 Helikopter landen und starten Tag für Tag auf der USNS Comfort, dem schwimmenden Krankenhaus, das 1976 bei seiner Inbetriebnahme ein Öltanker war, ein riesiger Pott, 272 Meter lang, 32 Meter breit, zehn Meter hoch. Von Sonnenauf- bis -untergang sind die Piloten im Einsatz. Manchmal auch nachts. Einmal haben sie einen drei Monate alten Jungen gebracht, der bei einem der Nachbeben unter einer Mauer begraben wurde und schwere Schädelverletzungen hatte. Sie haben ihn sofort nach unten in den Intensivtrakt gebracht. Helfen konnte sie dem Baby aber nicht mehr.

Die weiße USNS Comfort wirkt, wie sie da auf türkisfarbenem Wasser unter blauem Himmel vor der Küste liegt, fast wie ein Kreuzfahrtschiff, wären nicht im Hafen all die Trümmer, das eingestürzte Leben. Auf 200 000 schätzt Haitis Regierung inzwischen die Zahl der Toten, dazu kommen rund 300 000 Verletzte. Einigen von ihnen kann auf dem Schiff geholfen werden, das schon am 13. Januar, also am Tag nach dem Beben, den Befehl bekam zum Auslaufen. Seit dem 20. Januar wird operiert. Die Ärzte, Schwestern und Pfleger an Bord haben längst Ringe unter den Augen. 14 bis 16 Stunden am Tag arbeiten sie, hasten über die Flure, reden mit den Patienten, operieren in insgesamt zwölf OP-Sälen, in einem davon rund um die Uhr. Viele der Hundertschaften von Personal sind seit der Ankunft im Dauereinsatz – sie sind an ihren physischen und teilweise auch an ihren psychischen Grenzen, denn manche Verletzungen sind grauenvoll.

Die USNS Comfort, gekennzeichnet durch riesige rote Kreuze an den Bordwänden – sie anzugreifen wäre ein Kriegsverbrechen –, hat alles dabei, was ein Krankenhaus in einem westlichen Land zu bieten hat, Intensivabteilung, Spezialbetten, blitzende Operationsbestecke, Röntgenräume, Blutbank, Überwachungsmaschinen, die technischen Standards sind hoch. Anders als an Land, wo sich Ärzteteams aus aller Welt in halb eingefallenen Kliniken, in aufgeheizten Zeltlazaretten bei schwersten Operationen wie Amputationen teils noch immer mit Taschenmessern und Vorhängen behelfen, auf Schultischen operieren. Sie alle können aber ihre besonders schweren Fälle bei den Amerikanern anmelden, und sie sind froh darum.

Doch auch die Ärzte an Bord haben das Gefühl, nicht genug zu schaffen. „Du kommst einfach nicht hinterher“, sagt der medizinische Direktor Andrew Johnson. „Die Aufgabe hier ist nicht unmöglich, aber extrem schwierig.“ Sie wünschten sich, das Schiff wäre schneller vom Heimathafen Baltimore im US-Ostküstenstaat Maryland nach Haiti gekommen. Mit jedem Tag steigt das Infektionsrisiko. Nun arbeiten sie im Akkord. Am Vortag haben sie 50 OPs gemacht. „Es sind so viele und so schwere Verletzungen, so etwas gibt es nicht einmal im Krieg“, sagt Chefchirurg Timothy Donahue, schwarze Brille und leicht verrutschter grüngrauer Kittel. Er wischt sich kurz durchs Gesicht. „Nicht einmal im Irak oder Afghanistan haben sie solche Verletzungen. Da gibt es Schusswunden und Explosionsverletzungen. Aber 100 Menschen an einem Tag mit zerquetschten Gliedmaßen …“

Er spricht den Satz gar nicht zu Ende. Weil die Patienten derart schwer getroffen sind, ist die Comfort mit 500 Patienten schon voll belegt. Sieben Patienten, vor allem mit schweren Verbrennungen, haben sie in die USA ausgeflogen. Deren Pflege wäre so intensiv geworden, dass andere Patienten darunter gelitten hätten. „So etwas können wir nicht einmal hier an Bord leisten.“

Was sie leisten können, haben sie auf ihrer Homepage aufgelistet. 1500 Verletzte wurden 2005 behandelt, als der Hurrikan Katrina New Orleans verwüstet hatte und die Comfort vier Wochen lang vor der Golfküste lag. 2003 war das Schiff 56 Tage lang als schwimmendes Traumacenter im Persischen Golf, an Bord wurden 700 Verletzte des zweiten Golfkriegs, der Operation Iraqi Freedom, behandelt, 200 von ihnen irakische Zivilisten. Sie lagen nach den Anschlägen von 9/11 vor der Küste New Yorks, waren 1991 beim ersten Golfkrieg und dazwischen auch schon einmal in Haiti, 1994, als die USA im UN-Auftrag in den dortigen Bürgerkrieg eingriffen.

Krankenpfleger Johannes Bailey, ein Hüne im blauen Overall, steckt kurz den Kopf aus dem Labyrinth der Vorhänge, hinter denen die Patienten behandelt werden. „Hallo, guten Tag“, ruft er auf Deutsch. Baileys Vater ist Amerikaner, seine Mutter lebt in Rheinland-Pfalz. Die Brille hat er hier unten im neonbeleuchteten Bauch aufs Haar geschoben. Eine pinkfarbene Schere klemmt am Gürtel. Seit 1996 ist Bailey bei der Navy, stationiert in Portsmouth, Virginia. Grüße an die Mutter in Worms will er rasch loswerden, bevor er schon wieder in einem der zahllosen Gänge mit dem leuchtend roten Boden verschwindet. Bailey will bleiben, bis der Einsatz zu Ende ist. Im Moment ist von sechs Monaten die Rede.

Sie haben es diesmal mit verängstigten Menschen zu tun. Die müssen sie beruhigen, stabilisieren, aufklären. 20 Übersetzer gehören zum Team, 85 weitere haben sie an Bord geholt, denn viele ihrer Patienten sprechen nur Kreolisch.

So wie Kethley Felix. Die 16-Jährige mit einem metallenen Schraubengestell am rechten Unterschenkel liegt im OP-Vorbereitungsraum, auf ihren Verband haben sie Anweisungen geschrieben, die grüne Krankenakte liegt am Fußende des Bettes. Kethley Felix wohnt in Carrefour, eine Autostunde vom Zentrum der Hauptstadt entfernt. Sie sei bei dem Beben als einzige aus ihrer Familie verletzt worden, sagt die junge Frau mit den kleinen geflochtenen Zöpfchen mit heiserer Stimme. Timothy Donahue begutachtet ihr Bein. „Die Wunde ist sehr tief. Aber eine Amputation wird nicht nötig sein“, sagt er zu seiner zerbrechlich wirkenden Patientin zwischen den grünen Laken und schaut dann auf Huguens Sainte. Der 41-Jährige ist gebürtiger Haitianer und seit 1996 in den Diensten der Navy. Ein Freund hat ihm den Job vermittelt, „ich hatte Schulden, Kreditkartenschulden“, sagt er ein wenig verlegen. Jetzt hilft der Maschinist seinen Leuten als Übersetzer. Huguens Sainte ist für die Patienten ein kleines bisschen Vertrautheit in dieser fremden Welt des amerikanischen Hospitalschiffs. Dann kommen ein Pfleger in Dunkelblau und eine Schwester und bereiten Kethley Felix für ihre OP vor.

In den ersten Tagen kamen viele Patienten mit gebrochenen und gequetschten Armen und Beinen – viele zu schwer verletzt oder zu spät, als dass man die Gliedmaßen hätte retten können. Sie alle musste Huguens Sainte im Namen der Ärzte fragen, ob sie mit einer Amputation einverstanden seien. Nicht alle stimmten zu. „Einige vertrauen auf Gott, auf ihre Religion“, erzählt Oberpfleger Thomas Olivero. „Wir sagen ihnen, sie werden an einer Infektion sterben, wenn wir ihnen das Bein nicht abnehmen. Aber manche lehnen trotzdem ab.“

Für die Helfer ist es schwer, wenn sie hören, dass ihre Patienten da draußen nicht als Behinderte weiterleben wollen, auf die Hilfe anderer angewiesen. „Aber wir müssen das respektieren“, sagt Olivero, er steht im gnadenlosen Neonlicht, hat sich an die Wand gelehnt, auch er ist körperlich an der Grenze. „Das ist ihre Kultur, ihre Religion, sie müssen entscheiden, was für sie Leben ist.“ Sie haben dabei Unterstützung. Jeder Patient, der auf das Krankenhausschiff kommt, darf einen Begleiter mitbringen. In einem Fall haben sie sogar einen großen Familienrat möglich gemacht. „Wir lassen den Betroffenen eine Nacht Zeit“, sagt Olivero. „Aber dann müssen sie ihre Entscheidung treffen. Und die gilt dann.“ Sogar Eltern hätten schon die lebensrettende Operation für ihre Kinder abgelehnt, sagt er.

Die vielen Kinder auf der Intensivstation. Die haben sie sonst nicht. Das nimmt die Militärärzte mit. Weshalb sie auch den drei Monate alten Jungen nicht so schnell vergessen werden, der bei ihnen im Intensivtrakt starb. Den der Vater fünf Tage nach dem Beben noch mit den bloßen Händen aus den Trümmern des Hauses holte. Den er dann zum Hafen getragen hatte, der es sogar noch auf die Comfort schaffte, aber dann eben nicht weiter.

Solche Geschichten fordern das Team anders als das Operieren verletzter Soldaten. Sie haben für die Kinder inzwischen Plüschtiere gekauft. 

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