Welt : Erfolg ohne Scham

Christina Aguilera bricht in ihrem Video „I wanna get Dirrty“ mit sämtlichen Tabus und landet unter den Top-Ten

Sassan Niasseri

Ächzend reiben sich die ölverschmutzten Körper aneinander. Mitten im Ring einer apokalyptischen Donnerkuppel windet sich Christina Aguilera, verpackt in einem knapp gesäßbedeckenden Stoff, und keucht: „I wanna get Dirrty.“ Ein Video, in dem es um Dehnung, Arbeit, Maschinen geht – ein Fast-Porno. Und ein Hit: In Deutschland war „Dirrty“ in den Top-Ten, in England ist der Song seit drei Wochen auf Platz eins. Die Werbetrommel rührten vor allem britische Fernsehmacher – ungewollt. Sie verkündeten, der Clip sei so unmöglich, dass man ihn nicht einmal nachts zeigen kann. Dennoch gibt es kein anderes Video, für das jüngere Fernsehzuschauer derzeit so hoch votieren.

Warum? Eine Schamgrenze überschritt Christina Aguilera, 21, mit ihrem SM-Video nicht. MTV hat schon tiefere Einblicke gezeigt. Dennoch feilt die Sängerin mit Provokationen weiter an einem neuen Image als Sex-Gesamtkunstwerk. So recht nimmt man Aguilera diesen Sinneswandel jedoch nicht ab. Und wenn sie in Interviews von ihren elf Piercings redet, als seien es versteckte Schatzkisten, und davon, dass zwei Teile des Körperschmucks an einer Stelle sitzen, wo nur ein Boyfriend….dann will man das so genau auch nicht mehr wissen. Warum bloß präsentiert sie sich so?

„Mein Image war eine Lüge“, donnerte Aguilera jetzt in einem Interview. Sie verteufelt ihre Karriere als Teenpop-Star, sagt, ihr früheres Leben war oberflächlich. „Ich konnte einfach kein weiteres Album über Regenbögen machen. Warum soll meine Musik weiter ein Kunstprodukt sein?“ Mit 21, dem US-Alter für Volljährigkeit, fängt für sie das Leben erst richtig an. „Ich darf in Amerika ganz legal in Clubs gehen und muss nicht mehr das jungfräuliche Mädchen spielen“, begründet sie den Imagewandel. Bis vor kurzem las sich Aguileras Lebenslauf tatsächlich wie ein schönes Märchenbuch: Karrierebeginn mit Zwölf als Moderatorin der Kindersendung „Mickey Mouse Club“, danach Durchbruch als Sängerin mit dem Song „Reflection“ zu einem Disney-Film, 1999 schließlich ein Grammy-gekröntes Debütwerk, danach noch ein Album mit rhythmisch aufgepeppten Weihnachtsliedern. Aguilera schien wie ein wohlbehüteter Teenager-Star, der alles Fleckige abstrahlt, der den Anschein erweckt, gut auf sich selbst aufpassen zu können. Zwei Jahre ist das erst her.

Heute hat Aguilera nur noch ihre -jedes Interview prägende- „Sex Sells“- Vermarktungsstrategie im Sinn, und die Fernsehkameras, wie zuletzt bei den „MTV Europe Awards“, zielen in fast jeder Einstellung auf ihren Unterkörper. Das ist umso bedauerlicher, denn „Stripped“ hätte solch Werbung mit 0190-Charme gar nicht nötig – auf den anderen Songs ihres Albums beweist sich Aguilera als ausdrucksstarke Soulsängerin, die jeder Melodie-Hintergrund Kraft einzuhauchen vermag.

Den schmalen Grat zwischen Latin-HipHop („Infatuation“), Macho-Schelte („Can’t hold us down“) und Ballade („Walk Away“) meistert sie traumwandlerisch. Selbst das traurige „I’m ok“, in dem sie von den Gewaltausbrüchen ihes Vaters singt, einem Army-Sergeant, erscheint als subtil geöffneter Ausschnitt ihrer Biographie und nicht als weiterer Punkt auf der typischen „Womit- können-sich-gequälte-Teenager identifizieren?“-Checkliste. Kein Wunder, dass sich „Dirrty“ inmitten der 18 elegischen Stücke wie ein Fremdkörper ausmacht. Sogar Aguileras Songschreiberin Linda Perry hält das Image ihres Protegés für unglaubwürdig: „Eine so talentierte Sängerin wie Christina sollte sich nicht hinter diesem Sexzeug verstecken“, sagte sie einem US-Magazin. Sie hofft, daß Aguilera ihre wilde Zeit für beendet erklären wird, sobald der Song aus den Charts verschwunden ist.

So wie ihre gleichaltrigen Ex-„Mickey Mouse Club“-Kollegen Britney Spears und Justin Timberlake ist auch Aguilera quasi unter den Augen der Fernseh-Öffentlichkeit groß geworden. Den Schritt vom Teenie-Star zu erwachsenen Interpreten wagten alle drei nahezu gleichzeitig. Besonders mit Spears teilt Aguilera eine lange Geschichte voller Neid und Eitelkeiten: Als Kinder lieferten sie sich im „Mickey Mouse Club“ noch lachend Ping-Pong-Duelle, später stritten sie sich als Dauerkonkurrentinnen um Timberlake und darum, wer sich glaubhafter als Jungfrau präsentieren kann. Im vergangenen Jahr versuchte dann zunächst Spears Reife zu demonstrieren, indem sie ihre jugendlichen Fans mit dem Allein-Thema Sex („I’m a Slave 4 U“) schockte.

Vielleicht erkennt auch Aguilera bald, dass Provokationen allein ihre Karriere nicht am Leben erhalten. Nach der „Dirrty“-Eruption folgt zumindest mit ihrer zweiten Single ein kleiner Schritt hin zu einer seriöseren Erscheinung: In dem beatleesken „Beautiful“ formuliert sie das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Akzeptanz: „I’m beautiful no matter what they say/ Words can’t bring me down.“ Und kündigte an, sich im dazugehörigen Video dezent zu geben. Per Anzeige suchte sie nach Hauptdarstellerinnen, mit denen sie der Jugendwahn-Ästhetik des Musikfernsehens den Spiegel vorhalten will: Magersucht-Kranke und Lesbierinnen ab 40 mit „extrem feministischer Erscheinung“. Ein Schritt in eine ganz andere Richtung. Aber was Aguilera aus ihren Ideen machen wird, ist die andere Frage.

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