Erdbeben-Hilfe : USA entsenden weitere 4000 Soldaten nach Haiti

Retter und Helfer arbeiten in Haiti rund um die Uhr, bisher reicht das aber nicht aus. Das US-Militär stockt daher die Truppe vor Ort auf, die UN stellen Räumarbeiter an.

Mehr als eine Woche nach dem Erdbeben in Haiti mit bis zu 200.000 Toten suchen Tausende Rettungskräfte in den Trümmern weiter nach Überlebenden. Vereinzelt konnten die Helfer Menschen lebend bergen. In der zu mehr als 50 Prozent zerstörten Hafenstadt Jacmel an Haitis Südküste retteten Helfer aus Kolumbien und Frankreich ein erst 22 Tage altes Baby, wie die kolumbianische Feuerwehr in Bogotá mitteilte. In der Hauptstadt Port-au-Prince zogen Nachbarn ein elfjähriges Mädchen aus einem zerstörten Haus.

"Es ist ein wahres Wunder, sie kommt Stück für Stück zurück ins Leben", sagte die Ärztin Dominique Jean. "Das macht Mut, und deshalb werden wir weitermachen. Solange es eine Chance gibt, Menschen zu retten, werden wir sie nutzen", sagte UN-Nothilfekoordinator John Holmes in New York. Insgesamt seien bisher mehr als 120 Überlebende gerettet worden.

Trotzdem sinkt die Wahrscheinlichkeit weiterer Erfolge rapide. Das starke Nachbeben vom Mittwoch erschwerte die Suche. Viele beschädigte Gebäude stürzten gänzlich in sich zusammen, Berichten zufolge kamen dadurch mehrere Menschen ums Leben. Etwa 20 Straßenhändler seien beim Einsturz eines Hauses unter den Trümmern begraben worden. Ein deutsches Rettungsteam suchte vorerst erfolglos nach den Verschütteten.

Andere Rettungskräfte stellten ihre Arbeit bereits ein. Eine Hilfsmannschaft aus dem US-Bundesstaat Florida verließ den Karibikstaat, auch Teams aus Belgien, Luxemburg und Großbritannien sind Berichten zufolge nicht mehr vor Ort. Helfer des französischen Internationalen Rettungskomitees (Cosi) zogen sich in die benachbarte Dominikanische Republik zurück, nachdem sie von bewaffneten Männern angegriffen worden waren.

Insgesamt wurden in Haiti der EU-Kommission zufolge bisher etwa 80.000 Menschen begraben. Die Zahl der Obdachlosen liege bei zwei Millionen, dringend Hilfe bräuchten 200.000 Menschen. Obwohl entsprechende Maßnahmen langsam in Gang kommen, reichen sie noch nicht aus.

In Port-au-Prince herrschten nach wie vor chaotische Zustände. Abertausende Menschen irrten durch die Trümmer, Tausende flüchteten aus der Hauptstadt. Viele Verletzte warten seit Tagen auf medizinische Erstversorgung, die Krankenhäuser und Notfallzentren sind vollkommen überfüllt. Die Ärzte können teilweise nur mit örtlichen Betäubungen operieren, da Narkosemittel fehlen. Mediziner aus aller Welt arbeiten rund um die Uhr, um die Menschen zu behandeln. Ein wenig Entlastung brachte das vor Port-au-Prince eingetroffene US-Lazarettschiff Comfort, auf dem bis zu 1000 Patienten behandelt werden können.

US-Soldaten brachten schweres Räumgerät an Land und verteilten am Strand von Leogane Lebensmittelpakete sowie Zelte an die Haitianer. Zur Unterstützung der Hilfsarbeiten will das Militär zudem weitere 4000 Soldaten schicken. Die Angehörigen von Marine und Marineinfanterie sollten anstelle geplanter Entsendungen nach Europa und Nahost nach Haiti umgeleitet werden, teilten die Streitkräfte mit. Der Marschbefehl sei schon am Dienstag an eine Flugzeugträgerkampfgruppe und eine Einheit der Marineinfanterie ergangen.

Kritik an der Entsendung der Truppen kam aus Venezuela und Bolivien. Der venezuelanische Präsident Hugo Chávez warf der USA vor, in Haiti die Macht übernehmen zu wollen. Der bolivianische Präsident Evo Morales kritisierte, die Soldaten seien in Haiti einmarschiert, ohne dies mit den Vereinten Nationen abzusprechen. Sie würden die Naturkatastrophe benutzten, um Haiti "militärisch zu okkupieren". Die USA haben bereits rund 11.000 Soldaten nach Haiti entsandt. Auch Brasilien will 800 zusätzliche Soldaten schicken.

Der zerstörte Hafen in Port-au-Prince soll in den nächsten Tagen wieder teilweise geöffnet werden. Dann könne vielleicht wieder die Hälfte seiner ursprünglichen Kapazität genutzt werden, sagte US-General Kan Keen. Wenn dort wieder Schiffe mit Hilfslieferungen anlegen könnten, werde auch der völlig überfüllte Flughafen entlastet. Derweil berichtete die Zeitung Miami Herald unter Berufung auf einen Admiral, dass die US-Marine auf ihrem Stützpunkt Guantánamo auf Kuba etwa 100 Zelte aufgebaut habe, um mögliche Flüchtlinge aus Haiti aufzunehmen. Das umstrittene Gefangenenlager ist rund 30 Minuten Fährweg von Haiti entfernt.

Der UN-Koordinator John Holmes sagte, der Fokus der Helfer liege jetzt auf der Versorgung mit Wasser und Nahrungsmitteln. Dies sei jedoch nach wie vor problematisch, da neben der völligen Überlastung des Flughafens auch Kraftstoff für Tankwagen und andere Lastwagen fehle. Trotzdem bleibe es das Ziel, zwei Millionen Menschen sechs Monate lang versorgen zu können. "Das ist ein harter Weg und wir stehen noch ganz am Anfang", sagte Holmes.

Die UN widmen sich zudem verstärkt dem Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur des Landes. "Wir haben in einem ersten Schritt 400 Haitianer angestellt, zum Ende der Woche sollen es 700 sein", sagte die Chefin des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP), Helen Clark, in New York. Die Helfer sollen vor allem Trümmer beseitigen, Straßen ausbessern und die Infrastruktur reparieren. Dafür würden sie fünf Dollar (etwa 3,50 Euro) am Tag bekommen.

"Wir müssen die Menschen schnell wieder beschäftigen und zugleich die Schäden des Bebens beseitigen. Deshalb haben wir für das Programm 35,6 Millionen Dollar angefordert", sagte Clark. Ziel des "Cash for Work"-Programms ("Bares für Arbeit") sei es, einmal 220.000 Menschen Arbeit zu geben. "Aber der Wiederaufbau eines so großen Gebietes wird Zeit kosten. Das ist keine kurz- und auch keine mittelfristige Aufgabe."

"Die Haitianer sollten die Hauptakteure beim Aufbau sein", sagte Eric Overvest, UNDP-Chef in Haiti. "Wenn wir für Beschäftigung sorgen, normalisiert dies das Leben der Menschen mehr als ein Leben von Hilfsgütern. Es ist gut, ein unabhängiges Einkommen zu haben und Nahrung kaufen zu können." Das sorge für Selbstbewusstsein und Würde. Die UN hatten in Haiti ein ähnliches Programm bereits vor zwei Jahren infolge von verheerenden Wirbelstürmen aufgelegt.

Quelle: ZEIT ONLINE, dpa, Reuters, AFP

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