Erdbeben-Katastrophe : Die Stunde der Nothelfer für Haiti

Gibt es Bilder, gibt es Spenden. Jetzt müssen alle nach Haiti. Wie gut hat sich Katastrophenhilfe in der Vergangenheit bewährt?

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Katastrophen sind die Stunde der Nothelfer. „Ärzte ohne Grenzen“ und das Rote Kreuz beispielsweise versorgen schnell und effizient Verletzte. Christliche Katastrophenhelfer und das Welternährungsprogramm (WFP) versorgen die Menschen mit Lebensmitteln und Zelten gegen die erste Not. Es ist die Zeit, in der Bilder der Katastrophe in die Wohnzimmer der Menschen flimmern, die Hochzeit der Spenden. Und dann sollte aus der Katastrophenhilfe irgendwann Wiederaufbau- oder Entwicklungshilfe werden. Doch immer öfter dauert die Nothilfe jahrzehntelang. Wie in Haiti, wo ein Großteil der Nothelfer seit Jahren arbeitet – und nach dem Erdbeben trotzdem nicht schnell helfen konnte.

Welche Organisationen betreiben Katastrophenhilfe in Deutschland?

Die größte Hilfsorganisation nach Natur- oder anderen Katastrophen ist das Deutsche Rote Kreuz (DRK). Es erhält ebenso wie das staatliche Technische Hilfswerk (THW) Aufträge der Bundesregierung für die Nothilfe. Das THW hat nach einem Erkundungsteam seit Freitag auch Experten zur Trinkwasseraufbereitung in der haitischen Hauptstadt Port-au- Prince. Das THW verfügt zudem über Experten, die Verschüttete nach einem Erdbeben aufspüren und ausgraben können. Das DRK hat am Samstagmorgen ein Flugzeug in Richtung Haiti geschickt, das eine Feldklinik samt Personal enthält, um Verletzte zu behandeln und die medizinische Versorgung der Überlebenden zu verbessern. Daneben sind auch die christlichen Hilfswerke in der Katastrophenhilfe aktiv. Die Diakonie-Katastrophenhilfe und die Caritas packen gerade gemeinsam ein Flugzeug mit Hilfsgütern voll. Auch die Johanniter Unfallhilfe und der Malteserorden machen sich auf in Richtung Haiti. Die Welthungerhilfe ist seit Jahren vor Ort und schickt nun weitere Helfer in den Karibikstaat. Darüber hinaus gibt es im Bündnis „Deutschland hilft“ weitere kleinere Organisationen wie etwa die adventistische Nothilfe Adra oder auch Help. Da in der Zeit der Bilder jedoch die meisten Spenden fließen, gibt es kaum eine Entwicklungsorganisation, die nicht auch eine Nothilfe-Abteilung hat, wie etwa die Kinderhilfswerke Worldvision oder Plan International.

Wie gut kooperieren die großen internationalen Organisationen?

Die Zusammenarbeit ist bei jeder Katastrophe ein großes Problem. Zwar gibt es beispielsweise im UN-System die Nothilfekoordination Ocha. Dennoch gelingt es nicht einmal in der UN-Familie, die Ressourcen und Kompetenzen immer sinnvoll einzusetzen. Als erstes vor Ort ist in der Regel das WFP. In Haiti ist das Welternährungsprogramm seit 1969 vertreten. Von den neun Millionen Einwohnern des Landes leben 80 Prozent von weniger als zwei Dollar am Tag und 60 Prozent sind nach Angaben der Weltagrarorganisation (FAO) unterernährt. Tatsächlich gibt es kaum eine UN-Organisation, die nicht in Haiti arbeitet. Doch nach dem Einsturz des UN-Hauptquartiers in Port-au- Prince tun sich die UN schwer, den Hilfsapparat anlaufen zu lassen. Dazu kommt, dass das WFP beispielsweise zwar Lebensmittelvorräte in der Region zur Verfügung hat, doch wegen des nur teilweise nutzbaren Flughafens der Hauptstadt Haitis ist es schwierig, die Hilfsgüter ins Land zu bringen. Der Hafen ist stark zerstört, dasselbe gilt für die Straßen. So kommt es, dass die Hilfsgüter bisher kaum über den Flughafen hinausgekommen sind.

Die Koordinationsprobleme der UN- Organisationen sind allerdings klein im Vergleich zu denen der Hilfsorganisationen aus aller Welt, die nun in großer Zahl auf der Karibikinsel eintreffen werden. Viele dieser Organisationen bekommen ihre Spenden von den Bürgern ihrer Heimatländer zweckgebunden für diese eine Katastrophe. Angesichts der erschütternden Bilder aus Haiti dürfte das Spendenaufkommen beträchtlich sein. Und die Spender wollen schnelle Erfolge sehen. Immer wieder haben die Hilfsorganisationen Probleme, plausibel zu machen, warum es vielleicht doch nicht sinnvoll ist, zwei Wochen nach eine Erdbeben noch Suchhunde zu schicken, oder die 20. Zeltklinik vor den Toren der Stadt zu eröffnen. Denn tatsächlich hören die Geldflüsse ziemlich schnell nach dem Ende der unmittelbaren Katastrophenberichterstattung auf – die Probleme fangen dann aber erst richtig an.

Welche Probleme gibt es?

Viele Nothilfeeinsätze enden nicht mehr. Gerade in einem zerfallenen Staat wie Haiti ist kaum zu erwarten, dass die Gesundheitsversorgung schnell in staatliche Hände übergeht. Auch dass das WFP die Verteilung von Lebensmitteln wieder einstellen kann, weil plötzlich alle Haitianer genug zu Essen haben, ist eher unwahrscheinlich. Haiti dürfte ein Einsatz werden wie der Südsudan oder die Demokratische Republik Kongo – ein Ende ist nicht in Sicht.

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