600 Sorten Lakritz : Süßholz neu geraspelt

Bärendreck nennen sie Verächter: Richtige Lakritze wird entweder gehasst oder geliebt. Im Supermarkt ist sie auf dem Rückzug, in der Sterneküche kommt sie nun groß raus.

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Lakritzschnecken gibt es seit den 1920er Jahren. Foto: eyewave/Fotolia
Lakritzschnecken gibt es seit den 1920er Jahren.Foto: eyewave/Fotolia

Mein ganzes Vermögen habe ich in Lakritz investiert. Woche für Woche trug ich mein Taschengeld zur Schluckerbude in Essen-Frillendorf, für 50 Pfennige bekam ich dort einen ganzen Berg: Silberlinge und Knöteriche, Salinos und Schnecken, kleine Münzen und große Smileys, jedes einzeln ausgesucht. Das dauerte. Danach klebten wir uns Salmiakpastillen mit Spucke auf die Hände und schleckten sie ganz ganz langsam ab. Und in den großen Ferien fuhren wir immer ins Lakritz-Paradies, nach Holland, wo jede Drogerie eine große Bar zur Selbstbedienung hat, von süß bis salzig, von zacht bis dubbel zout.

Und dann, vor 25 Jahren, zog ich in die Diaspora: nach Berlin. Eine Stadt ohne Büdchen. Blieben nur Tankstelle, Kaufhaus, Supermarkt. Dort allerdings ist es im Laufe der Jahre immer schwieriger geworden, schwarzes Lakritz zu finden (von bunten Mischungen – Lakritz für Warmduscher – rede ich nicht, die kriegt man nach wie vor und überall). Seit meine Schöneberger Tankstelle sich schick gemacht und in Deli2go umbenannt hat, gibt’s dort praktisch nur noch buntes bis quietschbuntes Zuckerzeug. Schnecken und Salzheringe wurden in die untersten Etagen verbannt. Ein Symptom der allgemeinen Infantilisierung der Gesellschaft womöglich?

Lakritz ist wie Marzipan: Man liebt es oder man hasst es. Wobei man es auch lieben lernen kann, wie die koreanische Illustratorin Sohyun Jung einmal erzählt hat. Für sie ein eindeutiges Zeichen, in Deutschland angekommen zu sein. Dabei gibt es ein deutliches Nord-Südgefälle, der Lakritzäquator liegt ungefähr auf der Höhe des Mains. Die Süddeutschen haben so wenig für „Bärendreck“ übrig wie Schweizer und Österreicher.

Immerhin, in Bamberg hat sich jetzt eine Süßholzgesellschaft gegründet, die Gärtner beim Anbau der Pflanze unterstützt. Was offenbar gar nicht so einfach ist. Denn wirklich zu Hause ist Glycyrrhiza glabra eher im Mittelmeerraum. Vor allem im tiefsten Süden Italiens wächst es – in die Tiefe. Denn das Interessante an der Pflanze ist die Wurzel, die unterirdisch meterweise wuchert. Die wird zerquetscht und eingekocht, bis man einen schwarzen Klumpen hat.

Für viele scheint allein die Farbe eine abschreckende Wirkung zu haben. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Lakritz gerade im Ruhrgebiet so beliebt war. Im Land der Steinkohle macht Schwarz niemandem Angst. Beim Essen aber ist es eine Rarität. Tintenfischpasta, Blutwurst, Pumpernickel, Bitterschokolade, da hört’s fast schon auf. Aber die munden ja auch nicht jedem. Lebensmittel für den fortgeschrittenen Geschmack – Essen für Erwachsene.

Für Kinder nicht geeignet, die Warnung liest man bei Kadó, dem Kreuzberger Laden häufiger. Kein Wunder: Ilse Böge und Frank Büttner bieten 600 Sorten an, von süß bis superscharf reicht das Angebot, von Island bis Italien. Lakritz zum Kauen und Lutschen, Knabbern und Trinken, als Tee oder Likör, Lakritz-Pralinen und -Toffeebonbons, als Marmelade oder Lutscher, mit Schokolade umhüllt. Seit 17 Jahren gibt es Deutschlands ersten Lakritzfachhandel schon.

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