Welt : Ernst August von Hanover: Ein feiner Pinkel

Jörg Buchholz

Sie haben immer schöne Frauen geliebt, die Welfen, Abkömmlinge eines der ältesten und nobelsten Adelsgeschlechter Europas. Aber nicht immer waren sie ihrer würdig. Mit Marie fing alles an, hier auf der Marienburg. Eine anmutige Frau, sanft lächeln ihre Knopfaugen aus dem Bilderrahmen, sie hatte dunkle Korkenzieherlocken und eine stattliche Büste. Georg V. war verrückt nach ihr, der König von Hannover, ein Visionär, und fast blind. Er schenkte seiner Marie ein Schloss. Als Sommer- oder Witwenwohnsitz, falls sie ihn überleben sollte. Er ließ es so bauen, wie man es am Ende des 19. Jahrhunderts liebte, mit allerlei Türmen und Zinnen, mit Wendeltreppen und Erkerchen, mit mittelalterlichem Charme und hochmoderner Fußbodenheizung. Weil Georg nicht sehen konnte, ließ der Architekt Conrad W. Hase für ihn ein zierliches Modell aus Kork anfertigen, auf dem er mit seinen königlichen Fingern herumtasten konnte. Er führte die Eisenbahn ein und transportierte mit ihr Soldaten. Aber den Krieg gegen die Preußen verlor der König trotzdem und ließ Marie allein im Schloss zurück. Jahre später floh sie nach Österreich, das Hufeisen, das ihr Pferd auf der Flucht verlor, haben die Leute später ans Tor genagelt.

Die Oma im Turmzimmer

Ein romantisches Schloss. Ein romantischer Wald. Die Jungs aus Schulenburg oder Nordstemmen führen ihre Mädchen gerne hierher, um sie im Schatten der Bäume zu küssen. Und so mancher versprach schon, einst werde in der Kapelle der Marienburg geheiratet. Auch der junge Ernst August, den manche den Prügelprinzen nennen, hat dies wohl getan, vor Jahren, als er noch in Niedersachsen lebte. Er hat im Wald gespielt, vielleicht in der Leine gebadet oder seine Oma besucht, die vier der 160 Zimmer des Schlosses bewohnte. Aber gewohnt hat der Prinz hier nie, nicht im Schloss. Denn aufgewachsen ist er auf dem Gut Calenberg am Fuße des Schlossbergs, einem großen Gutshof im Dorf Schulenburg, stattlich, aber nicht königlich. Schweine, Kühe und Hühner hatten sie auf dem Hof, und sechs Geschwister waren sie mal. Von hier kann man das Schloss nicht einmal sehen, gerade mal die Turmspitze mit der gelb-weißen Welfenfahne ragt über die Baumwipfel herüber.

Guter Boden hier, sagen die Leute, dunkel, saftig, das ist die Hildesheimer Börde. Sie pflanzen Zuckerrüben. Oder sie verkaufen die Erde für viel Geld als Baugrund an Familien, die aus den Städten herziehen. Wer kein Moped hat, fährt auch mal mit dem Traktor spazieren. Man ist im Schützenverein oder kegelt, die Jungen lungern am Bahnhof rum oder basteln an Motorrädern. Daran hat sich nichts geändert, seit Ernst August hier zur Schule ging. Er ist der älteste der Welfenprinzen vom Gut Calenberg, geboren im Jahr 1954. Er war ein Bursche wie die anderen in der Gegend, mit zu langen Haaren und Bauernmanieren, nur der Name klang immer ein bisschen anders: Prinz von Hannover, Großbritannien und Irland, Herzog von Cumberland, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg. Manche erinnern sich noch daran, dass seine Eltern von den Lehrern verlangten, die Kinder in der Schule mit "königliche Hoheit" anzureden. Darauf haben die Welfen zwar ein Recht, ihre Vorfahren waren englische Könige. Doch das Recht auf Respekt muss man sich hierzulande verdienen.

Danach sah es bei den Calenberger Welfen eher nicht aus. 1969 riss der 14-jährige Ernst August zum ersten Mal von zuhause aus, wollte nach Berlin, die Polizei fing ihn wieder ein. Als Halbstarker gehörte er zu den "Wilden Engeln", einer Clique von rüpelhaften Landburschen, die sich gerne prügelten. Einmal soll Ernst August einem Bauern den Hahn aus dem Hühnerstall gestohlen haben, diese Geschichte kennen hier alle, selbst die Zugezogenen. Und dann gab es da noch die Spritztour mit dem nicht zugelassenen Moped, mal wieder die Polizei, und wieder war Ernst August ausgebüxt. Der Vater ließ sich das nicht bieten und schickte den ungebärdigen Sohn in die Ferne, damit er dort Manieren lernte. Er blieb in England, heiratete eine Bürgerliche, Chantal, zeugte zwei Kinder und fing an, Schweinebüsten in allen Größen und Variationen zu sammeln. Das Dorf Calenberg hat ihm wohl nicht nachgetrauert. Aber auch die Eltern waren nicht sehr beliebt in der Gegend. Die Mutter, erzählt man, sei einmal unfrisiert aus einem Frisiersalon geworfen worden. Menschen, die was Besseres sein wollen, schätzt man hier nicht. Schon gar nicht, wenn die sich nicht anständig benehmen können. So verzeiht man den Eltern von Ernst August bis heute nicht, wie sie mit der Oma umgegangen sind, mit Oma Viktoria.

Viktoria Luise war eine dieser schönen Frauen, die die einfachen Leute bezauberte und die Welfenmänner verrückt machte. Jedenfalls Ernst Augusts Opa, der auch Ernst August hieß. Es war Liebe auf den ersten Blick, schrieb sie in ihren Memoiren. Sie war die Lieblingstochter von Kaiser Wilhelm II., dem letzten deutschen Kaiser, eine echte Preußin, und hatte sich ausgerechnet in einen Welfen verliebt. Dabei waren sich Welfen und Preußen seit 1866 spinnefeind - seit Georg V., der Blinde, der die Marie so liebte, bei Langensalza von den Preußen geschlagen wurde. Eine Niederlage, die Hannover auf ewig zur preußischen Provinz machte. Sie heirateten, trotz diplomatischer Verwicklungen, und blieben auf der Marienburg, trotz Einführung der Demokratie.

Nach dem Tod ihres Mannes bewohnte Viktoria noch vier Zimmer im Schloss. Sie ging viel im Wald spazieren, sprach mit den Bauern und ließ sich mit der Grazie einer Landesfürstin bei fast jedem Schützenfest blicken. Als Adlige fühle sie sich dem Volk, dem Anstand und der Religion verpflichtet, schrieb sie. Die Bauern dankten es ihr. Für kaiserlichen Prunk oder große Romantik haben sie hier nicht viel übrig, in den Kneipen diskutiert man noch den Preis der Kartoffeln. Aber auf Viktoria Luise lässt man in der Gegend bis heute nichts kommen. Anders die Sippe am Fuße des Berges. Als ihr Mann starb, ließen die Welfen die Preußin spüren, dass man ihre Herkunft nicht vergessen würde. Das Diadem, das sie zur Hochzeit bekam, sollte sie an die Schwiegertochter, Ernst Augusts Mutter, abgeben. Der VW-Käfer wurde ihr weggenommen. Und als Apanage erhielt sie nur 1000 Mark im Monat - abzüglich der Miete. "Und das der eigenen Mutter!", schimpften die Bauern. Die Kaisertochter klagte sich auf 4000 Mark hoch, ihr Sohn sprach von "Nervenüberreizungen und Zwangsvorstellungen". 1956 wurde ein Empfang für Tante Friederike, Königin von Griechenland, auf der Marienburg gegeben. Der ganze deutsche Hochadel war anwesend, nur Viktoria Luise nicht. Man fand die ausgesperrte Oma im Turmzimmer.

"Sind ganz normale Menschen"

"Hängt der Lappen draußen, sind die Lumpen drin", sagt man hier und lacht dazu gerne ein bisschen schäbig. Dabei flattert die Fahne fast immer, auch wenn kein Welfe anwesend ist. Nur wenige Menschen, wie Karl Friedrich Bordt, bekommen etwas mit - aber wehe, sie plaudern. Herr Bordt verkauft Würstchen (Curry oder Frankfurter), Kaffee, Tee und Schokolade in seinem Kiosk auf dem Parkplatz vor dem Schloss. Seit vielen Jahren macht er das, auch wenn der Umsatz oft nicht so gut ist, wie er sich das wünschte. Dafür ist er eine Autorität, die bunten Schilder und Zeitungsausschnitte am Tresen belegen es. Kinder dürfen nicht auf der Ablage sitzen, sagt ein Schild, daneben der Preis für den Kaffee, und auf einem anderen steht, dass er für Ordnung auf dem Parkplatz sorgen darf, wenn niemand von der Schlossverwaltung anwesend ist.

"Jeder kriegt bei mir die gleichen Würstchen", sagt Herr Bordt, "auch die adligen Herrschaften", die setzten sich genauso bei ihm auf die Bank und die grüßten immer freundlich. Immer. "Sind ja ganz normale Menschen", sagt er. Und die Wut vom Ernst August könne man ja wohl verstehen, immer diese Presse, da dürfe man kein Wort glauben. Die sollten ihn mal in Ruhe lassen, und die Caroline auch. "Ne richtig tolle Frau", sagt ein Kunde und macht sich ein zweites Bier auf.

"Schlösser kosten bloß Geld", hat Ernst August mal gesagt, "ein Schloss zu haben, ist wie ein riesiges Mietshaus, nur ohne Mieter. Heute baut man Gott sei Dank keine Schlösser mehr." Doch seit dem Tod des Vaters 1987 ist er der Chef der Welfen, und mit seiner neuen Frau ist er nun schon häufiger vorbeigekommen. Calenberg, das war mal eine Feste, ja, vor langer Zeit, aber die Marienburg ist das einzige repräsentative Schloss, das den Welfen geblieben ist. Seine Eltern sind im Garten des Schlosses begraben, auch wenn sie dort nie gewohnt haben. Zur Beerdigung der Mutter ist auch viel Volk gekommen. Das gehört sich auch, sagt man hier, man ist ja kein Unmensch, und irgendwie gehörten sie ja doch hierher. Wie Ernst August, der vielleicht manchmal auf dem Balkon seines blinden Ahnen Georg steht und schaut. Der Blick geht weit über dieses platte Land mit den Zuckerrüben, das Welfenland, bei gutem Wetter bis Hannover.

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