Welt : Es wird schon wieder werden

Wo der Klüngel zu Hause ist: Optimismus, Politik und schräge Töne im Kölner Karneval

Holger Müller-Hillebrand[Köln]

Waschechte Kölner kann beim Rosenmontagszug so schnell nichts mehr überraschen. Um beste Sicht auf die Wagen zu haben, haben sich viele Kölner schon zu nachtschlafender Zeit in der ersten Reihe postiert oder sind wagemutig auf hohe Leitern geklettert. Um möglichst viele „Kamelle“ zu ergattern, spannten die Karnevalsprofis unter den Kölnern Schirme auf, die sie als Trichter nutzen. Noch ein Trick war sehr beliebt: Wer besonders interessiert war an den „Strüßjer“, den kleinen Blumensträußen, setzte einfach sein freundlichstes Rosenmontags-Lächeln auf und begrüßte die älteren Herren auf ihren Wagen auf Verdacht mit „Harald!“, „Helmut!“ oder „Klaus-Dieter!“ – die gibt es nämlich in fast jeder Karnevalsgesellschaft. Und Harald, Helmut und Klaus-Dieter warfen, als gebe es keinen Aschermittwoch.

Dieses Mal jedoch wurden selbst die erfahrenen Kölner beim Rosenmontagsumzug überrascht – vom Wetter. Als um kurz nach zwölf Uhr Mittags zum ersten Mal einige weiße Flocken vom Himmel auf die feiernde Stadt herabrieselten, gab es für viele kein Halten mehr. „Der Schnee kommt!“, brüllten die verkleideten Narren begeistert und tanzten spontan über die Straßen. Ein Rosenmontagszug im windigen Schneegestöber, wann hat es das zum letzten Mal gegeben?

Wie jedes Jahr winkten auf einer Zuglänge von sechs Kilometern rund 10 000 marschierende und auf 74 Festwagen und 350 Pferde verteilte Narren den 1,3 Millionen Zuschauern zu. Neu aber war das kölsche Motto „Laach doch ens, et weed widder wääde“ („Lach doch mal, es wird wieder werden“). Die Damen und Herren Tollitäten nutzten es am Rosenmontag, um schmerzhafte Seitenhiebe auf die Berliner Reformpolitik auszuteilen.

Reform-Kettensäge

So wurde Kanzler Gerhard Schröder zum Zauberer „Gerhard Copperfield“, der mit seiner „Reform-Kettensäge“ den deutschen Michel in die Magierkiste zwingt. Auf dem Wagen „Pleiten, Pech und Pannen“ verzweifelt Pappmaché-Verkehrsminister Manfred Stolpe an einer defekten Maut-Kasse, und eine lächelnd über ihre Reform frohlockende Plastik-Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt präsentiert ein marodes Gebiss. Während des Höhepunkts der Karnevals-Session entwickelte sich die Tatsache zum Stadtgespräch, dass in diesem Jahr erstmals das Kölner Stadtoberhaupt, Oberbürgermeister Fritz Schramma, im Zug mitlaufen durfte – eigentlich ein Tabu, weil im Zug doch ebenso die Lokalpolitik verspottet wird. Schramma jedoch wollte unbedingt selbst für Kölns Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt 2010 die Trommel rühren. Damit wurden einige Kölner wieder an das Phänomen erinnert, das nicht nur die lokale Politik, sondern ebenso den Karneval mitbestimmt: den berüchtigten „kölschen Klüngel“. Zwar wurde die kriminelle Vetternwirtschaft in der Kölner Politik auch im Zug verspottet. So spielte der Wagen „Schramma allein zu Haus“ überdeutlich auf den Bestechungs-Skandal beim Bau um die Müllverbrennungsanlage an, der den einstigen Kölner CDU-Chef Richard Blömer das Amt gekostet hatte. Die satirische Wagen-Darstellung jedoch wurde im Vorfeld zweimal abgeändert: Steckte Blömer noch bei der Vorstellung der Zugwagen im Januar in einer grauen Mülltonne, wurde daraus im zweiten Versuch ein brauner Reststoffbehälter und letztlich ein schlichter Papierkorb. Blömers Frau hatte gegen die angeblich allzu despektierliche Darstellung ihres Mannes interveniert.

Zugleiter Alexander Freiherr von Chiari, der seit 15 Jahren den Rosenmontagszug dirigiert, weist alle Klüngel-Vorwürfe wie jedes Jahr zurück. „Klüngel hat mit Korruption nichts zu tun. Wir achten darauf, dass bei uns alles sauber bleibt“, sagte Chiari. Dennoch gilt am Rhein heute und in Zukunft das ungeschriebene Gesetz: Wer etwas werden will in Köln, der muss einer Karnevalsgesellschaft beitreten.

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