Welt : Erdogan erinnert an Solingen

Susanne Güsten

Istanbul - Ein mit fürchterlichen Erinnerungen verbundenes Schlagwort schreckte am Dienstag die türkische Öffentlichkeit auf: Solingen. Zeitungen erschienen mit Schlagzeilen wie „Solingen-Verdacht“, Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sagte in einer vom Fernsehen live übertragenen Rede, die Türkei wolle kein „neues Solingen“ erleben. Nach dem Tod von neun Türken bei dem Wohnhausbrand in Ludwigshafen kommt in der Türkei der Vorwurf auf, das Feuer sei ein Brandanschlag gewesen, so wie beim Tod von fünf Landsleuten in Solingen vor 15 Jahren. Wieder keimt der Verdacht, dass unschuldige Türken möglicherweise erneut in Deutschland Opfer ausländerfeindlicher Gewalt wurden: Waren im Fall Marco W. anti-türkische Ressentiments in Deutschland zum Vorschein gekommen, zeigen jetzt die Reaktionen auf das Feuer von Ludwigshafen, dass viele Türken auch den Deutschen fast alles zutrauen.

So zitierten türkische Zeitungen einige Ludwigshafener Türken mit den Worten, die deutsche Feuerwehr habe sich auffällig viel Zeit gelassen. Im südostanatolischen Gaziantep, der Heimat von acht der neun Todesopfer, machen noch wildere Gerüchte die Runde. Anderthalb Stunden habe die Feuerwehr in Ludwigshafen gebraucht, bis sie sich um den Brand in dem Haus der türkischen Familien gekümmert habe, sagte ein entrüsteter Verwandter im türkischen Fernsehen. Tatsächlich war die Feuerwehr innerhalb von 20 Minuten vor Ort. In Gaziantep spielte das aber keine große Rolle.

Bei aller Kritik an den deutschen Behören gab es aber auch Lob: Immer wieder zeigten die Medien ein Foto, auf dem ein Kleinkind von seinen verzweifelten Eltern aus dem brennenden Ludwigshafener Haus geworfen wird – aufgefangen worden sei das Kind von deutschen Polizisten, betonten die türkischen Reporter. Turgut Bulut, der bei dem Brand einige Verwandte verlor, sprach anerkennend von einem mutigen Einsatz der Deutschen. Und er fügte einen Satz hinzu, der in der Aufregung über die mögliche Brandstiftung fast unterging: „Wir sind dankbar.“ Susanne Güsten

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