Buch : "Hungriges Herz"- ein kulinarisches Lesevergnügen

Die französische Autorin Agnès Desarthe hat einen märchenhaften Roman über den Zauber des Kochens und des Essens verfasst. Wir trafen sie in einem Pariser Bistro.

Susanne Kippenberger

EAT ME steht auf dem winzigen Kuchen, den Alice im Wunderland entdeckt. ISS MICH. Warum nicht, schlimmer kann’s ja nicht mehr werden. Gerade erst hat Alice aus dem Fläschchen getrunken, auf dem „DRINK ME“ stand. Die Flüssigkeit, die nach Kirschkuchen, Pudding, Ananas, gebratenem Truthahn, Karamellbonbon und heißem gebuttertem Toast schmeckte, hat sie auf Gartenzwerggröße zusammengeschrumpft. Und jetzt: schießt sie in die Höhe wie ein Teleskop, bis sie ihre Füße nicht mehr sehen kann. Der Kuchen hat seine Wirkung getan.

„Mangez-moi“: So hat Agnès Desarthe auch ihren Roman genannt über eine Frau Anfang 40, die ein Lokal in Paris eröffnet, das nicht viel größer zu sein scheint als der Kuchen in „Alice im Wunderland“. Ein Roman über den Zauber des Essens und des Kochens, über die Liebe und die Tücken der Gastronomie. Ein heiter-melancholischer Roman, der gleichzeitig so märchenhaft und realistisch ist, wie Lewis Carrolls Klassiker, den Agnès Desarthe so liebt. Auf Deutsch erscheint das Buch jetzt unter dem Titel „Mein hungriges Herz“. „Iss mich“, das erschien dem Verlag zu sexuell besetzt.

Das Fantastische ist Agnès Desarthe vertraut, „ich glaube fest an das Magische im Alltag“. Deshalb ist die französische Schriftstellerin nicht nur ein Fan von Lewis Carroll, sondern auch von Isaac B. Singer, dem großen jiddischen Erzähler: „Für den ist das Übernatürliche auch was ganz Gewöhnliches.“ So wie in ihrem eigenen Leben. Einmal zum Beispiel hat die 41-Jährige zum Geburtstag ein Kochbuch von Claudia Rodan über die jüdische Küche geschenkt bekommen. Als die Pariserin darin blätterte, fand sie genau die Plätzchen, die ihre verstorbene Großmutter immer gebacken hatte, worauf hin ihr die Tränen kamen. Als sie aber die Kekse am nächsten Tag backen wollte, war das Rezept verschwunden. Weg, einfach weg. „Ich weiß nicht, ob ich eine Vision hatte oder einen Traum“, immer mal wieder nimmt sie das Buch zur Hand, um zu gucken, ob es wieder aufgetaucht ist – aber es bleibt verschwunden.

Nicht, dass man sich die Autorin jetzt als esoterisches Elfenwesen vorstellen sollte. Mit ihren durchaus kräftigen Beinen steht sie fest auf dem Boden des Lebens. Sie ist verheiratet, hat drei Söhne, eine wunderbare Altbauwohnung mitten in Paris – ein sympathisches Kuddelmuddel voller Bücher und Bilder, Erinnerungsstücke und gebrauchter Möbel –, außerdem ein Haus in der Normandie. Sie schreibt ein Buch nach dem anderen, manchmal auch mehrere gleichzeitig, und sie kocht mit Leidenschaft und jeden Tag, erst in Gedanken und dann am Herd. Sich auszumalen, was sie abends zubereiten könnte, ist ihr größtes Vergnügen. Und wenn sie dann abends die Karotten schält und die Zwiebeln schneidet, verfasst sie ihre Bücher, entwirft Figuren, denkt sich Dialoge aus. „Ich muss meine Hände und meine Beine beim Schreiben in Bewegung halten.“ Deswegen liebt sie auch die stundenlangen Spaziergänge auf dem Land.

An den Computer setzt sie sich erst, wenn sie wirklich das Gefühl hat: „Jetzt muss es raus.“ Und wenn sie dann doch mal eine Blockade hat, schiebt sie einfach ein Kinder- oder Jugendbuch dazwischen oder nimmt einen Übersetzungsauftrag an – am liebsten etwas von Virginia Woolf.

So wie sie Geschichten erfindet, denkt Agnès Desarthe sich auch Gerichte aus. Die Speisen im Restaurant des Romans – Avocado-Grapefruit-Suppe, Lammrücken, mit Knoblauch und Harissa eingerieben, Pfirsich-Schokoladenkuchen mit Pfeffer – tragen alle ihre Handschrift, jedes Einzelne ein Füllhorn verschiedener Aromen, abgeschmeckt mit jenen exotischen Gewürzen, die sie in dem kleinen, vollgestopften Laden von Monsieur Izraël im Pariser Viertel Marais bekommt.

Mit derselben gelassenen Selbstverständlichkeit, mit der Agnès Desarthe das Wunderbare im Alltag akzeptiert, stillt sie jetzt ihren sechswöchigen Säugling, während sie weiter erzählt. Eine entspanntere Mutter hat man selten erlebt. Nicht einmal das Kochen hat sie aufgegeben. Nur versuchsweise hat sie es ihrem Mann überlassen. Aber der war ihr nicht schnell genug.

Gestern Abend hat sie den winzigen Sohn – die beiden Großen sind schon 14 und 17 Jahre alt – sogar ins Restaurant mitgenommen. Der Wirt guckte so böse, als würde er gleich Gift spucken. Das haben sie in Frankreich nicht gern, erzählt Desarthes. Aber gerade damit hat das fiktive Restaurant von Myriam, der Hauptfigur im Roman, das anfangs ein einziges Fiasko ist, schließlich Erfolg: dass dort die Kinder besonders gut bedient werden.

„Chez moi“ hat Myriam ihr kleines Restaurant genannt: weil sie dort, wo sie kocht und ihre Gäste so freundlich empfängt, auch wohnt. „Le Baratin“ heißt das Bistro in Belleville, in das Agnès Desarthe uns geführt hat. Trotz des grimmigen Wirts hat es durchaus Ähnlichkeit mit dem fiktiven Lokal, es ist behaglich, die Gäste sympathisch, auch hier steht eine Frau am Herd, es gibt gute Dinge zu reellen Preisen. Die Schriftstellerin empfiehlt das Artischockenragout im Zitronensud, danach gibt es einen Schweinebraten, wie man ihn saftiger und knuspriger selten gegessen hat, dazu exotisch gewürzter Rotkohl, und dann verabschiedet die Autorin sich, auch wenn das Baby nicht einmal die Augen geöffnet hat: Zeit zum Stillen.

Essen hat in der Familie der Schriftstellerin von klein auf eine große Rolle gespielt. „Und es war immer mit Worten verbunden.“ Jeden Abend aß die Familie zusammen, wenn der Vater, ein bekannter Kinderarzt, endlich nach Hause kam. Meist war es dann schon neun, aber immer gab es ein ganzes Menü, Vorspeisen, Fisch oder Fleisch, Käse, Dessert. „Es war jeden Abend ein Fest, meine Mutter ist eine fantastische Köchin“; ihre Speisen waren so bunt gemischt wie die Familie es ist, russisch, jüdisch, arabisch, französisch. Und immer erzählte der Vater Geschichten dazu, „nonstop“: Geschichten von seinen Patienten („die waren überhaupt nichts für Kinder“), Geschichten von früher, Märchen, die seine Mutter ihm einst erzählt hatte. So gern wie Agnès und ihre Geschwister selber redeten: „Der Star des Abends war immer der Vater.“

So wuchs sie mit Erzählungen auf, aber nicht mit Büchern. Erst mit 17 fing die Schriftstellerin mit dem Lesen an, „da war ich reif“. Weshalb sie ihre Kindern auch nie zum Lesen gezwungen hat, so wenig wie zum Essen. Lieber kocht sie, was ihnen schmeckt, und da es bei ihr immer viele verschiedene Gerichte gibt, ist immer was für jeden dabei. Kochen, um geliebt zu werden, Kochen als Ausdrucksform, als Möglichkeit, andere glücklich zu machen: Das ist ein Gefühl, das die Autorin mit ihrer Romanfigur teilt. „Je mehr ich jemanden liebe, desto besser wird das Essen.“ Nie würde sie jemanden einladen, den sie nicht mag. Einmal, als sie sich wahnsinnig über einen Freund geärgert hat, „da wusste ich, dass ich nicht mehr für ihn kochen konnte“. Als ein paar Jahre vergangen waren und die Wut verraucht, kam er zum Dinner vorbei, „und es war exquisit. Da wusste ich: Wir sind wieder versöhnt.“

Die Idee zu ihrem Roman kam in mehreren Schüben. „Ein Schriftsteller ist wie ein Bahnhof“, erklärt Agnès Desarthe, „es fahren dauernd Züge vorbei und manche halten an.“ Zum Beispiel, als sie in einer Jury für einen Literaturpreis saß und höchst unzufrieden war mit der Wahl des Preisträgers, dessen Buch ihr gar nicht gefiel. Schlecht gelaunt und gelangweilt, studierte sie beim Cocktailempfang schon mal die Menükarte, was ihre Laune noch weiter in den Keller sinken ließ. „Beim Lesen war mir gleich klar, dass das Essen grässlich sein würde.“ Und so begann sie sich auszumalen, was sie wohl für 200 Leute kochen würde, „das war wunderbar“. Am nächsten Tag kaufte sie sich ein Notizbuch und fing mit dem Schreiben an.

Immerhin, für 50, 60 Leute hat die Autorin schon häufiger gekocht. Ihr Mann Dante ist Filmemacher, in jungen Jahren hatte er kein Geld für eine Cateringfirma, so übernahm seine Frau den Job. Dante und „den Freunden, die ich so gern bekoche“ ist der Roman auch gewidmet. „Und für Claude, nebenbei“, wie es dort geheimnisvoll geschrieben steht. Claude, verrät die Autorin, das ist der freundliche Wirt jenes kleinen Lokals, in dem sie so gern mit Freunden Mittagessen geht. Nicht wegen des Essens, das nicht besonders ist, sondern wegen der Atmosphäre und des Kaffees, „das ist der billigste von Paris“, und weil sie dort das machen kann, was sie so gerne tut: die Gespräche anderer Gäste belauschen. Wie Myriam ist Claude ein Quereinsteiger, sein kleines Bistro ist das Vorbild von „Chez moi“.

Recherchieren musste, ja, wollte Desarthe nicht mehr. „Ich wollte nicht klüger sein als meine Figur. Ich wollte auch morgens aufwachen und das Gefühl haben: Oh Gott, was ist mit den Rechnungen, wie soll ich die bezahlen!“ Myriam stopft sie einfach in die Schublade: „Briefumschläge, das ist das Gegenteil von Badezimmern“, sagt sie sich. „Haben sie ein Fenster, ist es ein Problem.“ Bis eines Tages Ben auftaucht, der Traum von einem Kellner, der Ordnung in den Betrieb bringt. Es ist ein Märchen mit Happy End.

Agnès Desarthes Roman „Mein hungriges Herz“ erscheint am 12. April im Droemer Verlag (331 Seiten, 16,95 Euro).

Le Baratin, 3 rue Jouye Rouve, Tel. 0044/1/43493970.

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