Erdbeben in Chile : „Man hört Kinder unter den Trümmern schreien“

Das Erdbeben in Chile trifft die Küstenstadt Concepción besonders hart und richtet auch in der Hauptstadt Santiago Verwüstungen an

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Naturgewalt. Einwohner von Concepción machen sich ein Bild von den Zerstörungen auf einer Schnellstraße vor ihrer Stadt. Foto:...X01494

Santiago de Chile/Paris - Es war eines der schwersten jemals gemessenen Erdbeben. Und es hat mindestens 147 Menschen in Chile in den Tod gerissen. Das Jahrhundertbeben am frühen Samstag erreichte die Stärke 8,8 und löste eine Flutwelle aus. Für nahezu die gesamte Pazifikregion wurde eine Tsunami-Warnung ausgerufen – von Südamerika, über Hawaii bis Japan und Neuseeland. Auf der chilenischen Pazifik-Insel Robinson Crusoe rissen die Wassermassen mehrere Menschen fort und richteten schwere Zerstörungen an. Chiles Staatspräsidentin Michelle Bachelet rief Katastrophenalarm aus.

Die mächtigen Erdstöße um 3.34 Uhr Ortszeit hatten die Menschen im Schlaf überrascht. Viele rannten in Panik aus ihren Häusern und kampierten aus Angst vor Nachbeben im Freien. Das Epizentrum lag nach Angaben der US-Erdbebenwarte etwa 92 Kilometer nordwestlich der Küstenstadt Concepción. Die Erde bebte in fast 60 Kilometern Tiefe. In schneller Folge gab es mehr als 20 Nachbeben mit Stärken von bis zu 6,9. Hunderte Menschen wurden noch unter den Trümmern vermutet.

Das ganze Ausmaß der Zerstörung vor allem in der Region um die Großstadt Concepción etwa 500 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago war zunächst unklar. Der Sitz der Regionalregierung soll zerstört worden sein. Mauern von Gefängnissen und mehrstöckige Gebäude stürzten ein. Ein TV-Reporter berichtete: „Es gibt keine Straße in Concepción, wo kein Schutt liegt. Man hört Kinder unter den Trümmern schreien.“ Unter einem eingestürzten Wohnhaus wurden 150 Menschen vermutet. Das heftigste je auf der Erde gemessene Beben hatte eine Stärke von 9,5 und ereignete sich 1960 ebenfalls in Chile. Damals starben 1655 Menschen.

Das chilenische Fernsehen zeigte Bilder von eingestürzten Wohnhäusern, Krankenhäusern, brennenden Gebäuden, zerstörten Brücken, auch in Santiago. Vor allem an älteren historischen Gebäuden wie Kirchen und Lehmziegelbauten entstanden schwere Schäden. In der Hauptstadt stürzten auch neue Autobahnbrücken ein. Die wichtigste Straßenverbindung von Santiago in die besonders betroffenen Gebiete war zunächst unterbrochen. Internet und Telefone funktionierten nicht. Die Strom-, Gas- und Wasserversorgung brach zusammen. Die Hochhäuser in Santiago hielten den heftigen Erdstößen jedoch stand.

Der internationale Flughafen von Santiago wurde erheblich beschädigt und für mindestens eine Woche geschlossen. Im Fernsehen waren eine eingestürzte Fußgängerbrücke zum Abflugbereich des Flughafens und heruntergefallene Deckenverkleidungen zu sehen. Die Behörden überprüften außerdem die Landebahn auf mögliche Schäden. Der Flughafenchef konnte zunächst nicht sagen, wann der Flugbetrieb wieder aufgenommen werden kann.

Präsidentin Bachelet rief die Menschen auf, Ruhe zu bewahren und zu Hause zu bleiben. Die Staatschefin flog in das Katastrophengebiet und versprach den Opfern schnelle Hilfe. An der Küste nahe dem Epizentrum löste der Tsunami Überschwemmungen aus. Eine 2,3 Meter hohe Flutwelle brach über die Stadt Talcahuano herein.

Die Teilnahme der Olympia-Mannschaft Chiles an der Schlussfeier in Vancouver an diesem Sonntag war wegen des Bebens infrage gestellt. Die Athleten und Trainer würden sich bemühen, schnellstmöglich in ihre Heimat zurückzukehren, sagte Teamsprecher Luis Alberto Santa Cruz am Samstag.

Nach dem Erdbeben war zunächst unklar, ob auch Deutsche unter den Toten oder Verletzten sind. „Ich habe noch keine Erkenntnisse darüber, ob es deutsche Opfer gibt“, sagte Außenminister Guido Westerwelle am Samstagabend in Köln. Er drückte dem lateinamerikanischen Land sein Mitgefühl aus und bot die Hilfe der Bundesregierung an. Der Krisenstab des Auswärtigen Amtes prüfe, welche Unterstützung Deutschland leisten könne, sagte Westerwelle.

Erste Ausläufer des vor Chile ausgelösten Tsunami erreichten am Samstag die Pazifikinseln Französisch-Polynesien. Mehrere kleinere Wellen seien an den Küsten von Tahiti und der Gambier-Inseln angekommen, teilte die Regierung des französischen Außengebiets mit. Die Wellen erreichten nach Angaben des seismologischen Zentrums von Tahiti nur eine Höhe von 36 Zentimeter. Am Sonntagmorgen (Ortszeit) erreichte eine Tsunamiwelle von 50 Zentimeter Höhe die Chatham Inseln von Neuseeland. Die Katastrophenschutzbehörde in Wellington ließ ihren Tsunami-Alarm jedoch bestehen. Es könnten in einigen Küstengebieten im Laufe des Tages immer noch Wellen bis zu einem Meter auftreten.dpa/rtr/AFP

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