Berliner Supper Clubs : Ritter der Tafelrunden

Die Experimentierfreudigen „Supper Clubs“ sind weltweit ein Trend, sie kochen nur für angemeldete Gäste. Mal in privaten, mal in angemieteten Räumen – mal für Spenden, mal für Festpreise. Drei Porträts von jungen Kreativen in Berlin.

Julia Stelzner und Heiko Hoffmann
Umgesattelt. Kristof Mulack hat in der Musik-, Schwester Mariana in der Modebranche gearbeitet.
Umgesattelt. Kristof Mulack hat in der Musik-, Schwester Mariana in der Modebranche gearbeitet.Foto: Katharina Poblotzki

MULAX

Kristof Mulack: „Eigentlich wollte ich ein eigenes Restaurant eröffnen, aber dann war mir das doch zu riskant. Vor dem Investieren lieber erst mal experimentieren, sagte ich mir. So eröffnete ich gemeinsam mit meiner Schwester im Juli 2012 unseren Supper Club Mulax am Lausitzer Platz in Kreuzberg. Dort bieten wir zweimal wöchentlich Platz für 30 Gäste. Eine Profiküche habe ich mir trotzdem gegönnt. Das Ganze muss ja Spaß machen.

Wie ich überhaupt zum Kochen gekommen bin? Nun, in meiner Familie wurde schon immer gut gegessen. Meine kulinarische Erweckung hatte ich jedoch bei einem Weihnachtsessen in der Weinbar Rutz in Mitte. Das Essen war schlicht so gut, dass ich mich danach auf Restaurant-Tournee begab und in den besten Restaurants der Stadt einkehrte. Bei Tim Raue war ich sogar so oft, dass er mich irgendwann darauf ansprach, warum ich so oft in seinem Restaurant abhängen würde. Das Ergebnis: Er lud mich ein, bei ihm in der Küche mitzuhelfen. Ein solches Angebot konnte ich natürlich nicht ausschlagen – vor allem wegen unserer gemeinsamen Vorliebe für gutes Eis. Meine Spezialität ist ein Spreewaldgurkeneis. Klingt komisch? Schmeckt aber genial! Bestätigen meine Gäste.

Neben meinem Supper Club bin ich übrigens in allen Küchen Berlins zu Hause. Zumindest theoretisch – über Kitchensurfing, ein Online-Portal, über das man sich Köche nach Hause holen kann. Mein Fokus liegt auf der gehobenen regionalen Küche. Dafür kaufe ich Produkte direkt beim Bauern oder baue Gemüse auf meinem Ackerstück in Schönefeld an.

Mohrrüben sind langweilig? Nicht als Popcorn oder als warmer Saft mit Wermut und Safran. Kürzlich habe ich damit eine Einweihungsparty in Prenzlauer Berg bewirtet. Und auch wenn es in einer fremden Küche schon mal zu spontanem Chaos kommt, wie an jenem Abend, als der vorhandene Topf nicht als Fritteuse taugte: Das Kochen hat mich ruhiger gemacht. Während ich früher eher ein Draufgänger war, riskiere ich heute höchstens etwas am Herd.“
zweimal wöchentlich, mehr unter www.mulax.de

MOTHER’S MOTHER

Kavita Meelu: „Zugegeben, mein Supper Club entstand aus reinem Egoismus: Ich wollte einfach kochen lernen. Und zwar nicht irgendwas, sondern Spezialitäten aus aller Welt. Es ist das Konzept von Mother’s Mother, traditionelle Familiengerichte wieder aufleben zu lassen. Rezepte, die die Großmutter oder Mutter früher gezaubert hat. Das kann ein neapolitanischer Schokoladen-Auberginen-Auflauf sein oder chinesische Dumplings.

Ich habe indische Wurzeln, bin in London aufgewachsen und habe dort Wirtschaft studiert, bevor ich nach Berlin gezogen bin. Ich weiß, wie schwer es ist, genau das zu bekommen, was man früher so gerne bei der Familie gegessen hat. Inzwischen kommen immer mehr Köche auf uns zu. So ist aus dem ursprünglich nur für ein halbes Jahr angedachten Projekt mit 15 Dinnern eines mit Zukunftsperspektive geworden.

Ich möchte, dass jeder ein Mother’s-Mother-Dinner abhalten kann. Nicht nur Profiköche, wie es bislang der Fall ist. Denn es geht nicht nur darum, authentische ethnische Küche zu bieten, wie sie bei aller Heterogenität in Berlin in ihrer Ursprungsform schwer zu finden ist. Das Tolle sind vielmehr die Geschichten dahinter. Die möchte ich in einer Art „Kulinarik-Wikipedia“ zusammenfassen.

Bevor es so weit ist, wird jedoch erst mal ein Fest zum einjährigen Jubiläum stattfinden. In der Markthalle IX mit 70 verschiedenen Köchen aus unterschiedlichen Nationen. Die letzten Dinners fanden ja noch in meiner Wohnung in Kreuzberg statt. So wie Anfang des Jahres, als die Thailänderin Siripen Lingk mit ihrem scharfen Papayasalat den rauen Berliner Winter für einen Moment vergessen ließ. Ich kann es kaum erwarten. Vor allem, weil ich selbst dabei in der Küche stehe. Eine bessere Kochschule hätte ich mir nicht wünschen können.“

ein bis zwei Mal monatlich, Infos unter: www.facebook.com/MothersMother

SUPPER CLUB

Kristi Korotash und Dave O’Reilly: „Vor etwa sechs Jahren haben wir zum ersten Mal von Supper Clubs erfahren. In Calgary, wo wir lebten, gab es zwar keine, aber wir sahen eine Fernsehsendung von Jamie Oliver, in der er einen Supper Club in New York besuchte. Zu der Zeit hat Dave als Privatkoch und ich im Service auf Jachten gearbeitet. Das war gut bezahlt, nur irgendwann haben wir uns nach einem festen Wohnsitz gesehnt. Wir waren ein Wochenende in Berlin und beschlossen, hierherzuziehen.

Seit Oktober 2011 veranstalten wir einmal im Monat in unserer Kreuzberger Wohnung unseren Supper Club. Wir kochen eine moderne europäische Küche. Zuletzt gab es zum Beispiel irischen Blutpudding und geschmorten Chicoree mit Polenta, pochiertem Ei und Rote-Bete- Hollandaise.

Wir versuchen jedes Mal etwas Neues zu machen. Zum einen, weil wir saisonal kochen, zum anderen, weil wir Abwechslung mögen. Zuerst stellen wir das Menü zusammen, ein bis zwei Tage vor dem Dinner fangen wir an, die Zutaten zu kaufen und dann stehen wir anderthalb Tage in der Küche. Wenn die Gäste kommen, sollten die meisten Gerichte fertig sein und nur noch die Sachen gemacht werden, die zum Beispiel direkt von der Pfanne auf den Teller kommen.

Jedes Mal gibt es sechs Gänge und noch ein paar Kleinigkeiten dazu. Das Essen geht meist bis um ein Uhr, dann setzen wir uns dazu, und die letzten Gäste gehen erst gegen halb vier. Zuerst kamen hauptsächlich Touristen und Leute, die wie wir erst seit kurzem in Berlin leben. Seit ein paar Monaten kommen immer mehr Berliner, und jedes Mal gibt es ein oder zwei Gäste, die schon mal bei uns waren. Wir würden gerne für mehr Gäste kochen, an unserem Tisch ist aber nur Platz für zwölf Personen. Deshalb machen wir jetzt einmal pro Woche gedämpfte Schweinebauchbrötchen, die wir beim Streetfood Market donnerstags in der Markthalle IX verkaufen.“

Sechs Gänge mit Getränken kosten 69 Euro. Mehr unter www.zuhauseberlin.com

Protokolliert von Julia Stelzner (2) und Heiko Hoffmann. Die drei Artikel sind gekürzt und dem neuen zitty-Buch „Tisch und Tafel“ entnommen, das ab sofort überall in Berlin zu kaufen ist (8,90 Euro).

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