Essen & Trinken : Deftige Kost

Zeichner, Erotomane, Autor von Kinderbüchern – aber Tomi Ungerer ist noch weit mehr: Er hat Gemüse angebaut und Vieh gezüchtet, er weiß, wie man schlachtet, räuchert und kocht.

Ist es möglich, ein Porträt von Tomi Ungerer auch durch die Art zu zeichnen, was er isst? So, wie er seinerseits einen Menschen einmal in Kreide und einmal in Aquarell zeichnen könnte?

Das kann man sich fragen, während man in einer stillen Straßburger Straße nahe dem europäischen Viertel an einem alten Tuffsteinhaus auf einen messingfarbenen Klingelknopf drückt. Und dann presst Tomi Ungerer oben wie zustimmend den Summer.

„Ich habe 40 Jahre gegen den Faschismus gekämpft, und jetzt soll ich über Essen reden?“

Da sitzen sie beide, der Harte und der Zarte, vereint in der schlacksigen Person auf der schwarzen Ledercouch. Der, dessen Verfilmung zu seinem Kinderbuch „Die Räuber“ soeben ins Kino kommt, dem man in Straßburg gerade ein ganzes Museum widmet, der „Das große Liederbuch“ illustriert und die amerikanische Partygesellschaft böse karikiert hat, der poetische Bücher für Kinder gezeichnet und dann mit seinen „erotomanischen“ Zeichnungen deren Eltern erschreckt hat, dessen Bücher in den USA verboten sind, der aber im Brüsseler Europarat seit 2000 „Botschafter für Kindheit und Erziehung“ ist.

Tomi Ungerer gefällt es, Erwartungen zu enttäuschen, sich einen Scherz zu erlauben, er beobachtet dann genau, wie sein Gegenüber reagiert. Den besten Bohneneintopf, behauptet er jetzt, habe er im Bordbistro der deutschen Bahn gegessen. Ganz im Ernst. Aber wenn Tomi Ungerer lächelt, sieht es aus, als stecke all’ sein Vorwitz in seinem hervorspringenden Eckzahn.

Er und seine Frau Yvonne, erzählt er, sind Menschen, die immer alles dabei haben: er sein Messer und sie ihr Nähzeug, man weiß ja nie. Irgendwann, in einem Restaurant in Bologna, wurden sie übermütig: „Bis der Kellner zum Abräumen kam, hatten wir das ganze Besteck, die Teller und Gläser einzeln ans Tischtuch genäht.“ Ungerer, dieses 76-jährige Kind, wird auf seinem Sofa vom Lachen geschüttelt. Von der Vorstellung, wie der Kellner eins nach dem anderen anfasst, aber nichts zu bewegen ist, wie er seine Irritation nicht verbergen kann.

Tomi Ungerer ist Elsässer, und es gebe keinen einzigen unter ihnen, der sich nicht für Essen interessiert, sagt er. Aber im Gegensatz zu den Franzosen glaubt Ungerer, dass Saucen die Sache nur verkomplizieren. Er selbst schätzt einfache, gute Zutaten, ein gutes Stück Fleisch um seiner selbst willen. Er schätzt Improvisation und Originalität. Und als er sich 1956 mit seiner Zeichenmappe unter dem Arm und 60 Dollar in der Tasche nach New York einschiffte, stellte er fest, dass es dort hervorragende Clam-Chowders gab, sahnige Muschelsuppen und eine vollkommene Tradition des exzellenten Steaks.

Später ist Tomi Ungerer einmal aus schierer Verlegenheit und für sechs Jahre zum Produzenten seiner eigenen Nahrungsmittel geworden. Das war, als er und seine Frau 1970, nach 14 Jahren, New York verlassen haben – „unserem Leben war der Treibstoff ausgegangen“ – um sich für eine Weile in ein abgelegenes Haus Neuschottlands an der kanadischen Küste zurückzuziehen. Sie hatten nicht vor, eine Farm zu betreiben, aber nachdem der örtliche Metzger ihnen ein Huhn mit der Bandsäge zerteilt und in Scheiben wieder zurückgegeben hatte, beschloss der geschockte Elsässer mit seiner amerikanischen Frau, dass sie keine andere Wahl hätten und es selber versuchen müssten. In der Gegend, in der sie nun wohnten, erschoss man die Schweine, ohne sie ausbluten zu lassen. Es hatte sie an einen Ort verschlagen, in dessen Lebensmittelgeschäft Ungerer die Frau eines Fischers Fischstäbchen kaufen sah.

Sie haben also Tiere gezüchtet, Kühe, Gänse, Schafe, Kaninchen, Schweine, und jetzt mussten sie auch geschlachtet werden. Das war nur logisch. Seien wir ehrlich, sagten sie sich, denn sie wollten gerne immer ehrlich sein, auch in dieser Sache: „Wir essen Fleisch, Tiere werden gewöhnlich von Stellvertretern getötet und dann von Scheinheiligen gegessen, die beim Anblick von Blut in Ohnmacht fallen. Jeder, der Fleisch isst, ist ein Mitläufer beim Morden und wenn es etwas gibt, was ich nicht sein möchte, ist es ein Mitläufer“, schreibt Ungerer in seinem Buch „Heute hier, morgen fort“.

Er hält nichts von Beschönigungen. Und als müsste er sich für das, was jetzt kommt, noch einmal wappnen, dreht er sich eine dünne Zigarette. – Für die Mordsarbeit des Schlachtens, sagt er, hatten sie nicht wirklich eine Anleitung. Sie hatten ein Diagramm der Morton Salt Company, auf dem das Wichtigste geschrieben stand: dass erster Frost herrschen müsse, damit das Fleisch kühl abhängen kann. Dass es wichtig sei, dass das Herz nach dem Stich noch schlägt und der Schnitt unten hängt, damit das Blut noch herausgepumpt werden kann.

So machten sie sich Mut, bevor sie dem Schwein einen Apfel gaben, es mit einem Flaschenzug an den Hinterbeinen nach oben zogen und in den Hals stachen. „Die Willenskraft, die für diese Leistung nötig war, machte uns unwahrscheinlich stolz“, schreibt er. Am nächsten Tag machten sie Elsässer Blutwurst.

Einen Garten haben sie auch angelegt, in dem Gemüsesorten wuchsen, deren Samen sie aus Europa importiert hatten. Zum Erstaunen der Nachbarn, die immer zuerst an einen Soldatenfriedhof dachten, wenn sie die streng angeordneten Beete sahen, in denen Fenchel, Schwarzwurzel, Feldsalat und Kerbel wuchsen. Ungerer wusste, dass sein Interesse für Gemüsesorten im Garten seiner Mutter wurzelte, die im Krieg die Familie mit dem Anbau hinter dem Haus durchgebracht hatte. Es war die überfürsorgliche Mutter Alice, die er irgendwann nicht mehr umarmen wollte, deren Liebkosungen ihm zuwider wurden, deren Küsse er nicht mehr erwidern wollte, und dann schrieb und zeichnete er das Buch „Kein Kuss für Mutter“. Es gab Leute, die fanden das infam.

Das ist ihm immer wieder passiert. Ungerer, der unablässig winzige Zigaretten rollt, fällt ein, dass er auch kulinarisch längst die Grenzen des guten Geschmacks ausgetestet hat, als er nämlich einmal mit seiner Frau aus Anlass des Besuchs von einigen Deutschen eine Adolf-Hitler-Pastete gemacht hat: eine harmlos aussehende Pastete, die erst beim Anschnitt in rotem Schinken die Umrisse eines Hakenkreuzes in weißem Fett offenbarte.

Er lernte viel über das Essen auf der Farm in Kanada. Er pflückte bei Ebbe Seegras und servierte es mit einer Vinaigrette, er lernte, wie man Fische räuchert, dass man beim Schlachten der Schafe nicht mit den Händen voller Lanolin vom Fell an das frische Fleisch kommen darf, er beobachtete, dass Gänse Schnee fressen und er kastrierte die Schafsböcke. Hinterher schrieb er: „Mit seinen eigenen Erzeugnissen, selbst angebaut und gezogen, zu kochen, ist eine Art von ’poésie vérité et méritée’, die Poesie der Wahrheit, die man sich selbst verdient hat.“

Er fand, dass man es angucken muss, das Leben, mit allem, was dazugehört. Jahre später würde er mit seinen Kindern auf der Straße bei toten Tauben anhalten. Er würde ihnen mehr Werkzeug als Spielzeug schenken, weil er glaubt, dass man nie genug Fertigkeiten besitzen kann. Mit sechs würden seine Kinder löten können, und nicht viel später Spiegeleier braten.

Aber eines nachts fiel in Neuschottland, Kanada, eine Herde Hunde über die Schafe her, es war ein blutiges Massaker. Ein anderes Schaf starb bei der Geburt von Drillingen, und dann wurde es selbst ihnen zu rau, die allem immer ins Auge sehen wollten. Das Sterben war ihnen zu nahe gekomen, und als Yvonne schwanger wurde, zogen sie fort auf eine Farm nach Irland.

„Schlachten würde ich heute nicht mehr“, sagt der gegenwärtige Tomi Ungerer in Straßburg. Aber die Ergebnisse isst er gerne. Er pendelt zwischen Straßburg und seinem Bauernhof in Irland, wo seine Frau und die inzwischen erwachsenen Kinder leben, hin und her.

Und dieses Pendeln, das man in seinem Leben und seiner Kunst schon sieht, das spiegelt sich in seiner Art, zu essen. Sein Humor und die Lust am Schock der anderen. Die Feinheit der Wahrnehmung und die Gewalt der Methode. Da ist die Fähigkeit, einem Geschmack hinterherzuspüren, die Sinnlichkeit, die Präzision, die Improvisation, die Lebendigkeit, da ist das Prosaische und das Poetische, die Lust am Fleisch und der Glaube, dass der Tod zum Leben gehört.

Man müsse Essen teilen, sagt er, dazu sei es bestimmt. Aber wenn es sich nun einmal nicht vermeiden lasse, alleine zu essen, „lade ich mir immer einen toten Freund zum Essen ein“.

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