Welt : Ernste Sorge um die Zukunft der Monarchie

SUSANNE OSTWALD

Diana stellte eine Nähe zwischen dem Königshaus und den Menschen her / Gefahr eines Rückfalls in verstaubten TraditionalismusVON SUSANNE OSTWALDNach dem Tod der "Prinzessin des Volkes", wie Diana von Tony Blair genannt wurde, werden in Großbritannien ernste Fragen nach der Zukunft der Monarchie laut.Angesichts der Diskrepanz zwischen der beherrschten, steifen und auf äußerste Zurückhaltung bedachten Königsfamilie einerseits und der offen bezeugten, überwältigten Trauer, in der das britische Volk derzeit wie selten geeint ist, äußerten britische Kommentatoren vielfach die Befürchtung, das Königshaus würde durch einen Rückfall in das alte, steife Protokoll die Gunst des Volkes verlieren.Denn unter dem maßgeblichen Einfluß Dianas hat sich die Beziehung der Briten zu ihrer Monarchie in einer Weise gewandelt, die nicht mehr rückgängig zu machen ist: Das Haus Windsor gelangte durch sie auf die Höhe der Zeit. Diana hatte in den 16 Jahren seit ihrer Heirat mit dem britischen Thronfolger das Image des englischen Königshauses gründlich entstaubt und in die als spröde und volksfern geltende Königsfamilie frischen Wind und jene Nähe zu den Menschen gebracht, für die sie so geliebt wurde.Diana hat dem Königshaus zu einer Popularität verholfen, durch die die Monarchie erheblich gestärkt wurde.Ihr Biograph Anthony Holden sagt: "Sie hat die Monarchie neu erfunden und ihr möglicherweise den einzigen Weg gezeigt, auf dem das Königshaus überleben kann." In den Augen der Öffentlichkeit werde die Monarchie nach Dianas Tod nie wieder so wie früher sein, schrieb die "Financial Times".Der "Guardian" kommentierte, sollten sich die Windsors nicht belehren lassen, so würden sie am kommenden Sonnabend nicht nur Diana, sondern ihre eigene Zukunft zu Grabe tragen. Dieser Appell richtet sich vor allem an Prinz Charles.Er soll, so wird gefordert, in der Erziehung seiner beiden Söhne William und Harry auch und vor allem jene Werte berücksichtigen, die ihnen Diana vermittelt habe.Während Charles seine Söhne nach alter Familientradition zu kommenden Würdeträgern erzogen habe, hätte Diana sich bemüht, sie zu normalen Menschen heranwachsen zu lassen und ihnen gezeigt, wie wichtig menschliche Nähe sei.Diese unterschiedlichen Erziehungskonzepte waren sogar äußerlich erkennbar: Während die Jungen bei Charles Anzug und Krawatte anziehen mußten, durften sie bei Diana Jeans und Baseballcap tragen ­ so wie alle anderen Jungen in ihrem Alter auch. Was den Windsors wirklich gut täte, so der "Independent", wäre, bei Dianas Beisetzung Wärme und Nähe zu zeigen, zu weinen und sich gegenseitig zu trösten ­ wie der Rest der Nation.Für einen Moment, so Jonathan Freedland im "Guardian", würde damit aus einer leblosen Institution eine wirkliche Familie aus Fleisch und Blut. Eine Trauerfeier wie noch nie zuvor Millionen Menschen werden Diana das letzte Geleit geben LONDON (pü/old/dpa/AP).Die Trauerfeier für Prinzessin Diana am Sonnabend in der Londoner Westminster Abtei wird sein wie keine je zuvor.Zwei Millionen Menschen oder sogar mehr werden dem populärsten Mitglied des Königshauses das letzte Geleit geben..Das Ausmaß der Anteilnahme übertrifft alles, was es bisher gegeben hat.In lange Reihen warten die Menschen teilweise 15 Stunden lang, um sich in die Kondolenzbücher eintragen zu können.Unter den Wartenden sind keineswegs nur traditionelle Royalisten, sondern viele junge Menschen, die der Tod der Prinzessin ausßerordentlich bewegt. Unter ihnen sind viele Homosexuelle.Dies wird mit der Tatsache in Verbindung gebracht, daß Diana als eine der ersten prominenten Persönlichkeiten Anfang der 80er Jahre öffentlich einen Aids-Kranken am Klinikbett besuchte und damit ein deutliches Signal setzte.Außergewöhnlich ist auch die Tatsache, daß die sonst emotional sehr beherrschten und äußerst zurückhaltenden Briten offenbar keine Scheu zeigen, ihre Gefühle offen zu zeigen.Dazu gehört auch, daß Tränen fließen. Der Sarg der Prinzessin soll am Sonnabend auf einer Geschützlafette von ihrem derzeitigen Ruheort in der Kapelle der ehemaligen Königsresidenz zur Westminster-Abtei rollen.Prinz William (15), der älteste Sohn Dianas will seine tote Mutter auf diesem Weg begleiten.Ob tatsächlich William, sein jüngerer Bruder Harry (12) und ihr Vater, Prinz Charles, auf diese Weise vor aller Welt ihre Ehrung der Toten zum Ausdruck bringen werden, war am Mittwoch offiziell nicht klar. Entlang des historischen "Königswegs" über Mall und den alten Paradeplatz Horse Guards Parade, weiter über Whitehall und den Parliament Square zur alten Krönungskirche werden die Briten dichtgedrängt stehen.Das Geschehen in der Kirche wird direkt nur den Familienangehörigen und 2000 geladenen Gästen ­ unter ihnen Hillary Clinton aus Washington und Bernadette Chirac aus Paris, aber keinen Präsidenten und gekrönten Häuptern aus dem Ausland ­ zugänglich sein.Es war am Mittwoch noch unklar, welche politische Persönlichkeit aus Deutschland zugegen sein wird. Wenn nach der Feier ganz Großbritannien für mindestens eine Minute völlig zum Stillstand kommt, beginnt die 125 Kilometer lange letzte Reise Prinzessin Dianas zur Familiengruft ihrer Vorväter auf Gut Althorp bei Northampton. Nach zunehmender Kritik in der Öffentlichkeit am Schweigen der Königsfamilie zum Tod Dianas dankte der Palast am Mittwoch der trauernden Öffentlichkeit.Diana, deren gespanntes Verhältnis zur Queen kein Geheimnis war, wurde nicht namentlich genannt.

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