Erdbeben-Katastrophe : Tagebuch einer Helferin

Regina Tauschek von der Deutschen Welthungerhilfe schildert, wie sie das Beben und die Zeit danach erlebt hat.

Dienstag, 17 Uhr. Ich bin noch im Büro, als das Beben beginnt. Ich springe auf und brülle nur noch durchs Haus: „Descends, descends“. Auf den letzten Schritten zur Haustür weiß ich, ich schaffe es. Im Garten klammere ich mich an unseren Wachmann. Das Büro übersteht das Beben. Ich versuche heimzufahren. Je weiter ich den Berg abwärts fahre, um so mehr wird das Ausmaß der Katastrophe sichtbar. Auf den Straßen herrscht Chaos. Ich kämpfe mich zentimeterweise vorwärts. Verletzte und Tote werden die Straße entlanggeschleppt. Eine Frau mit abgerissenem Arm wird an mir vorbeigetragen. Plötzlich beginnt das Auto zu schaukeln. Wieder ein Beben. Mauern und Häuser um mich sind in sich zerfallen, somit erkenne ich keine unmittelbare Gefahr für mich in diesen Schreckenssekunden. Die Menschen reißen beinahe synchron die Arme zum Himmel und flehen den Allmächtigen an, das Beben zu stoppen. Und dann plötzlich dieser Deutsche in Trance, der an meine Scheibe klopft und fragt, ob ich die Direktorin seiner Organisation kenne und ihn für ein Meeting entschuldigen könne, wenn ich sie sähe. Ich gebe ihm zu erkennen, dass dies jetzt nicht meine Priorität sei. Ich muss umdrehen, da die Straße von umgestürzten Bäumen und abgerutschten Hängen blockiert ist. Ich kehre zurück ins Büro, wo ich bei unserem Wächter die Nacht verbringen werde. Von den meisten Mitarbeitern habe ich keine Information, ob mit ihnen und ihren Familien alles in Ordnung ist. Die Erde bebt noch immer. Die Rue Américaine hat sich zu einem kollektiven Schlafplatz entwickelt.

Mittwoch, 9 Uhr. Ich habe zwei Stunden im Auto geschlafen, da ich Angst hatte, wegen neuer Beben im Haus zu übernachten. Die Straßen sind blockiert. Viele Menschen irren auf den Straßen herum. Inzwischen weiß ich, dass auch das Hotel Montana, in dem sich mein Appartement befindet, großteils eingestürzt ist.

Mittwoch, 13 Uhr. Gerade bin ich mit drei Kollegen zu mir nach Hause gefahren, um zu sehen, was dort passiert ist. Die Auffahrt zum Hotel ist nur mehr auf einem abschüssigen Fußweg erreichbar, die Häusertrümmer liegen quer über die Straße. Mein Appartement ist verschüttet, total zerstört. Ich habe alles verloren. Zwei Pässe, Geld, alle Kleider, Laptops, Bücher, meine Kunstsammlung aus Haiti und meine Festplatte. Vor den Hoteltrümmern werden die Schwerverletzten gesammelt. Hunderte liegen noch unter den eingestürzten Mauern. Ich weiß noch nicht, wie viele Freunde ich verloren habe. Es gibt Momente im Leben, da gibt es keine Worte mehr.

Donnerstag, 6 Uhr. Diese Nacht habe ich bis zwei Uhr gearbeitet, bis mir die Augen zufielen. Wieder habe ich versucht, im Auto zu schlafen. Aber es war so kalt, dass ich nicht schlafen konnte. Völlig durchgefroren legte ich mich ins Büro. Ich versuchte es bisher zu verhindern, aus Angst, das Haus würde zusammenbrechen. Um 5 Uhr weckt mich das Klingeln des Telefons.

Donnerstag, gegen Abend. Den ganzen Tag bin ich vom Telefon nicht mehr weggekommen. Viele Journalisten aus Deutschland und Österreich rufen an. Ich pendle zwischen drei Telefonen auf drei Etagen. Schuhe habe ich keine mehr, die sind schon durchgelaufen. Ich habe nur mehr die Socken meines Chefs. Wir versuchen, unser Nothilfeteam ins Land zu holen. Heute morgen hätte das Team schon hier sein sollen. Aber die drei sitzen in Santo Domingo fest. Ihr Flugzeug bekam keine Landeerlaubnis für Port-auPrince. Der Flughafen ist überlastet. Wir schicken unser Auto zur Grenze, um das Team abzuholen. Hoffentlich klappt es.

Freitag, 8 Uhr. Diese Nacht war mein mobiles Bett nicht da. Das Auto soll ja unser Nothilfeteam herbringen. Also habe ich mich gleich ins Büro gelegt. In der Nacht bebt die Erde wieder, mehrmals. Einer der Erdstöße ist heftiger als die anderen. Bei jedem schrecke ich hoch. Erst in den Morgenstunden schlafe ich ein.

Freitag, 13 Uhr. Endlich ist unser Team da, zwei Nothilfeexperten und eine Pressesprecherin. Sie haben in Santo Domingo Kleidung und Schuhe für mich gekauft. Nach drei Tagen kann ich mich endlich wieder umziehen. Das ist wie Weihnachten für mich. Außerdem ist es eine große moralische Unterstützung, dass wir jetzt zu fünft sind. Die Haitianer haben große Angst vor Plünderungen. Ich bekomme immer mehr E-Mails von Menschen, die nach Vermissten suchen. Das lokale Telefon funktioniert immer noch schlecht und meine Kapazität, mich darum zu kümmern, ist sehr beschränkt.

Samstag, 8 Uhr. Zum ersten Mal habe ich besser geschlafen. Ich musste nicht frieren. Unser Team hat mir eine Matte mitgebracht, auf der ich schlafe, und ein Tuch zum Zudecken. Bisher habe ich mich mit einem Teppich zugedeckt. Einer unserer Experten ist unterwegs, um sich vor Ort ein Bild zu machen, was gebraucht wird. Ich kümmere mich um den Aufbau der Finanzverwaltung, um bei allem Chaos die Formalitäten einzuhalten und die Ausgaben nachvollziehen zu können, wenn das Chaos vorbei ist. Ich denke nicht darüber nach, wie ich das Erlebte verarbeite. Tagsüber nicht. Nachts geht mir durch den Kopf, wie ich eventuell doch noch an meine Festplatte in meinem zerstörten Appartement herankomme. Darauf sind alle Fotos und Erinnerungen an die Einsätze der letzten zwölf Jahre, und natürlich auch von Haiti vor dem Erdbeben. Die sind jetzt verloren. Nun habe ich nur mehr Fotos vom Chaos, von Leichen und Zerstörung.

Regina Tauschek ist seit drei Jahren für die Deutsche Welthungerhilfe in Haiti.

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