Erdbeben in Italien : Zuerst Entwarnung, dann der Knall

Seit Dezember zittert die Erde in der mittelitalienischen Bergregion Abruzzen. Am Montagmorgen kam der große Schlag. Etwa 50.000 Menschen haben ihre Häuser verloren, mehr als neunzig ihr Leben. So schwer war seit zwölf Jahren kein Beben mehr im einschlägig geplagten Italien.

Paul Kreiner

RomDer Wecker zeigt genau 3:33 Uhr, als das Bett anfängt zu schwanken. Es ist, als säße man in einer großen Schiffsschaukel, wie sie auf Volksfesten üblich sind, und einer brächte sie in Schwung, ganz langsam, ganz schwer, ganz lange. Das ganze Haus wackelt und ächzt; im Treppenhaus, auf der Straße rennen die Nachbarn zusammen. Ein weiterer Stoß, ein weiterer Schreck. Dann ist für Rom alles vorbei. Doch dann wird's hell, und aus den Abruzzen, nur 120 Kilometer östlich von Rom, kommen die ersten Fernsehbilder. Sie zeigen eine Katastrophe.

Die Abruzzen - das ist eine großartige, spröde, karge, einsame Berggegend, der höchste Teil des italienischen Appennin, 700 bis 2900 Meter über dem Meeresspiegel. Leer ist die Landschaft, weil es die längste Zeit außer der Schafzucht keine nennenswerten Einnahmequellen gab und Hunderttausende ausgewandert sind. In zahlreichen der alten, malerischen, panoramareichen Dörfer wohnt niemand mehr, oder nur noch alte Leute - die jetzt, am Wochenende, zu Beginn der Osterferien, Besuch hatten von den Jungen aus der fernen Stadt.

Erdbeben in Italien
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1 von 13Foto: getty
29.07.2009 08:306. April 2009: Es kommt völlig überraschend. In der Nacht zum Montag erschüttert plötzlich ein Erdbeben der Stärke 6,3...

L'Aquila, "der Adler", heißt die Hauptstadt der Region, und deren 73.000 Bewohner sind schon am Sonntagabend mit Angst ins Bett gegangen. Kurz vor Mitternacht hat die Erde gewackelt, wieder einmal, wie sie es seit Dezember tut, anfangs ganz leicht und nur für die Messgeräte wahrnehmbar, dann immer stärker und häufiger. Allein in der vergangenen Woche hat es 19 Erdstöße gegeben. Viele Aquilaner legten sich nur mehr angekleidet schlafen; die vom Daueralarm genervten Studenten der örtlichen Universität dehnten ihr Nachtleben so weit wie möglich aus und trafen sich - bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt - vorsichtshalber auf offenen Plätzen der Stadt. Die ersten Schulen waren "zur Vorsicht" geschlossen. Und auf den ruhigen Samstag reagierten die Sonntagsausgaben der Lokalzeitungen geradezu mit Sarkasmus: "Bah! Wahnsinn! Ein Tag ohne Beben!"

Bürgermeister Massimo Cialente versicherte unter Berufung auf den italienischen Zivilschutz bereits, das Schlimmste sei überstanden - doch genau dann kam der große Knall.

Zwanzig Sekunden lang tobt die Erde

Etwas seitlich, in den Bergen von L'Aquila liegt das Epizentrum, in 8,8 Kilometer Tiefe, und weil das vergleichweise nahe an der Oberfläche ist, wirkt sich das Beben umso verheerender aus. Zwanzig Sekunden lang hat die Erde getobt. Die Seismologen messen eine Stärke von 5,8 auf ihrer Richter-Skala, praktisch genauso viel wie 1997 im Umbrien, als neben vielem anderen auch die berühmte Franziskus-Basilika in Assisi eingestürzt ist. Diesmal trifft es nicht nur das Zentrum von L'Aquila. Dort krachen mehrstöckige Häuser zusammen, die Stahlbetonbauten der Präfektur, eines Hotels, Teile eines Studentenwohnheims mit 120 Bewohnern. Um die Provinzhauptstadt herum brechen 26 Dörfer förmlich in sich zusammen.

Menschen werden im Schlaf verschüttet; das Fernsehen zeigt Betten, die voller herabgestürzter Steintrümmer liegen. Wasserrohre brechen und überfluten die Straßen; da und dort riecht es stark nach Gas. Alle stürmen zum einzigen Krankenhaus in L'Aquila, an dessen Not-Einfahrt ausgerechnet das Hinweisschild "Erste Hilfe" weggebrochen ist. Im Spital selbst ist nur mehr noch ein Operationssaal brauchbar; die medizinische Versorgung reicht nicht einmal für die Patienten selbst, verbunden wird im Freien, schwerer Verletzte werden ausgeflogen. Die Wasserversorgung bricht zusammen; im Verlauf des Vormittags wird das Spital zu 90 Prozent als "nicht verwendbar" eingestuft.

Hilferufe per Handy

Mit bloßen Händen graben die Studenten in den zusammengebrochenen Teilen ihres Wohnheims; niemand weiß, wer und wie viele Kommilitonen unter den schweren Betontrümmern liegen. Einzelnen gelingt es, sich per Handy aus den Steinmassen zu melden. Niemand weiß, ob der Rest des Gebäudes hält. Und immer wenn die Retter innehalten, um womöglich die Rufe von Verschütteten nicht zu überhören, dann wird das Schweigen immer wieder durchbrochen von Schluchzen und Weinen.

Nicht nur in der Provinzhauptstadt selbst sind ganze Straßenzüge verschüttet; der Strom ist ausgefallen. Dass es "aussieht wie in einem Kriegsgebiet" sagen nahezu alle, die sich aus dem Erdbebenzentrum melden. Außerhalb von L'Aquila liegen ganze Dorfplätze unter Schutthaufen und Staub begraben, in Häusern und Kirchen klaffen dunkle Löcher, etliche Dorfzentren gibt es überhaupt nicht mehr. Mit sackartigen Bahren tragen Feuerwehrleute die ersten Leichen heraus. Dahinter ein wolkenlos blauer Himmel, weiß glänzende, schneebedeckte Gipfel - als ob nichts gewesen wäre.

Doch die Bergmassive der Abruzzen sind nicht so stabil, wie sie aussehen. Im Gegenteil: Geologen stufen die oberste Erdkruste dort als vergleichsweise schwach ein. Zuletzt sagten sie, das sei ein Vorteil. Wo die Erde leicht breche, könne sich im Untergrund keine allzu große Energie aufstauen; dann entlüden sich die Spannungen, die bei der unaufhaltsamen Auffaltung des Appennin und beim Zusammenstoß zwischen europäischer und afrikanischer Kontinentalplatte laufend frei würden, eben nicht in einem einzigen Schlag, sondern in vielen kleinen, tendenziell harmlosen Wackeleien. Noch vergangene Woche holte der italienische Katastrophenschutz hochrangige Experten nach L'Aquila, um die Einwohner zu beruhigen. Heute sagen die Zivilschützer, das Wann und das Wo von Beben seien nicht vorhersagbar.

Absacken riesiger Erdmassen im Untergrund

Dabei blieben die Abruzzen auch früher von großen Katastrophen nicht verschont. Das Beben vom Montag - offenbar ein schlagartiges Absacken riesiger Erdmassen im Untergrund - hat sich laut Fachleuten entlang zweier historisch bekannter Verwerfungszonen abgespielt: jener der Jahrhundertbeben von 1349 und von 1703. Und noch 1915 sind, unweit von L'Aquila, bei einem Beben 30.000 Menschen gestorben.

Wo das Fernsehen Bilder zeigt von zusammengebrochenen Häusern und Kirchen, dann sind das Gebäude, die nach hergebrachter Abruzzen-Art aus Bruchsteinen mit viel Mörtel mehr oder minder zusammengeklebt sind. Verbundmauerwerk aus Ziegeln beispielsweise ist nicht zu sehen. Und mit gewaltiger Bitterkeit tritt Enzo Boschi vor die Kameras, der Chef der nationalen Behörde für Geophysik und Vulkanologie. "Typisch italienisch", sagt er: "Nach jedem Erdbeben gibt's eine gewaltige Erregung, aber eine systematische Vorsorge gehört nicht zu unserer Kultur. Das Land lernt es gerade in seinen Erbebenzonen nicht, Häuser zu bauen, die Stöße dieser Stärke aushalten."

Je weiter der Tag fortschreitet, desto mehr steigt die Zahl der Opfer. Kinder sind unter ihnen, ein russisches Mädchen zum Beispiel, das erst vor einem Monat in die Region gekommen ist - ihre dreijährige Zwillingsschwester überlebt. Junge Leute, die zum Wochenende ihre Eltern besucht haben, sterben in den Trümmern; anderen gelingt es mit knapper Not, das Haus zu verlassen und die Großmutter danach lebend durchs Fenster zu ziehen. Ein professioneller Bergsteiger stürzt sich vor Angst aus dem dritten Stock seines Hauses und wird lebensgefährlich verletzt.

Zivilschutz: Erdbebengebiet meiden

Der Zivilschutz rät Neugierigen und auch "selbst ernannten Helfern" dringend davon ab, ins Erdbebengebiet zu fahren; die Autobahn nach L'Aquila ist für den normalen Verkehr gesperrt, nicht nur weil sich der Asphalt da und dort um mehr als zehn Zentimeter gesenkt hat, sondern vor allem, weil die aus ganz Italien anrollenden Hilfslieferungen Vorrang haben. Unterwegs ist ein Feldlazarett, unterwegs sind Suchtrupps mit Hunden, unterwegs sind ganze Zeltstädte, wie sie in Italien nach den großen Erdbeben immer sehr schnell und sehr effizient aufgestellt werden. Manche dieser "Provisorien" bleiben danach, weil der Wiederaufbau regelmäßig länger dauert und die staatlichen Mittel länger ausbleiben als versprochen, über Jahre hinweg stehen.

Immerhin, Ministerpräsident Silvio Berlusconi war am Montag bereits vor Ort, um "zu zeigen, dass der Staat bei den Menschen ist". Gewissheit, sagte er am Mittag, gebe es zwar nicht, "aber die Techniker sagen, dass die Erdstöße nun ihre Kraft erschöpft haben". Eine halbe Stunde später melden Fernsehreporter den nächsten Stoß. Eines der zahlreichen leichten Nachbeben, sagen die Experten. Kommt vor.

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