Erdbeben : Jede Minute zählt

Nach dem Erdbeben auf Sumatra arbeiten Rettungsmannschaften Tag und Nacht, um Überlebende aus den Trümmern zu bergen.

Annette Kögel,Daniel Kestenholz
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Es sind Szenen der Verzweiflung. In der Stadt Padang an der Westküste Sumatras, Indonesien, graben Helfer mit bloßen Händen nach Opfern. Ärzte können den schwerstverletzten Erdbebenopfern nicht helfen, weil ganze Krankenhäuser zusammengebrochen sind. Und auf dem Flughafen von Pandang drängen sich die Einheimischen, aber auch Touristen. Die einen versuchen, ein Visum zu ergattern, sie alle wollen einen Platz in einer Maschine. Doch der Flughafen ist fast nicht erreichbar. Die zentrale Verkehrsader, der Trans Sumatra Highway, ist zu großen Teilen zerstört. Die UN gehen inzwischen von 1100 Todesopfern aus, tausende Menschen werden vermisst. Auch in der Südsee, wo Dienstag ein bis zu neun Meter hoher Tsunami Verwüstung anrichtete, sind Helfertrupps fieberhaft im Einsatz.

Zwei Erdbeben erschütterten die indonesische Insel Sumatra. Am Donnerstag gab es Erschütterungen in der so genannten Faltzone auf der Insel, am Mittwoch lag das Epizentrum bei den Erdplatten im Meer davor, sagte Ute Münch vom Geoforschungszentrum in Potsdam.

Die Zahl der Todesopfer steigt von Stunde zu Stunde, hunderte Häuser stürzten ein. „Es sieht aus, als hätte jemand eine Atombombe hinter den Bergen abgeworfen“ – so beschrieb es ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes, der das Erdbebengebiet in einem Helikopter überflog. Armee und Polizei waren mit Baggern und Presslufthämmern im Einsatz. Die Stadt Padang glich am Tag nach dem Erdbeben einem Kriegsgebiet. Blutüberströmte Körper wurden meist nur noch tot aus den Trümmern gezogen. Bürgermeister Fauzi Bahar flehte die Welt über Radio an, „nach Padang zu kommen und zu helfen, Verletzte und Tote zu bergen“. Das Zentrum ist nach Angaben einer BBC-Reporterin wie platt gewalzt. Ihre Stimme war kaum hörbar in all dem Lärm von schweren Maschinen und Sirenen. Aus einem einzigen Hotel seien bis gestern Nachmittag elf Überlebende geborgen worden, sagte sie. Über 60 blieben vermisst. Ein CNN-Reporter berichtete, wie er mit einem seit über 24 Stunden unter Hoteltrümmern eingeklemmten Mann aus Singapur sprach. Er sah den Mann nicht. Dieser spürte ein Bein nicht mehr. Als seine Stimme schwächer wurde bat er, seine beiden Töchter in Singapur anzurufen.

„Leichen liegen auf dem Boden, und Menschen laufen orientierungslos herum“, berichtete Bob McKerrow, der Delegationschef der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften in Indonesien, im Gespräch mit der BBC. „Es sind die schlimmsten Zerstörungen, die unsere Mitarbeiter in den vergangenen 15 Jahren in Indonesien gesehen haben.“ Gesundheitsministerin Siti Fadilah Supari schloss nicht aus, dass die Folgen schlimmer sein könnten als beim Beben vor drei Jahren auf Java. Damals waren in Yogyakarta 5800 Menschen umgekommen und 150 000 Häuser zerstört worden. Aus einem dreistöckigen Schulgebäude zogen sie mehrere Leichen. Der Sender TV One zeigte ein anderes eingestürztes Schulgebäude. In den Räumen würden 40 Schüler vermutet, hieß es. Davor standen schockierte Eltern: „Ich bleibe hier, bis sie meine Tochter gefunden haben“, sagte eine Frau weinend. Vor laufenden Fernsehkameras zogen Helfer andernorts eine schwer verletzte Frau unter einem Betonpfeiler hervor. In den Trümmern des Ambacang-Hotel wurden noch bis zu 200 verschüttete Gäste vermutet.

„Die Stadt Padang ist bis zu achtzig Prozent zerstört“, sagte der Caritas-Mitarbeiter Fabian Tritschler. Die deutsche Caritas kooperieren mit den lokalen Kollegen der Erzdiözese Padang. „Um Verschüttete lebend zu bergen, zählt jetzt jede Minute. Wir brauchen Verbandsmaterial, Decken, Plastikplanen und Moskitonetze“, sagte Martin Hahn, Leiter der DRK-Auslandshilfe.

Seismologen warnten, der Region stehe mit hoher Wahrscheinlichkeit ein furchtbares Beben bevor, das alles seit 200 Jahren Dagewesene in den Schatten stellt. „Wir rechnen mit einem Beben im Bereich 8,8“, sagte der Seismologe Kerry Sieh von der Nanyang-Universität in Singapur. „Das kann morgen, nächstes Jahr oder in 30 Jahren kommen.“ Das jüngste Erdbeben liege am Rand der Linie, auf der das Mega-Beben erwartet wird.

Katastrophenhelfer arbeiten auch fieberhaft in Samoa, nach dem Tsunami in der Südsee. „Ich suche verzweifelt Kontakt zu meinem Bruder Tuatai auf Amerikanisch–Samoa“, sagte Tony Faleafaga dem Tagesspiegel. Der Samoaner ist in Mörfelden-Walldorf in Hessen zuhause.

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