Welt : ESC-Fans unter Aufsicht

Schlechte Stimmung beim Grand Prix in Baku.

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Baku - Zu viele Sicherheitskräfte, überteuerte Hotels und reichlich aserbaidschanischer Nationalstolz: Deutsche Fans und andere Gäste sind wenig begeistert vom Grand Prix in Baku. „Wir machen drei Kreuze, wenn wir im Flieger sitzen und wieder nach Hause dürfen“, sagt der 46-jährige Josef aus München. Er kommt wie sein Freund Pawel seit 2001 zum Eurovision Song Contest (ESC). Die beiden erzählen in der Altstadt von Baku, wie sie sich auf Schritt und Tritt beobachtet fühlen von Sicherheitsleuten in Uniform oder in Zivil.

„Das ist sehr unangenehm“, sagt der 43 Jahre alte Pawel. Die Shows in der Crystal Hall am Kaspischen Meer strotzten nur so vor aserbaidschanischem Nationalstolz. Sicherheitsleute hätten massenhaft zusätzliche Nationalflaggen ausgeteilt, weil sie mit der Internationalität in den Fanreihen wohl nicht einverstanden gewesen seien. Dauernd werde „Aserbaidschan“ gerufen und die Fahne öffentlich geküsst. Auch im ESC-Fandorf, wo traditionell internationale Gäste zum Biertrinken zusammenkommen, halte sich kaum jemand auf, weil dort nur aserbaidschanische Musik gespielt werde. Fan Pawel spricht von „Schikanen“ und „nicht nachvollziehbaren Absperrungen“ in der Stadt. Das sei eine denkbar schlechte Werbung für das Land. Die Fans ärgert auch, dass selbst ein kleines Hotelzimmer stolze 400 Euro pro Nacht kostet.

Hier in Baku hätten „Aufpasser“ sogar Fotoapparate kontrolliert und aus nicht nachvollziehbaren Sicherheitsgründen das Löschen von Bildern bestimmter Gebäude gefordert, sagt der 31 Jahre alte Tourist Alexander aus Moskau. „Man gewinnt den Eindruck, dass die Aserbaidschaner das alles hier nur für die eigenen Leute machen“, sagt er. Die Souvenirverkäufer in der als Weltkulturerbe der Unesco geschützten Altstadt sagen, dass sie sich deutlich mehr erwartet hätten von dem ESC. Selbst am Samstag waren die Läden gähnend leer. „Es sind kaum Touristen in der Stadt und für diejenigen, die da sind, habe ich schon die Preise auf unter die Hälfte gesenkt“, sagt Händler Elchin. Vielleicht sei Baku als Reiseziel einfach noch nicht attraktiv genug.

Für Deutschland trat beim ESC, der um 21 Uhr am Samstagabend ( nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) beginnen sollte, der 21-jährige Roman Lob an. Mit der Startnummer 20 und der Ballade „Standing Still“ war der gelernte Industriemechaniker einer der letzten unter den insgesamt 25 Konkurrenten. Als Favoriten auf die Musikkrone galten vor allem die schwedische Sängerin Loreen mit ihrem Mystik-Dance-Popsong „Euphoria“ und die russische Oma-Gruppe Buranowskije Babuschki mit „Party for Everybody“. Der Sieger, der den Wettbewerb dann für 2013 in sein Heimatland holt, sollte gegen Mitternacht feststehen. Die offizielle deutsche ESC-Feier stieg wieder auf der Hamburger Reeperbahn, wo rund 5000 Menschen erwartet wurden. In der Heimatstadt von Roman Lob, im rheinland-pfälzischen Neustadt (Wied), gab es ein Public Viewing für 1200 Fans. Weltweit verfolgten wieder rund 120 Millionen Menschen in ganz Europa die größte Fernsehshow des Kontinents am Bildschirm. dpa

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