Welt : Es gibt sie noch

Von der Mafia hatte man lange nichts mehr gehört – bei Dreharbeiten mit Brad Pitt tauchte sie wieder auf

Vincenzo Delle Donne

Die Szene war wie im Film und doch erschreckend real: Drei Mafiosi aus dem westsizilianischen Trapani schlichen um den Set im malerischen Castellammare del Golfo, auf dem Brad Pitt und Catherine Zeta Jones Szenen der Hollywood-Produktion „Ocean’s 12“ drehten. Der Grund? Eine mögliche Erpressung von Schutzgeld, wie der Polizeichef von Trapani, Giuseppe Linares, mitteilte. Linares beschwichtigte hernach jedoch die aufgebrachten Gemüter und versicherte, dass die Mafiosi die „ganze Zeit mit dem Satellitenortungssystem GPS“ überwacht worden seien. Die Polizei nahm zwei Mafiamitglieder fest, Frauen, die nach der Verhaftung ihrer Männer zwei Clans befehligen und die Filproduktion erpressen wollten.

Unvermittelt fiel so ein neues Schlaglicht auf die „ehrenwerte Gesellschaft“, die zwar in den letzten Jahren aus den Schlagzeilen verschwunden war, aber jetzt mit ihrem Erpressungsversuch den Dreharbeiten eine große PR bescherte. Dass Filmproduktionen in Sizilien Schutzgebühr an die Mafia zahlen müssen, hat zuletzt auch Margarethe von Trotta bestätigt. Auf dem „Taormina Film Fest“, auf dem sie mit dem Taormina Arte Award ausgezeichnet wurde, sorgte die deutsche Filmregisseurin Mitte Juni für ein gewisses Aufsehen, als sie freimütig erklärte: „Als ich 1981 nach Sizilien kam, um in Palermo und Catania Szenen zu meinem Film „Bleierne Zeit“ zu drehen, mich dann aber entschloss, auf die Szenen in Palermo zu verzichten, atmete mein Produzent erleichtert auf: „Gott sei Dank! Eine Mafia weniger zu bezahlen!“ Wir mussten ja schon in Catania eine Schutzgebühr zahlen, um Diebstähle der Ausrüstung zu vermeiden.“

Der Kulturreferent der Stadt Catania, Nino Strano, der um den guten Ruf seiner Heimatstadt besorgt war, reagierte prompt und lud von Trotta nach Catania ein, „um uns nach so vielen Jahren zu besuchen und hier vielleicht ihren nächsten Film zu drehen“. Schließlich sei die Realität jetzt eine andere.

Vor Margarethe von Trotta machte auch Thomas Valentin eine unerwünschte Bekanntschaft mit der Mafia. Dem im westfälischen Lippstadt verstorbenen Schriftsteller wurde „ein gut gemeinter Rat“ gegeben, wie er durch einen entsprechenden Obolus an die Mafia das Drehen der Szenen für den Fernsehfilm zur Gastarbeiterproblematik „Anna und Totò“ hätte erleichtern können. Mitte der siebziger Jahre, als Valentin Chefdramaturg bei Radio Bremen war, lebte er zeitweise im sizilianischen Cefalù. In seinem letzten Erzählband „Schnee vom Ätna“ schilderte Valentin mit Amüsement just jene Begegnung mit den Emissären der „ehrenwerten Gesellschaft“.

Nach den spektakulären Attentaten auf die Antimafiarichter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino 1992 ist die Mafia unterdessen fast gänzlich aus den Schlagzeilen verschwunden. Es herrscht eine trügerische Ruhe, die nach Ansicht von Experten bekundet, dass die Mafia sich reorganisiert habe und wieder erstarkt sei. Eine gewisse „Phase der Normalisierung“ herrscht auch in den Medien. Selbst über den in Palermo stattfindenden Prozess gegen den Berlusconi-Intimus Marcello Dell’Utri wegen Unterstützung einer kriminellen Vereinigung wird nur am Rande berichtet. Die Anti-Mafia-Kommission des Parlamentes revidierte die Gefährlichkeit der Mafia. Sie stellte fest, dass die gefährlichste kriminelle Organisation im Lande derzeit nicht die Mafia, sondern die kalabresische `Ndrangheta sei. Eine Einschätzung, die bei der Mitte-Links-Koalition für laute Proteste sorgte. Als Beleg für die alte, neue Stärke der Mafia werten Ermittler, dass in Sizilien kaum Morde und andere Mafia-Delikte registriert werden.

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