Welt : Erdbeben in Seattle: 45 Sekunden Todesangst - dann Erleichterung

Friedemann Diederichs

Die Uhr zeigt fünf Minuten vor elf, als Software-Milliardär Bill Gates unfreiwillig zum Hauptdarsteller der amerikanischen Nachrichtensendungen wird. Im Ballsaal eines Hotels in der Innenstadt von Seattle hält der Microsoft-Gründer gerade einen Vortrag vor Technologie-Experten, als - von der Linse einer Kamera eingefangen - das gesamte Gebäude ins Zittern gerät. Deckenlampen stürzen herab und zerschellen auf dem Parkett. Die Zuhörer springen auf, viele werfen sich zu Boden, andere drängen zu den Ausgängen. Die meisten wissen zu diesem Zeitpunkt nicht: Bei dem Erdbeben der Stärke 6,8, das gut 45 Sekunden lang anhält und noch in der 1000 Kilometer entfernten Olympiastadt Salt Lake City zu spüren ist, entgehen sie nach Ansicht von Geologen nur deshalb einer Katastrophe, weil die Erdstöße von einem Graben in 50 Kilometern Tiefe ausgingen. Nur wenige Kilometer höher, so Experten, und die Region an der Pazifikküste hätte vermutlich Hunderte von Toten beklagen müssen.

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Das Epizentrum des Bebens

So kommen Gates, der als einer der wenigen im Saal mit langsamen ruhigen Schritten von der Bühne in den Kulissen verschwindet und Millionen andere US-Bürger diesmal mit dem Schrecken davon - und der Erkenntnis, in dem tektonisch als unsicher geltenden Gebiet auf einer Zeitbombe zu sitzen. Ein Beben ähnlicher Kraft hatte 1994 in Los Angeles noch 72 Menschen das Leben gekostet und Schäden in Höhe von 100 Milliarden Mark verursacht - diesmal weist die Bilanz der Behörden bis zum gestrigen Nachmittag rund 200 Verletzte und eine an einem Herzinfarkt verstorbene Frau auf, während die Sachschäden noch addiert werden. Viele Bürger wissen bislang beispielsweise noch nicht, ob ihr Haus noch bewohnbar ist oder abgerissen werden muss - wie Steve Cooper, der bei einer Zigarettenpause vor seinem historischen Geschäftshaus miterleben muss, wie eine gut sichtbare Bodenwelle auf ihn zuläuft und den Bürgersteig wie auch die Fahrbahn wie von Geisterhand aufwölbt. Als die Welle dann sein 1915 erbautes Gebäude trifft, muss Cooper hilflos mit ansehen, wie die Wände zunächst ins Zittern geraten und dann auseinander zu brechen beginnen. Die Abgeordneten des US-Bundesstaates Washington befinden sich in Seattle gerade in Beratungen, als das Unerwartete eintritt. Die meisten von ihnen tauchen unter Tische ab, dann stürzen Lampen von der Decke und es wird dunkel. "Wir hatten alle große Angst," berichtet wenig später Senator Jim Kastama, während die Abgeordnete Lisa Brown miterlebt, dass sich ein Sicherheitsbeamter auf sie wirft, nachdem die Erdstösse das ganzen Parlamentsgebäude erzittern lassen. Wenig später prägen dann zerstörte Autos, aufgerissene Fahrbahnen, in Decken gehüllte obdachlos gewordene Bürger und dramatische Bilder aus Supermärkten und Bürogebäuden die TV-Sondersendungen aller großen Anstalten in den USA. Auch der Flughafen von Seattle wird durch das Beben lahm gelegt: Der Kontrollturm muss geschlossen werden, nachdem er vom Einsturz bedroht ist und keine einzige Glasscheibe heil geblieben ist. Techniker errichten eine notdürftie Kommunikations-Zentrale, um anfliegende Maschinen, die wegen knappen Spritvorrats nicht zu anderen Flughäfen umgeleitet werden können, sicher zu Boden zu bringen.

Geologen einer Erdbeben-Überwachungszentrale im US-Bundesstaat Colorado siedeln das Epizentrum des Bebens wenig später rund 50 Kilometersüdwestlich der Millionen-Metropole Seattle an, während Gouverneur Gary Locke für den gesamten Staat den Notstand ausruft: "Viele Strassenüberführungen gibt es nicht mehr," so Locke, "doch wir haben noch viel Glück gehabt."

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