Erdbeben in der Türkei : Das Handy als Lebenretter

Ein Verschütteter rief unter den Trümmern die Notrufnummer an - und konnte so gerettet werden. Nach dem Beben in der Türkei beginnt der Wettlauf mit der Zeit.

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Nach dem Erdbeben in der Türkei lebt diese Familie in einem Zelt. Fast 500 Menschen starben bei dem schweren Beben im Osten der Türkei, Tausende wurden verletzt. Viele verloren ihre Häuser.Weitere Bilder anzeigen
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24.10.2011 09:25Nach dem Erdbeben in der Türkei lebt diese Familie in einem Zelt. Fast 500 Menschen starben bei dem schweren Beben im Osten der...

Yalcin Akay war unter den Trümmern eines eingestürzten Wohnhauses in der osttürkischen Kreisstadt Ercis eingeklemmt, doch er gab nicht auf. Sein Handy funktionierte noch, und so konnte er die Polizei anrufen und die Rettungsteams zu sich lotsen. Wenig später wurde der 19-Jährige gefunden und mit einer Beinverletzung ins nächste Krankenhaus gebracht. Noch auf der Trage berichtete er seinen Rettern von den Stimmen weiterer Verschütteter in der Ruine des Hauses, die er gehört habe.

Auch andere Schicksale, über die das türkische Fernsehen ununterbrochen berichtet, hören sich an wie ein Wunder. In einem anderen Teil von Ercis zogen die Retter drei junge Lehrerinnen aus einem Haufen zerstörter Betonblöcke, die bis Sonntagmittag noch ein sechsstöckiges Gebäude gewesen waren. Die drei jungen Frauen überlebten, obwohl sie sich im Moment des Erdbebens mit der Stärke 7,2 in einer Cafeteria im Erdgeschoss des Hauses aufhielten.

Geschichten wie diese gaben den Rettern am Tag nach dem schweren Erdbeben in der Provinz Van im Osten der Türkei neuen Mut. Doch Illusionen macht sich niemand. Bis zum Abend zählten die Behörden knapp 280 Tote und mehr als Tausend Verletzte. Allein in Ercis wurden 24 Stunden nach dem Beben noch mehr als 300 Menschen vermisst. Für Eingeschlossene und Verletzte unter den Trümmern wurde die Zeit knapp.

Die Rettungsaktion wurde noch aus einem anderen Grund zum Wettlauf gegen die Zeit. Nachts sinken die Temperaturen im Unglücksgebiet auf den Gefrierpunkt, für die kommenden Tage ist Schnee vorhergesagt. In einigen Dörfern der gebirgigen Region war bis gestern Mittag noch überhaupt keine Hilfe eingetroffen.

Die Behörden stehen vor der Doppelaufgabe, eine groß angelegte Rettungsaktion zu organisieren und gleichzeitig den möglichst raschen Aufbau von Zeltstädten und Feldküchen für die Überlebenden voranzutreiben. Deutlich war zudem der Wille der Regierung zu spüren, alles zu tun, um den Eindruck zu vermeiden, dass die türkische Republik mit der Hilfe für diese kurdische Region knausert.

„Alles, was der Staat hat, wird nach Van geschickt“, sagte Vize-Premier Besir Atalay vor der Presse. „An jedem Trümmerhaufen wird gearbeitet.“ Doch das traf nur für Städte wie Van und Ercis zu. In Dörfern des Umlands warteten die Menschen am Montag noch auf Hilfe. Der türkische Nachrichtensender NTV berichtete, in dem Dorf Güvecliköy, rund 30 Kilometer von der Provinzhauptstadt Van, seien 130 von 200 Häusern vollkommen zerstört worden. In Güvecliköy starben mehrere Menschen, darunter auch Kinder.

Lesen Sie auf Seite 2, warum die weit verbreitete Missachtung von Bauvorschriften Menschenleben kostet.

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