Welt : "Es ist zu viel, es kam zu schnell"

Barbara-Maria Vahl

"Ich frage mich, ob das jetzt immer so weitergeht, ob das jetzt unser Leben wird", sagt am Morgen nach dem Flugzeugabsturz mit zumindest 260 Opfern Kelly Morgan, Röntgenassistentin an der Park Avenue, Manhattan. "Aber so kann man nicht leben, das hält man nicht aus", fährt sie fort, "der 11. September, seither Anthrax, täglich der Afghanistan-Krieg in den Zeitungen und dann wieder so ein Schock."

"Es ist zu viel, es kam zu schnell, wir sind noch nicht wieder stark genug für neue Katastrophen", antwortet Thomas auf seinem Weg ins Büro, "Sie wissen doch selbst, dass bis heute Menschen sich zu Gedenkgottesdiensten für Opfer vom World Trade Center versammeln... !"

"Es war alles wie vor zwei Monaten", so Nancy Hyden vor dem großen Kaufhaus Bloomingdales, "ich war wegen des Feiertags (Veterans Day) mit meiner Familie zu Hause, und als wir den Fernseher anstellten, sahen wir die Bilder. Das lodernde Feuer, die Qualmwolken, die herumrennenden Feuerwehrmänner, Trümmerreste, und draußen der wunderschöne Morgen. Erst dachten wir, sie wiederholen Bilder vom 11. September, obwohl es anders aussah. Als wir begriffen: wieder ein Flugzeugabsturz, fing ich am ganzen Körper an zu zittern, ich fühlte so etwas wie Panik, obwohl ich sonst ganz ruhig bin. Meine Kinder, drei und sechs, wurden nervös. Meine Freundin hat am 11. September ihren Bruder verloren, ich rief sie sofort an, um an ihrer Seite zu sein."

Für die Stadt, die sich in der Übergangsphase zurück in die Normalität befindet, war der Absturz der American-Airlines-Maschine in das Wohngebiet Rockaways in Queens eine Herausforderung, der die Menschen emotional ganz offensichtlich noch nicht wieder gewachsen sind. Nun gibt es eine neue verwüstete Brandstelle, diesmal im Herzen einer friedlichen Siedlung in Meeresnähe, wenige Meilen von der alten verwüsteten Stelle im Herzen des Wirtschaftszentrums entfernt - wo noch immer Rauchwölkchen aufsteigen und es übel nach Qualm riecht.

Niemand macht hier einen Hehl daraus, dass er sich überfordert fühlt. "Es ist zu viel, es ist zu viel", so die geseufzte bündige Antwort der Brotverkäuferin Marie. Andere beginnen, die eigene Wahrnehmung kritisch zu betrachten. "Ist das nicht absurd", fragt die weißhaarige Dame, die ihren weißen Pudel im Central Park ausführt, "als sie zum ersten Mal sagten, es gebe bisher keinen Hinweis auf terroristischen Hintergrund, habe ich mir erstmal einen Kaffee eingeschenkt, mich entspannt hingesetzt und gedacht: Okay, dann ist es ja nicht so schlimm. Schauen Sie, 260 Tote, und Sie denken, es ist ja nicht so schlimm. Das ist doch schlimm, oder?", fragt sie, sichtlich irritiert darüber wie weit es mit ihr gekommen ist.

Ähnliches sagt eine junge Mutter, Diane, auf dem Spielplatz. "Erst war für mich klar, das ist wieder ein Terroranschlag. Ich dachte, klar: Exakt zwei Monate später, wieder früh am Morgen, die Stadt ist voller Diplomaten aus aller Welt, umso mehr Aufmerksamkeit versprechen sie sich. Als es dann hieß, wahrscheinlich kein Akt des Terrors, konnte ich es gar nicht glauben. Ich hab den ganzen Nachmittag weiter ferngesehen, weil ich dachte, irgendwann werden sie doch noch sagen, es war Terror. Beim ersten Anthrax Fall haben sie doch zuerst auch gesagt, es hat nichts mit Terror zu tun, erinnern Sie sich?"

Viele Menschen in New York, etliche ohnehin stark verunsichert durch die fortgesetzten Terrordrohungen, fühlten sich allein durch die äußeren Umstände an das Drama am 11. September erinnert. Wieder waren sofort alle Flughäfen gesperrt, ebenso Brücken und Tunnel, um Rettungsfahrzeugen die Wege offenzuhalten.

Der Flugschreiber, auf dem die letzten Gespächsminuten im Cockpit aufgezeichnet sind, ist geborgen worden. Nichts, so versichern bisher Flugsicherung, Experten,die die Trümmer untersuchten und Geheimdienst, weist darauf hin, dass Terroristen für den Absturz verantwortlich sind. Es war vermutlich "ein ganz normales Unglück, ein Unfall, wie er leider immer passieren kann", so eine Sprecherin der Fluggesellschaft. Das Sicherheitsgefühl der Amerikaner ist dennoch tief erschüttert. "Vor dem 11. September haben wir Amerikaner uns für sicherer gehalten als wir waren", zitiert die "New York Times" den Nationalen Sicherheitschef Tom Ridge. "Jetzt wissen wir es besser, und wir wissen, nichts wird mehr sein, wie es mal war."

Und dann noch, diese böse, zynische Ironie des Schicksals: Felix Sanchez, Büroangestellter im World Trade Center, der am 11. September Sein Leben retten konnte, saß laut "New York Times" in der abgestürzten Maschine, weil er seine Familie in der Dominikanischen Republik besuchen wollte.

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