Britische Spirituose Gin : God save the Gin

Weltweit erlebt der Wacholderschnaps eine Renaissance, ganz besonders in seiner Heimat London. Eine nächtliche Tour durch Bars und Gin-Destillerien

von
Gin-Kenner Leon Dalloway verkostet einen Wacholderschnaps.
Gin-Kenner Leon Dalloway verkostet einen Wacholderschnaps.Foto: Promo

So exzessiv wie im 18. Jahrhundert wird es wohl nicht noch mal werden in London, auch nicht an diesem Abend.
Unser Minibus ist auf dem Weg Richtung Tower, zur nächsten Bar, der zweiten von insgesamt fünf. Draußen taucht die untergehende Sonne die Stadt in warmes Licht, drinnen hält Leon Dalloway einen Tablet-Computer in die Höhe. Auf dem Bildschirm ist ein Stich des Künstlers William Hogarth zu sehen, „Gin Lane“ von 1751. Er zeigt eine Straße voller Betrunkener. Im Zentrum steht eine stillende Frau, die ihr Kind fallen lässt, neben ihr ein Mann, der mit einem Glas in der Hand eingeschlafen ist. „Das war die Zeit des ,Gin Craze’“, erklärt Dalloway. Das Gin-Fieber, es erfasste damals ganz London. Große Teile der Bevölkerung waren ständig berauscht vom Wacholderschnaps, 65 Liter im Jahr trank jeder Einwohner durchschnittlich, auf dem Höhepunkt gab es 6000 Verkaufsstellen. „Klingt gut, oder? Klingt, als wäre ich gerne dabei gewesen“, sagt Dalloway, seines Zeichens Bartender und Gin-Experte. „Tatsächlich war es furchtbar: Auch viele Frauen waren süchtig, deshalb starb zeitweise eines von drei Kindern vor dem fünften Lebensjahr.“
Nun ist die britische Hauptstadt erneut vom Gin-Fieber befallen. Aber auf ganz andere Art. Es geht nicht mehr darum, dass verarmte Massen mithilfe von Hochprozentigem ihr Elend vergessen wollen. Sondern um gepflegten Genuss. Eine kleine Destillerie nach der anderen eröffnet, junge Enthusiasten experimentieren mit der Rezeptur des Schnapses, und in den Bars hat Gin, der britische spirit schlechthin, längst den Wodka als beliebteste Basis für Mixgetränke abgelöst. Eine Entwicklung, die hier im Mutterland des Gins begann und sich mittlerweile in aller Welt beobachten lässt – auch in Deutschland, wo es neue Gins wie „Monkey 47“ gibt.


Leon Dalloway stammt aus Mittelengland, er ist erst vor kurzem nach London gezogen. Seit zehn Monaten bietet er seine Gin Tour an, sie ist ein voller Erfolg. „Das große Interesse hat mich selbst überrascht, vermutlich habe ich zur richtigen Zeit auf das richtige Thema gesetzt.“ 50 Pfund, umgerechnet 62 Euro, kostet der Abend mit Dalloway, der Experte führt dann durch Destillerien und Bars, fünf Gin-Getränke inbegriffen – für Londoner Verhältnisse ein echtes Schnäppchen.
„Fun and education“, Spaß und Bildung, wolle er bieten, sagt der Bartender. Weshalb er zwischen den Getränken zu kleinen, mit kräftiger, aber heiserer Stimme vorgetragenen Gin-Referaten ausholt. Im Laufe des Abends werden seine Vorträge immer kürzer.
Auf der ersten Station unserer Reise ist Dalloway noch hellwach, und seine Gäste lauschen still und aufmerksam. Mehr als ein Dutzend Leute nehmen an diesem Dienstag an der Tour teil, Pärchen und Gruppen von Freunden, die meisten von ihnen Londoner unter 40. Dalloway hat die „City of London Distillery“ für seine Einführung in die Welt des Gins ausgewählt. Sie befindet sich im Keller eines Hauses nahe der Fleet Street und ist eine Kombination aus einer Brennerei, deren Kupfertanks man durch Sicherheitsglas bewundern kann, und einer Bar mit 178 verschiedenen Gin-Sorten. Was altehrwürdig aussieht, ist brandneu. Bevor hier vor zwei Jahren der Gin einzog, war in dem Gebäude unter anderem ein Stripclub daheim. Die Destillerie ist die erste im historischen Stadtkern seit 200 Jahren.
Dalloway bringt jedem Teilnehmer ein Nosing-Glas mit dem hauseigenen Gin. Außerdem stellt er zwei Schalen mit getrockneten Wacholderbeeren auf den Tisch. Die kleinen Kugeln kann man pur essen, sie schmecken leicht fruchtig und ein bisschen bitter.
„Technisch gesehen ist Gin bloß aromatisierter Wodka“, erklärt Dalloway. Wie viele andere Gin-Brennereien kauft die „City of London Distillery“ eine neutrale Spirituose, die durch die Destillation von Getreide entstanden ist, und destilliert diese erneut. Dabei werden neben Wacholder verschiedene Zutaten beigefügt, die das spätere Aroma des Schnapses bestimmen. Mehrere Dutzend dieser Botanicals kann es geben, etwa Korianderkörner, Engelwurz, Ingwer, Muskat oder Orangenschalen. Die genaue Rezeptur ist fast immer ein Betriebsgeheimnis. „Hier in der Brennerei leiten sie die Alkoholdämpfe über die Botanicals, die dabei Aromen abgeben. Das funktioniert wie ein großer Teebeutel.“ Es ist auch möglich, die Zutaten direkt in die Flüssigkeit zu tun und alles zusammen zu destillieren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben