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Erdbeben in der Türkei : Suche nach Überlebenden wird verstärkt

Nach dem schweren Erdbeben im Osten der Türkei wird nun die Suche nach Überlebenden verstärkt. Experten rechnen damit, dass die Zahl der Todesopfer auf 1000 steigen könnte.

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Nach dem Erdbeben in der Türkei lebt diese Familie in einem Zelt. Fast 500 Menschen starben bei dem schweren Beben im Osten der Türkei, Tausende wurden verletzt. Viele verloren ihre Häuser.Weitere Bilder anzeigen
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24.10.2011 09:25Nach dem Erdbeben in der Türkei lebt diese Familie in einem Zelt. Fast 500 Menschen starben bei dem schweren Beben im Osten der...

Einen Tag nach dem schweren Erdbeben im Osten der Türkei hat die Regierung die Suche nach Toten und Überlebenden in den Trümmern eingestürzter Häuser verstärkt. In das Krisengebiet in der Provinz Van wurden nach Regierungsangaben mehr als 1200 Helfer geschickt. Auch Einheiten der Armee sind im Einsatz. In Ercis, der am stärksten betroffenen Stadt, seien zwei provisorische Krankenhäuser aus Zelten errichtet worden, berichteten türkische Medien. Nach dem Beben der Stärke 7,2 wurden bisher 217 Tote geborgen. Mehr als 1000 Menschen sind verletzt. Dutzende Häuser sind eingestürzt.

Kleinere Erdbeben sind für die Menschen im osttürkischen Van nichts Außergewöhnliches, doch als ihre Stadt am Sonntag kurz nach Mittag von einem Erdstoß erschüttert wird, ist allen sofort klar, dass etwas Schreckliches geschehen sein muss: Innerhalb weniger Sekunden stürzen so viele Gebäude in sich zusammen, dass der aufsteigende Staub die Sonne verdunkelt. In einem gespenstischen Zwielicht laufen die Menschen voller Angst auf die Straßen, viele tragen Bündel mit ihren Kleinkindern in den Armen. Einige weinen hemmungslos, andere versuchen verzweifelt, Freunde und Angehörige per Handy zu erreichen, doch das Mobilfunknetz ist vorübergehend ausgefallen. Wieder andere fliehen mit ihrem Wagen aus der Stadt und verstopfen die Straßen. Die türkische Erdbebenwarte sagt 700 bis 1000 Todesopfer voraus.

Das Epizentrum des Bebens mit einer Stärke von 7,2 liegt fünf bis zwanzig Kilometer unter dem Erdboden des Dorfes Tabanli etwa 40 Kilometer nördlich der Provinzhauptstadt Van. Fünf bis zwanzig Kilometer ist relativ flach für ein Erdbeben – und ein schlechtes Zeichen, da flache Beben meist zerstörerischer sind als tiefer gelegene Beben. In Van selbst und in der besonders betroffenen Kreisstadt Ercis am Nordufer des Van-Sees kollabieren während des 25 Sekunden langen Erdstoßes mehrere Dutzend große Wohngebäude; auch ein Schülerwohnheim fällt in sich zusammen. Andere Gebäude werden stark durchgerüttelt. Das Team einer Nachrichtenagentur filmt, wie das Beben ihr Büro im fünften Stock verwüstet.

An einem Sonntagmittag sind in einer osttürkischen Provinzstadt wie Van oder Ercis viele Menschen zu Hause, besonders Frauen und Kinder, wie ein Augenzeuge berichtet: „Die sind zu dieser Zeit immer zu Hause.“ Deshalb befürchten die Überlebenden und die rasch eintreffenden Rettungsteams, dass viele Menschen unter den Trümmern der Häuser begraben wurden.

„Meine Frau und mein viermonatiges Kind sind da drin“, weint ein junger Mann vor einem zerstörten Haus in Ercis während einer Live-Sendung des türkischen Fernsehens vom Ort der Katastrophe. Er blickt zurück auf die Trümmer des rot gestrichenen Wohnhauses, das in sich zusammengesackt ist und wiederholt: „Ich habe eine Frau und ein vier Monate altes Kind.“ Freunde führen ihn schließlich weg.

Retter in den Trümmern berichten von Stimmen der Verschütteten unter den Betonbrocken, doch vielerorts werden nur noch Tote geborgen. Allein in Ercis wurden nach einem Bericht der Online-Ausgabe der Zeitung „Hürriyet“ mindestens 50 Menschen getötet. Das staatliche Krankenhaus von Ercis versorgt rund 1000 Verletzte, in Van wird ein Feldlazarett eingerichtet.

 Nach viel Kritik an der Unfähigkeit der Behörden bei Erdbeben in den vergangenen Jahren hat der türkische Katastrophenschutz offenbar einiges dazugelernt. Helfer, Krankenwagen, schweres Gerät wie Bagger und auch Scheinwerfer für die Suche in der bald einbrechenden Dunkelheit sind zumindest an einigen Orten relativ rasch zur Stelle, der türkische Rote Halbmond schickt noch am Nachmittag tausende Zelte, Decken und Heizöfen in die Unglücksregion. Das Gesundheitsministerium beordert alle verfügbaren Rettungshubschrauber nach Van, die Armee stellt drei Transportflugzeuge für den Katastropheneinsatz ab. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu machen sich ebenfalls sofort auf nach Ostanatolien.

Es sind in erster Linie nicht die aus Lehmziegel errichteten Bauernkaten auf dem flachen Land, die zusammengestürzt sind. Die meisten Toten sind in Betonkästen in Van und Ercis zu beklagen. Der Anblick vieler zerstörte Gebäude erinnert an die Ruinen des katastrophalen Erdbebens im Nordwesten der Türkei im Jahr 1999, als 20.000 Menschen starben: übereinander geschichtete Betondecken, die alles zwischen sich zerquetscht haben. In solchen Gebäuderesten bleiben kaum Hohlräume, in denen Menschen überleben können.

Einige Überlebende beklagen sich im Fernsehen über die schlecht gebauten Häuser in ihrer Provinz, die dem schweren Beben nicht stand halten konnten. Ein siebenstöckiges Haus in Ercis, das völlig zerstört wurde und das ein Zuhause von 28 Familien war, ist erst fünf oder sechs Jahre alt. Die Trümmer sehen aus, als sei das Haus von einer schweren Bombe getroffen worden. Das Nebengebäude, ebenfalls sieben Stockwerke hoch, steht unversehrt daneben.

Van gehört zu den ärmsten Gegenden der ohnehin nicht sehr wohlhabenden Türkei; ihre Bevölkerung ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten wegen der Ankunft von Flüchtlingen des Kurdenkrieges stark angewachsen. Das alte Van war 1915 bei Gefechten zwischen Türken, Russen und Armeniern in Schutt und Asche gelegt worden – die neue Stadt wurde wenige Kilometer entfernt errichtet und sieht mit ihren schlechten Straßen und ihren hastig errichteten Häusern selbst in normalen Zeiten wie eine zusammengeschusterte Behelfslösung aus.

Mit der Stärke 7,2 ist das Beben von Van eines der schwersten in der jüngeren Geschichte der Türkei. Am Ort des Bebens selbst habe die gefühlte Stärke des Erdstoßes sogar beim Wert 10,0 gelegen, sagt Ahmet Mete Iskara, der angesehenste Erdbebenforscher des Landes. Er ruft die Menschen im Unglücksgebiet auf, keinesfalls in ihre Häuser zurückzukehren. Viele Gebäude seien so schwer beschädigt, dass sie bei einem der häufigen Nachbeben, deren erwartete Stärke bis Wert 6,0 reiche, ebenfalls in sich zusammenbrechen könnten, sagt Isikara. Der Horror ist für die Menschen von Van noch längst nicht vorüber. (mit dpa)

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