BIOGRAFISCHES : der Der Untergang des Abendlands in Anekdoten Tante Jolesch Das Vermächtnis

Der Schriftsteller Friedrich Torberg wäre kommenden Dienstag 100 Jahre alt geworden. Er schrieb am liebsten im Kaffeehaus. Als kleine Hommage drucken wir hier zwei Texte aus seinem bekanntesten Buch.

Friedrich Torberg

Was auf seinem Grabstein stehen sollte, das wusste Friedrich Torberg ganz genau: „Essen war seine Lieblingsspeise.“ Das Kaffeehaus war sein Zuhause, darüber schrieb er immer wieder, vor allem in seinem bekanntesten Buch, dem wir die beiden Texte entnahmen: „Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten“ (im Doppelband mit dem Nachfolger „Die Erben der Tante Jolesch“für 19,30 Euro im Verlag Langen Müller, wo auch die vom Autor selbst gelesenen Hörbücher sowie gerade eine Biografie von David Axmann erschien). Entsprechend unglücklich war der jüdische Österreicher im Exil in Hollywood. Er war Wiener durch und durch, hier wurde er vor 100 Jahren, am 16. September 1908 geboren, hier machte er als 22-Jähriger Furore mit seinem eindringlichen Roman „Der Schüler Gerber“; als der Schriftsteller, Briefeschreiber und Übersetzer von Kishon (offizieller Berufstitel: „Professor“) 1979 in Wien starb, hielt Bundeskanzler Kreisky die Rede am Grab.

Die Tante Jolesch

Sie ist 1932 gestorben, friedlich und schmerzlos, von Ärzten betreut, von der Familie umsorgt, zu Hause und im Bett – wie damals noch gestorben wurde (und wie es bald darauf so manchem ihrer Angehörigen nicht mehr vergönnt war).

Kurz vor dem Ende offenbarte sich ihr Charakter und ihre Lebensweisheit in einem letzten Ausspruch, mit dem sie das Geheimnis ihrer weithin berühmten Kochkunst preisgab – und zu dem eine in jeder Hinsicht passende Vor-Geschichte gehört.

Gleich allen wahren Köchinnen, die ihre Kunst im häuslichen Gehege ausübten – es wird von ihnen noch die Rede sein –, war auch die Tante Jolesch ausschließlich auf die Genussfreude und das Wohlbehagen derer bedacht, denen sie ihre makellos erlesenen Gerichte auftischte. Es sollte den anderen munden, nicht ihr. Sie selbst begnügte sich damit, ihren Hunger zu stillen. Als man sie einmal nach ihrer Lieblingsspeise fragte, wusste sie keine Antwort. „Aber du musst doch schon draufgekommen sein, was dir am besten schmeckt“, beharrte der Frager.

Nein, um solche Sachen kümmere sie sich nicht, replizierte ebenso beharrlich die Tante Jolesch (wobei sie in Wahrheit nicht „Sachen“" sagte, sondern „Narreteien“ und genau genommen „Narrischkaten“).

Der Wissbegierige ließ nicht locker und spitzte nach einigem Hin und Her seine Frage vermeintlich unentrinnbar zu:

„Also stell dir einmal vor, Tante – Gott behüte, daß es passiert – aber nehmen wir an: du sitzt im Gasthaus und weißt, dass du nur noch eine halbe Stunde zu leben hast. Was bestellst du dir?“

„Etwas Fertiges“, sagte die Tante Jolesch.

Wäre es nach den Verehrern ihrer Kochkunst gegangen, dann hätte sie sich als Abschiedsmahl ihre eigenen „Krautfleckerln“ zubereiten müssen, jene köstliche, aus klein geschnittenen Teigbändern und klein gehacktem Kraut zurechtgebackene „Mehlspeis“, die je nachdem zum Süßlichen oder Pikanten hin nuanciert werden konnte. In der ungarischen Reichshälfte bestreute man sie mit Staubzucker, in der österreichischen mit Pfeffer und Salz. Krautfleckerln waren die berühmteste unter den Meisterkreationen der Tante Jolesch. Wenn es ruchbar wurde, dass die Tante Jolesch für nächsten Sonntag Krautfleckerln plante – und es wurde unweigerlich ruchbar, es sprach sich unter der ganzen Verwandtschaft, wo immer sie hausen mochte, auf geheimnisvollen Wegen herum, nach Brünn und Prag und Wien und Budapest und (vielleicht mittels Buschtrommel) bis in die entlegensten Winkel der Puszta –, dann setzte aus allen Himmelsrichtungen ein Strom von Krautfleckerl-Liebhabern ein, die unterwegs nicht Speise noch Trank zu sich nahmen, denn ihren Hunger sparten sie sich für die Krautfleckerln auf, und den Durst löschte ihnen das Wasser, das ihnen in Vorahnung des kommenden Genusses im Mund zusammenlief. Und ein Genuss war’s jedes Mal aufs neue, ein noch nie dagewesener Genuss.

Jahrelang versucht man der Tante Jolesch unter allen möglichen Listen und Tücken das Rezept ihrer unvergleichlichen Schöpfung herauszulocken. Umsonst. Sie gab’s nicht her. Und da sie mit der Zeit sogar recht ungehalten wurde, wenn man auf sie eindrang, ließ man es bleiben.

Und dann also nahte für die Tante Jolesch das Ende heran, ihre Uhr war abgelaufen, die Familie hatte sich um das Sterbelager versammelt, in die gedrückte Stille klangen murmelnde Gebete und verhaltenes Schluchzen, sonst nichts. Die Tante Jolesch lag reglos in den Kissen. Noch atmete sie.

Da fasste sich ihre Lieblingsnichte Louise ein Herz und trat vor. Aus verschnürter Kehle, aber darum nicht minder dringlich kamen ihre Worte:

„Tante – ins Grab kannst du das Rezept ja doch nicht mitnehmen. Willst du es uns nicht hinterlassen? Willst du uns nicht endlich sagen, wieso deine Krautfleckerln immer so gut waren?“

Die Tante Jolesch richtete sich mit letzter Kraft ein wenig auf: „Weil ich nie genug gemacht hab…“

Sprach’s, lächelte und verschied.

Kaffeehaus ist überall

(...) Kaum eine der in diesem Buch auftretenden Personen wäre ohne das Kaffeehaus denkbar. Kaum eine der von ihnen handelnden Geschichten, auch wenn sie anderswo spielen, wäre ohne das Kaffeehaus entstanden. Kaum einer der hier verzeichneten Aussprüche wäre getan worden, wenn es das Kaffeehaus nicht gegeben hätte. Für die auftretenden Personen war es der Nährboden, aus dem sie ihre geheimen Lebenssäfte sogen. Den von ihnen handelnden Geschichten lieferte es die Atmosphäre wohin auch immer, lieferte es Rückendeckung und Resonanz und, kurzum, den geistigen Raum. Und ihre Aussprüche waren von einer im Kaffeehaus entwickelten Diktion und Denkungsart geprägt. Selbst die erhabene Gestalt der Tante Jolesch, die niemals in einem Kaffeehaus gesichtet wurde, hat etwas von ihm abbekommen. Man könnte freilich auch sagen, dass das Kaffeehaus etwas von der Tante Jolesch abbekommen hat, dass sie das missing link zwischen talmudischer Ghettotradition und emanzipierter Kaffeehauskultur war, sozusagen die Stammmutter all derer, die im Kaffeehaus den Katalysator und Brennpunkt ihres Daseins gefunden hatten, ob sie’s wussten oder nicht, ob sie’s wollten oder nicht.

Manche – und nicht die schlechtesten – wollten es nicht. Zu den beinahe untrüglichen Merkmalen eines Stammgastes gehörte die Behauptung, keiner zu sein (was mit gleicher Beharrlichkeit sonst nur Betrunkene von sich behaupten). Ernst Polak, eine der Säulen des Café Herrenhof, aus Prag gebürtig, in erster Ehe mit Kafkas Milena verheiratet, Literaturkenner von hohen Graden und weithin als kritische Instanz anerkannt, versäumte sie es nie, sein allnachmittägliches Erscheinen am Stammtisch mit der Mitteilung einzuleiten, dass er nur ausnahmsweise gekommen sei und gleich wieder gehen müsse, weil er seine Zeit nicht mit unnützem Herumsitzen und Herumreden vergeuden wolle. Er blieb dann meistens bis zur Sperrstunde, deren Ankündigung durch den Oberkellner Albert ihm ein entsetztes „Was – schon?!“ entlockte. Berichten seiner Haushälterin zufolge erwachte er für gewöhnlich mit dem Seufzer: „Großer Gott – schon wieder ein Tag vorbei …“ (Das verweist auf einen verwandten Ausspruch Friedrich Karinthys, des einzigen ungarischen Schriftstellers, der als würdiger Zeit- und Artgenosse Franz Molnárs anzusehen ist: „Was kann schon aus einem Tag werden, der damit beginnt, dass man aufstehen muss!“)

Polak blieb seinen Freunden Hermann Broch, Franz Werfel, Willy Haas und anderen auch in der Emigration ein wertvoller Berater. Er starb während des Kriegs in London. Es war ihm nicht mehr vergönnt, noch ein Mal ausnahmsweise im Café Herrenhof zu erscheinen.

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