Ermittlungen : Fall Kampusch hätte früher aufgeklärt werden können

Wurde Natascha Kampusch tatsächlich nur von einer Person verschleppt oder waren doch mehrere Täter für die Entführung der damals Zehnjährigen verantwortlich? Hinweise deuten auf gravierende Fehler während der Ermittlungen, Zeugen wurden nicht berücksichtigt. Nun wird der gesamte Fall erneut überprüft.

Christian Fürst[dpa]
Natascha Kampusch
Entführungsopfer Kampusch. -Foto: dpa

WienMehr als ein Jahrzehnt nach der Entführung der damals zehnjährigen Natascha Kampusch wird einer der sensationellsten Kriminalfälle in der Geschichte Österreichs jetzt neu aufgerollt. Wie die Tageszeitung "Die Presse" am Freitag auf ihrer Titelseite berichtete, hat das Justizministerium in Wien beschlossen, die Ermittlungen in dem Fall wieder aufzunehmen, der die ganze Welt erschütterte. Denn seit der Flucht von Natascha Kampusch aus der Gewalt ihres Entführers im August 2006 sind Fakten bekanntgeworden, die auf schwere Versäumnisse bei den damaligen Ermittlungen schließen lassen.

Eine parlamentarische Untersuchung in diesem Jahr brachte ans Licht, dass die Polizei unter anderem eine heiße Spur nicht weiter verfolgte, die schon wenige Wochen nach der Entführung zur Befreiung der kleinen Natascha hätte führen können. Die Polizei war danach wiederholt im Haus des Entführers, ohne das unter der Garage eingesperrte Kind zu entdecken. Selbst die Beteiligung eines zweiten Täters wird inzwischen nicht mehr ausgeschlossen. Genügend Gründe für Justizministerin Maria Berger, den gesamten Fall noch einmal überprüfen zu lassen.

"Gravierende Mängel" bei Ermittlungen

Als die zehnjährige Natascha Kampusch am 2. März 1998 auf dem Schulweg entführt wurde, hielt ganz Österreich den Atem an. Das Verbrechen löste die vermutlich größte Suchaktion in der Geschichte der Alpenrepublik aus. Zahllose Hinweise gingen bei der Kripo ein. Doch die kleine Natascha wurde von der Polizei nie gefunden. Erst achteinhalb Jahre später, im August 2006, gelang der inzwischen 18-Jährigen die Flucht aus dem Kellerverlies unter der Garage ihres Entführers Wolfgang Priklopil. Der Täter warf sich kurz danach vor einen S-Bahn-Zug in Wien.

Schon kurz nach der Flucht von Kampusch 2006 waren kritische Stimmen laut geworden, die der Wiener Kriminalpolizei in dem Fall Versagen vorwarfen. Eine offizielle Untersuchungskommission unter dem ehemaligen Verfassungsrichter Ludwig Adamovich förderte dann in diesem Jahr "gravierende Mängel" bei den ursprünglichen Ermittlungen zutage.

Kampusch kann mit hoher Entschädigung rechnen

So wurden etwa Aussagen einer zwölfjährigen Augenzeugin nicht ernst genug genommen, wonach der Kidnapper Priklopil mindestens einen Helfer bei dem Verbrechen hatte. Die Untersuchungskommission nannte die Aussage in ihrem Bericht dagegen "einen von Anfang an fassbaren Hinweis auf eine Mehrtäterschaft". Ein heute 44-jähriger ehemaliger Geschäftspartner des Entführers Priklopil soll jetzt dazu erneut vernommen werden. Natascha Kampusch selbst begrüßt die Ermittlungen. "Ich finde es gut, dass sich die Behörden dazu entschieden haben, mehr Licht in meinen Entführungsfall zu bringen", meinte die inzwischen 20-Jährige am Freitag: "Es darf nicht sein, dass mögliche weitere Täter, von denen ich keine Kenntnis habe, ungestraft bleiben."

Kampuschs Vater Ludwig Koch sagte, er hoffe, dass nun "endgültig restlose Klarheit" geschaffen werde - darauf arbeite er seit Jahren hin. Er sei der Auffassung, "dass da noch etliche Leute zur Rechenschaft gezogen werden müssen". Gegenüber der Zeitung "Die Welt" betonte er, er habe stets die Einzeltäter-These angezweifelt. Angesichts der Unklarheit über einen möglichen Mittäter wisse er nicht, "ob Natascha noch in Gefahr ist". Der Anwalt von Kampuschs Mutter, Wolfgang Miller, sagte auch diese begrüße alles, "was Klarheit in die Angelegenheit bringen kann".

Nach Informationen der "Presse" könnten die neuen Ermittlungen in dem Fall bereits in der nächsten Woche beginnen. Unter anderem sei zwischen den zuständigen Justiz- und Innenministerien die Bildung einer neuen Sonderkommission vereinbart worden. Dafür sollen unter anderem neue, unbelastete Ermittler eingesetzt werden, die bisher mit dem Fall nichts zu tun hatten. Sie sollen unter anderem feststellen, ob in dem Fall auch "handwerkliche Fehler" gemacht wurden.

Welche Folgen die Wiederaufnahme der Ermittlungen haben wird, ist noch nicht zu übersehen. Natascha Kampusch selbst wartet gespannt auf das Ergebnis. Sie kann zumindest mit einer hohen Entschädigung rechnen, falls die neue Soko der Kriminalpolizei schwere Ermittlungsfehler nachweist.

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