Welt : Erst mal Champagner

Der Stadtplanerbe Alexander Falk ist überraschend aus der U-Haft entlassen worden – gegen eine Kaution von 1,5 Millionen Euro

Savina Koch[Hamburg]

Ab jetzt solls nur noch Schampus geben. Nach 22 Monaten Untersuchungshaft in der kargen Hamburger Holstenglacis strebt der einstige Unternehmerstar Höheres an. Alexander Falk, bekannt als Stadtplanerbe, ist völlig überraschend gegen eine Kaution von 1,5 Millionen Euro entlassen worden, weil ein Mitangeklagter sich verletzt hat und pausieren muss. Der Prozess kann erst Mitte Mai fortgesetzt werden und eine weitere Haft sei „unter diesem Aspekt nicht mehr verhältnismäßig“, sagen die Richter des Hamburger Landgerichts.

Nun hat der smarte Mann seine Sternstunde. Kaum öffneten sich am Freitag gegen 16 Uhr die Pforten seiner ehemaligen Unterkunft, schlendert er lässig, die edle braune Ledertasche geschultert, ein Lächeln auf dem Gesicht, den wartenden Journalisten entgegen. Das helle Hemd ist aufgeknöpft, der Blazer übergeworfen – es soll direkt nach Sylt gehen, dort hat der Schwiegervater ein Haus. Vorher aber noch ein bisschen Schampus mit den Anwälten, sagt Falk. Und dann möchte er sich seiner Mission widmen, der er jetzt näher gekommen zu sein scheint: Der Kampf gegen die „unberechtigten Vorwürfe“. „Es ist schon so, dass der Prozess jetzt langsam kippt“, sagte Verteidiger Gerhard Strate gestern dem Tagesspiegel. Seit dem 3. Dezember vergangenen Jahres muss sich der 35-jährige Falk mit vier weiteren Männern wegen Kursmanipulation, schweren Betruges und Steuerhinterziehung vor der großen Strafkammer 20 in Hamburger verantworten. Falk und seine Mitarbeiter sollen die Umsätze ihres bereits schwächelnden Internet-Unternehmens Ision Ag durch „Luftgeschäfte“ beschönigt haben, um dann zu überhöhtem Preis zu verkaufen. Über verzweigte Wege seien Scheingeschäfte getätigt und so Umsätze suggeriert worden, heißt es in der Anklage. Die Ision wurde dann Ende 2000 an den britischen Telekomanbieter Energis für rund 800 Millionen Euro verkauft. Energis ging wenig später Pleite. Schaden laut Staatsanwaltschaft: rund 50 Millionen Euro.

Beweisstück der Staatsanwälte ist das Wort-Protokoll eines Kick-off-Meetings vom 19. September 2000, in dem der Betrug besprochen wurde. Ausgerechnet seinem Ex-Finanzchef, der Mitangeklagte Maarten Reidel, hat Falk nun seine Entlassung zu verdanken. Der hatte den Kern der Vorwürfe im Prozess zugegeben und damit seinen Chef in eine missliche Lage gebracht. Nun hat er sich bei einem Unfall die Bänder gerissen und ist vorerst nicht verhandlungsfähig.

Wortreich und unterstützt von moderner Technik hatte dagegen Falk seine Unschuld erklärt. Er rechnete dem Gericht vor, bewies, deutete an, beschimpfte – er hatte viel Zeit in der U-Haft. Die Justiz kam nicht gut davon. Die Richterschaft sei im Ergebnis wohl zu unwissend, oder mindestens zu unerfahren, den komplexen Sachverhalt zu erfassen. Aber gerade der Vorsitzende Richter Nikolaus Berger, der anfänglich, vielleicht angesichts der geballten Aufmerksamkeit für das Verfahren, etwas unsicher erschien, machte im Verlauf einen äußerst kompetenten Eindruck. Neben dem eigentlichen Prozessthema, ob denn die geschönten Zahlen nun überhaupt Anreiz zum Kauf für die Energis war, oder etwas anderes, hatte er mit dem Hagel von mehr als 30 Anträgen seitens Falk zu kämpfen. Zuletzt erließ er ein 34-seitiges Dekret, warum der Angeklagte in Haft bleiben muss.

Auch jetzt gilt der 35-Jährige weiter als tatverdächtig. Die Fluchtgefahr dauere fort, aber der könne mit Auflagen begegnet werden. Er muss sich wöchentlich melden, er darf Deutschland nicht verlassen. Auch zivilrechtliche Haftbefehle wegen Gläubigerforderungen wurden zunächst aufgehoben. „Das ist eine völlig neue Dynamik“, so Verteidiger Strate. Ein Freispruch sei sicher.

Für den Familienvater Falk war die fast zweijährige Haft ein „Abenteuerurlaub“ und eine „wahnsinnig interessante Zeit“, von der er noch seinen „Urenkeln am Kamin“ erzählen werde, erklärte er just nach Verlassen seiner Zelle. Er habe Sport gemacht, Briefe geschrieben und „Anwälte genervt“. Jurist Strate lobt ihn gar für die „Disziplin und Durchhaltekraft“, während der harten Zeit seit der Festnahme. Alexander Falk, von Freunden Sascha genannt, fährt Sportwagen, wohnt stilvoll im noblen Pöseldorf und schöpft aus dem Vollen. Den „unsportlichen Laden“ seines Vaters verkaufte er 1997 für 25 Millionen Euro an Bertelsmann und schickte sich an, das Geld in der aufkommenden New-Economy zu mehren.

Und wie geht es ihm jetzt? Strate: „Dem geht es bestens.“

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