Welt : Erschüttert und erschöpft

ULRICH GLAUBER

WIEN/GALTÜR .Die Psychologen, die mit Suchmannschaften, Ärzten und Sanitätern ins Katastrophengebiet des Tiroler Paznauntal geflogen worden waren, sind gut am Platz.Erschütterung und Erschöpfung nach ausgestandener Furcht prägte die Mienen der Winterurlauber, die am Donnerstag aus dem Lawinengebiet von Galtür mit Hubschraubern des österreichischen Bundesheeres auf ein Kasernengelände im Kreisstädtchen Landeck gebracht werden konnten.Einem Deutschen versagte die Stimme beim Gedanken an den Augenblick, als in seiner Pension zwei Kinder von den Schneemassen erdrückt wurden, während die hilflosen Eltern überlebten.

Bei den beiden Lawinenabgängen in Galtür vom Dienstag nachmittag und 24 Stunden später im nahen Weiler Valzur sind wohl 38 Menschen ums Leben gekommen.Von den 32 entdeckten Toten stammen zehn Tote aus Baden-Württemberg und wenigstens ein Mann aus Nordrhein-Westfalen.Unter den toten Deutschen sollen vier Kinder sein.Auskünfte gibt das Auswärtige Amt in Bonn, wo der Krisenstab unter der Telefonnummer 0228 / 170 zu erreichen ist.

Die Luftbrücke zur Evakuierung von 2400 Touristen und Einheimischen aus dem Paznauntal am Donnerstag verlief reibungslos.Rund 35 Hubschrauber aus Österreich, den USA, Deutschland und der Schweiz waren beteiligt.Die Straße ins Paznauntal wird nach den Erwartungen der Behörden frühestens am Freitag geöffnet werden können.

Lagerkoller herrschte deshalb im Galtürer Nachbarort Ischgl, wo 8000 Wintersportler auf ihre Ausreise warten."Die Leute hören die Hubschrauber und können noch nicht weg.Die Situation ist angespannt", charakterisierte der Chefpsychiater des Psychologenteams, Christian Harig, die Stimmung.Angesichts des Massenansturms schätzte die Einsatzleitung, daß die Großaktion in Ischgl erst am Freitagabend abgeschlossen werden kann.Auch im Skigebiet rund um Lech am Arlberg, wo die Gäste zum Teil seit zwei Wochen festsaßen, wurden am Donnerstag hunderte Touristen ausgeflogen.

Denn eine Entspannung bei der extremen Lawinengefahr in Westösterreich ist immer noch nicht zu erwarten.Nachdem in den vergangenen Tagen Schneesturm und Kälte die riesigen Staublawinen verursachten, die eine Spur der Verwüstung durch Galtür zogen, wird in Tirol jetzt ein Wärmeeinbruch erwartet, bei dem die nassen Schneemassen ins Rutschen zu geraten drohen.

Josef Margreiter von der Tiroler Tourismuswerbung in Innsbruck rät Urlaubern vor dem bevorstehenden Bettenwechsel am Samstag, sich bei Reisebüros oder - im Fall von Privatbuchungen - bei den Vermietern vor Ort eingehend über die Witterungslage und mögliche Straßensperren zu informieren.Sollte ein Termin nicht zu verschieben sein und wegen Unzugänglichkeit des Gebietes storniert werden müssen, seien die Hoteliers und Pensionswirte gehalten, bei Anzahlungen Kulanz walten zu lassen.

Margreiter wies die Kritik der Umweltorganisation Greenpeace an der Entwicklungspolitik in Tirol zurück.Ein deutscher Greenpeace-Sprecher hatte einer Deutschen Presseagentur gesagt, der zunehmende Schneemangel in niedrigeren Regionen habe zu einem Ausbau der Wintersporteinrichtungen in den sensiblen Hochregionen geführt.Katastrophen wie in Galtür seien die Folge.Margreiter hält dagegen, daß das Paznauntal anders als Retortenorte in den französischen Alpen jahrhundertealtes Siedlungsgebiet sei.

Bayern und Schweiz: Verschärfte Lage

In einigen Lawinengebieten verschärfte sich die Lage weiter.In Bayern ging eine Lawine in unmittelbarer Nähe einer Gaststätte ab.In der Nähe von Linderhof nahe Oberammergau saßen etwa 40 Menschen in einem Hotel fest, nachdem eine Lawine die Zufahrtsstraße blockiert hatte.Dramatisch blieb die Situation in der Schweiz, wo insgesamt noch immer mehr als 100 000 Menschen im Schnee festsitzen.Dank des guten Wetters konnten unterdessen über 1500 Urlauber aus Wallis ausgeflogen werden.Besonders angespannt war die Lawinensituation am Donnerstag nach Angaben der Experten auch in Graubünden und im Kanton Glarus.Nach einer einwöchigen Sperrung haben sich die Schweizer Behörden entschlossen, den Gotthard-Straßentunnel und die Autobahn A 2 am Donnerstag um 16.00 Uhr wieder zu öffnen.

Französische Bergwanderer entdeckt

In den französischen Alpen sind am Donnerstag drei seit zehn Tagen vermißte Wanderer im Vanoise-Massiv aufgespürt worden.Zwei wurden inzwischen nach Pralognan-la-Vanoise gebracht (AFP).

Krisenstab hatte Räumung erwogen

Gespräch mit Lawinenwarndienst

CHRISTOPH VON MARSCHALL

BERLIN.Der Krisenstab des österreichischen Bundeslandes Tirol hatte die Evakuierung der Gemeinde Galtür in den Stunden vor der tödlichen Lawine erwogen.Die prophylaktische Rettung der mehreren tausend Einwohner und Touristen scheiterte aber an mangelnder Lufttransportkapazität und dem schlechten Wetter, sagte Rudi Maier vom Lawinenwarndienst Tirol im Gespräch mit dem "Tagesspiegel".Als sich die ungewöhnlich große Gefahr durch eine extreme Wetterlage abzeichnete, sei der Landweg bereits versperrt gewesen.Doch auch wegen der geographischen Gegebenheiten wäre es unmöglich gewesen, alle schätzungsweise 3000 bis 4000 Menschen, die sich in Galtür aufhielten, in kurzer Zeit auszufliegen, da die Berge die Zahl möglicher Flugbewegungen begrenzen, sagte Maier.Wegen des starken Schneefalls und Windes habe "kein Flugwetter" geherrscht."Solange nichts passiert, kritisiert man uns, daß wir es mit der Sicherheit zu genau nehmen."

Hans Ritter von der Lawinenwarnzentrale Bayern bezweifelt gleichfalls, daß unterlassene Vorsorge Ursache des Unglücks sei."Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, genaue Vorhersagen sind bei Lawinen unmöglich." Im bayrischen Mittenwald habe das Landratsamt kürzlich die Räumung eines Ortsteils mit 100 Bewohnern angeordnet, was "seltener als alle zehn Jahre" vorkomme.Die Lawine sei in der Nacht nach der Evakuierung heruntergekommen, habe aber vor dem Ort haltgemacht."Galtür besteht seit über hundert Jahren, und noch nie ist eine Lawine bis in den Ort gelangt."

In den Tagen vor dem Unglück war die Wetterlage extrem: Starker Schneefall bei starkem Nordwestwind ist laut Ritter eine große Gefahr an der Alpennordseite: Auf der Windseite wird der Schnee weggefegt, auf der windabgewandten Seite zu fünf Meter hohen Wächten aufgetürmt.Das Nachlassen des Windes potenzierte die Bedrohung.Auf die festgepreßte Schneedecke fiel pulvriger Neuschnee, der keinen Halt fand."Der Schnee bricht ab, wenn die Auflast zu hoch wird." Staublawinen wie in Galtür seien "sehr selten", aber so gefährlich, weil sie sich "nicht an Lawinenbahnen halten".Selbst ein Schutzwald biete keine Sicherheit, da sie ihn mühelos "überspringen oder wegreißen".

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