Esoterik : Anweisungen per Handy aus dem Jenseits

In Vietnam helfen Hellseher bei der Suche nach Kriegstoten. Tausende vertrauen auf vermeintlich übersinnliche Fähigkeiten.

Frank Zeller[AFP]

HanoiEs sieht aus wie eine Geisterbeschwörung: Eine Frau liegt in Trance mit fest geschlossenen Augen auf dem Boden, um sie herum ihre Großfamilie. Begierig nehmen die Verwandten jedes Wort auf, das die Vietnamesin von sich gibt. Hoang Thi Thiem leitet die Sitzung, hält die Frau an den Schultern fest. Sie helfe ihr auf diese Weise, mit dem Geist der verstorbenen Großmutter in Kontakt zu treten, die aus dem Grab zu ihren Nachfahren spreche, sagt die 41-Jährige. "Ich benutze die Energie meiner Hände, um den Geist der Toten einzuladen, in den Körper eines Verwandten einzutreten", erklärt Thiem. Sie versteht sich als Medium, als Mittlerin zwischen dem Dies- und dem Jenseits.

So mancher hält Thiems Geschäft für Scharlatanerie. Doch für viele Vietnamesen ist es die letzte Hoffnung, zumindest die Überreste ihrer im Krieg getöteten Angehörigen zu finden. Mehr als 30 Jahre nach dem Krieg mit mindestens drei Millionen vietnamesischen Opfern wenden sich Tausende auf der Suche nach ihren Verwandten an Hellseher. Offiziell ist das kommunistische Vietnam ein atheistischer Staat, doch in einem Land, in dem die Ahnenverehrung Tradition hat, glauben viele an Übersinnliches.

"Manche haben das dritte Auge"

Hilfe finden sie im Zentrum für die Erforschung übernatürlicher Phänomene in einem grünen Viertel von Hanoi, in dem auch Thiem arbeitet. "Die Leute haben unterschiedliche übersinnliche Fähigkeiten", sagt der Direktor des Zentrums, Vu The Khanh, in seinem Buddhabildern und anderen religiösen Symbolen vollgestopften Büro. "Einige hören Stimmen aus der anderen Welt, manche haben das dritte Auge. Und wieder andere können die Toten riechen." Vielen sei das Gespür fürs Übersinnliche angeboren, andere entdeckten es nach einem traumatischen Erlebnis wie einem Unfall. Thiem erkannte ihre besonderen Fähigkeiten nach einer schweren Krankheit vor einigen Jahren.

Etwa zehn dieser Hellseher seien inzwischen im ganzen Land bekannt, sagt Direktor Khanh. Sie hätten bereits mehreren tausend Angehörigen geholfen, ihren Seelenfrieden zu finden, indem sie sie zu den Überresten ihrer Toten führten. Die Nachfrage ist so groß, dass Familien oft über ein Jahr auf einem Termin mit einem Medium warten müssen. Die gefragtesten Hellseher bleiben in Hanoi oder Ho-Chi-Minh-Stadt und geben das, was sie aus dem Totenreich vernehmen, per Handy an die Angehörigen weiter. "Das Medium spricht übers Telefon, gibt Anweisungen, nach rechts oder links zu gehen, hier oder dort in einem entlegenen Dschungel zu graben", erklärt Khanh. Vor der Suche müssten Räucherstäbchen abgebrannt und der Tote um Erlaubnis gefragt werden.

Geschichten von Betrügern schrecken nicht ab

Die meisten Kunden lassen die Knochenfunde nicht durch eine DNA-Analyse überprüfen und vertrauen einfach den Worten der Hellseher - obwohl es auch Betrüger unter den Anbietern übersinnlicher Dienste gibt. Im Oktober nahm die Polizei Dang Xuan Ba fest, der gegen Geld mit seinen telepathischen Kräften angeblich die Leiche eines Soldaten gefunden hatte. Der Fund stellte sich jedoch als Tierknochen heraus, die der Betrüger selbst vergraben hatte. Doch wer fest an Übersinnliches glaubt, lässt sich selbst durch solche Geschichten nicht abschrecken: Der Rentner Hoang Phat Trieu wollte unbedingt seinen Schwager finden, der mit seiner ganzen Einheit 1968 bei einem US-Luftangriff getötet worden war.

Die Hellseherin Nguyen Van Lien dirigierte Trieus Familie zu einem kleinen Friedhof in Quang Tri. "Lien sagte uns auf dem Handy, dass wir einen unbeschriftetes Grab beim 17. Grabstein in der neunten Reihe finden würden", berichtet Trieu. "Zu unserer Überraschung gab es dort tatsächlich das Grab eines unbekannten Soldaten. Alles war genau so, wie Lien sagte, obwohl sie die Gegend angeblich nie besucht hatte." Die Behörden vor Ort erlaubten der Familie, die Überreste zu bergen und auf einem Friedhof in Hanoi zu bestatten. Auch die Familie hat jetzt ihren Frieden. "Wir sind ganz sicher, dass wir Thai gefunden haben", sagt Trieu.

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