Welt : Eskalation auf Mallorca: Schüsse, Steine, Schläge

Ralph Schulze

Totaler Kollaps und Eskalation auf Mallorca: Am dritten Tag des wilden Streiks der Busfahrer kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen auf dem Airport, dessen Abfertigungsbetrieb am Sonntag endgültig zusammenbrach. Die rund 8000 Angestellten des privaten Busgewerbes auf den Balearen hatten am Samstagabend einen Lohnkompromiss abgelehnt, der in einer Marathonsitzung zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern ausgehandelt worden war. Nun droht der seit Freitag andauernde Streik außer Kontrolle zu geraten: Die Busfahrer, am heutigen Montag die Arbeit zunächst wieder aufnehmen wollen, kündigen weitere Streiks an.

Das ganze Wochenende versuchten die Streikposten, den "Nottransport" der rund 500.000 an- und abreisenden Balearen-Urlauber mit Taxis, Mietwagen und Privatfahrzeugen zu sabotieren. Auf Mallorca schütten die Busfahrer immer wieder Nägel und Reißzwecken auf die Zufahrtsstraßen des Flughafens Son Sant Juan. Als sie einen Deutschen, der mit seinem Privatwagen Touristen zum Airport bringt, mit Steinen bewerfen, zieht dieser eine Pistole. Zwei Schüsse feuert der Mann in die Luft ab. Menschen schreien, werfen sich auf den Boden. Die Polizei nimmt den Schützen und die steinewerfenden Busfahrer fest.

In der Nacht zum Sonntag zerstachen einige radikale Buslenker die Reifen von weit über 100 Mietwagen im Airport-Parkhaus. "Ein krimineller Akt", flucht ein Reiseleiter, der wie viele seiner Kollegen an den ersten beiden Streiktagen Reisende mit diesen Miet-Pkws zu den Hotels gefahren oder sie dort abgeholt hatte. Auch die öffentlichen Nahverkehrsbusse, die zunächst noch die Linien-Verbindung zwischen Palma und dem Flughafen aufrechterhalten, mußten ihre Fahrten einstellen. Die Streikenden hatten die Busse mit einem Steinhagel bedacht, die Scheiben zertrümmert und die Fahrer mit Prügel bedroht. Ähnliche Szenen spielten sich auf Menorca und Ibiza ab.

So blieb am Sonntag auf den drei Balearen-Flughäfen nur noch die Taxiflotte mit rund 2000 Wagen, um den Touristentransport zwischen Flughäfen und Unterkünften notdürftig zu organisieren. Riesige, zeitweise sogar kilometerlange Warteschlangen, bildeten sich in und vor den Terminals. Am schlimmsten war die Lage auf Menorca, wo viele Urlauber acht Stunden in der Sonne ausharren mußten, bis sie endlich ein Taxi ergattern konnten. "Das nächste Mal fliegen wir in die Türkei", stöhnt ein Rentner. Auch auf Ibiza und Mallorca betrugen die Wartezeiten an den Taxiständen mehrere Stunden. Das Flughafengelände bei Palma de Mallorca gleicht am Sonntag einem gigantischen Campingplatz. Viele der rund 100.000 gestern hier an-und abreisenden Feriengäste machten es sich, so gut es geht, auf Luftmatratzen, Handtüchern und Decken bequem gemacht. Kinder baden in den Springbrunnen vor der Abfertigungshalle. Rotkreuzhelfer verteilen Wasserflaschen. Die Sanitäter müssen Dutzende Urlauber behandeln, die in der Hitze einen Sonnenstich erlitten. Die meisten Menschen dösen, sind müde, erschöpft von dieser Urlaubsreise, die mit einem Albtraum beginnt.

Erst mußten sie auf ihrem Heimatflughafen stundenlang auf den Abflug warten, dann nach der Ankunft auf den Inseln am Taxistand. Die europäische Flugüberwachung hatte die Balearen-Airports zu "Krisenzonen" ernannt und die Zahl der Flüge mit dem Ziel Mallorca, Menorca und Ibiza halbiert.

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