• Erdrückende Begeisterung: Massenpanik: Einkaufszentren brauchen bessere Sicherheitskonzepte

Erdrückende Begeisterung : Massenpanik: Einkaufszentren brauchen bessere Sicherheitskonzepte

Nach der Panik in einem Einkaufszentrum in Oberhausen während einer DSDS-Autogrammstunde wird auch in Berlin über Sicherheit diskutiert. Die Polizei nimmt die Veranstalter in die Pflicht. Diese wiederum ziehen ihre Lehren aus der Vergangenheit.

Eva-Charlotte Proll
Gedränge um Mitternacht. Auch in Berlin gab es schon gefährliche Menschenansammlungen in Einkaufszentren. 2007 kamen Tausende zur Eröffnung eines Elektronikkaufhauses im neuen Alexa. 100 Polizeibeamte halfen, eine Eskalation zu verhindern.
Gedränge um Mitternacht. Auch in Berlin gab es schon gefährliche Menschenansammlungen in Einkaufszentren. 2007 kamen Tausende zur...Foto: dpa

Kreischende Fans, Gedränge, Panik und viele Verletzte. Nach der Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg im vergangenen Jahr sollten solche Bilder eigentlich der Vergangenheit angehören. Doch das Chaos bei der Autogrammstunde der RTL-Castingshow Deutschland sucht den Superstar (DSDS) am Sonntag in Oberhausen zeigt, dass es noch immer massive Sicherheitslücken bei Großveranstaltungen gibt. Die mangelhafte Vorbereitung auf einen Fanansturm im Shopping-Zentrum CentrO zieht nun weite Kreise. Die Gewerkschaft der Polizei erhebt schwere Vorwürfe gegen die Stadt Oberhausen und das Einkaufszentrum, das die Autogrammstunde veranstaltet hatte. Die Sicherheitsrisiken seien ignoriert worden, sagte Gewerkschaftschef Rainer Wendt der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

Auch in Berlin wird reagiert. Die Polizei beklagt missverständliche Zuständigkeiten. „Der Ruf nach der Polizei hat seine Grenzen, nämlich dort, wo andere in der Verantwortlichkeit sind“, sagt Klaus Eisenreich, Sprecher der Berliner Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Grundsätzlich ist es die Pflicht des Veranstalters für die Organisation und Sicherheit bei Autogrammstunden zu sorgen. “

Einkaufszentren müssen sich bei besonderen Veranstaltungen wie Autogrammstunden nach der Versammlungsstättenverordnung richten. Diese schreibt Standards für den Bau und Betrieb von Veranstaltungsräumlichkeiten fest. Hauptsächlich regelt die Verordnung generelle Sicherheitsvorkehrungen, unter anderem die Rettungs- und Fluchtwege. Sie gilt für Räume, in denen mehr als 200 Menschen Platz finden. Für Versammlungsstätten mit mehr als 5000 Besucherplätzen und Großbühnen gelten zusätzliche Vorschriften. Die Verordnung wird von den Bundesländern geregelt.

„Man muss jedoch differenzieren, zu welchem Happening man einlädt“, erklärt Oliver Hanna. Der Chef des Einkaufszentrums Alexa in Berlin hat im September 2007 miterlebt, wie sich die scheinbar harmlose Eröffnung eines Elektronikkaufhauses zum chaotischen Massenspektakel entwickelte: 26 000 Besucher hatten um Mitternacht die Räume des Markts regelrecht überfallen. Dieses Aufkommen an Besuchern sei nicht absehbar gewesen, sagt Hanna heute, sonst wären „definitiv zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden“. Anders verhalte es sich mit Autogrammstunden wie in Oberhausen. „Wenn ein Star auftritt, kann man generell abschätzen, mit wie viel und welchem Publikum zu rechnen ist.“ Aufgrund der Erfahrungen bei vorherigen Konzerten sei der Menschenandrang für Autogrammstunden grundsätzlich kalkulierbar, erklärt Hanna.

So hat das Management des Alexa bereits eine Autogrammstunde mit Justin Bieber im Februar 2010 abgesagt, weil der Fanansturm zu einer Veranstaltung mit dem Musiker kurz zuvor in einem Kaufhaus in Paris die dortigen Organisatoren überfordert hatte.

Auch der Chef der Gropius-Passagen, der früher das „Das Schloss“ leitete, hat Erfahrungen mit Starevents. Er lehnte ebenfalls eine Autogrammstunde mit Justin Bieber ab. Allerdings nicht nur aus Sicherheitsgründen: „Solche Starauftritte behindern die Besucher beim Einkaufen. Der Bereich um den Star ist weiträumig versperrt, das frustriert die eigentlichen Kunden“, so Oliver Mohr. Ein Shoppingzentrum sei schließlich zum Einkaufen da. Anders sei dies zum Beispiel bei den relativ kurzen Auftritten des belgischen Mädchenchors Scala, nach denen sich das Einkaufszentrum auch schnell wieder leere. Auch das Publikum unterscheide sich, begründet Mohr. So sei es deutlich schwerer, hysterische Teenager bei den DSDS-Autogrammstunden zu beruhigen als ein älteres Publikum.

Für Mohr gilt: Mit der Aufstockung des Sicherheitspersonals, dem Aufbau von Sperrgittern und der genauen Analyse der Örtlichkeit ist es nicht getan. Es sei in jedem Fall besser, mehr Vorkehrungen als vorgeschrieben zu treffen. So beordert Mohr bei besonderen Ereignissen schon vorab Krankenwagen zum Einkaufszentrum, um im Notfall schnell reagieren zu können. Vollkommene Sicherheit wird es aber wohl nie geben: „Die Ausmaße einer solchen Veranstaltung sind nie genau vorhersehbar“, mahnt GdP-Sprecher Eisenreich.

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