Dittsches Welt : In der Grillstation zuhause

Die "Eppendorfer Grillstation" in Hamburg ist seit drei Jahren Kult - so lange dreht hier Olli Dietrich schon seinen "Dittsche". Doch das wahre Inventar heißt Rolf Scheffler, trinkt hier Bier, packt mit an und hat eine Menge zu erzählen.

Verena Friederike Hasel
Grillhähnchen
Am Spieß gedreht: Brathähnchen in einer Grillstation sind doch die Besten. -Foto: ddp

Manchmal gibt es zur Currywurst einmal Staunen gratis dazu. Dann kommen die Imbisstouristen, im Gepäck die Bademäntel, sie streifen sie über, rufen nach Dittschberger Pilsener, knipsen sich gegenseitig, Pose eins, Pose zwei, Pose drei, und fahren davon. Oder die Fernsehleute: Drängen den Mittagsgästen das Mikro wie eine Pommes in den Mund und sind schon wieder weg. Probieren noch nicht mal den Erbseneintopf mit Wursteinlage, 3,50 Euro der Teller.

Wie es so ist, wollen sie meistens wissen, in der „Eppendorfer Grillstation“, Deutschlands berühmtester Imbissstube. Hier, im Eppendorfer Weg 172 in Hamburg, wird seit drei Jahren „Dittsche“ gedreht, Olli Dittrichs Comedy-Show, 2005 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Die erste Folge der neuen Staffel läuft dieses Wochenende, bis zum 10. Mai wird Olli Dittrich nun regelmäßig in die „Grillstation“ schlurfen. Marke Stammgast und Hartz IV ist er, trägt Bademantel und Aldi-Tüte. Vor Wirt Ingo bereitet er die Themen der „Bild“ auf, und in den OnlineForen rätseln die Fans vor jeder Folge, was diesmal wohl dran kommen wird. „Dittsche – Das wirklich wahre Leben“ lautet der komplette Titel der Sendung. Doch wie wahr kann eine Wirklichkeit sein, wenn sie auf dem Bildschirm spielt?

Heute waren wieder zwei da und wollten wissen, wo Schildkröte, der weitgehend stumme „Dittsche“-Gast, immer sitzt. Rolf Scheffler weiß es; er weiß auch, dass die Filmleute das Licht abzukleben pflegen, weil es Schildkröte immer so heiß wird auf dem Kopf, und von wo bis wo die Straße abgesperrt ist, wenn gedreht wird. Das alles weiß er nicht etwa, weil er Fan von „Dittsche“ ist; Rolf Scheffler geht es um die „Grillstation“. Hier würden sie drehen, weil sie in ganz Deutschland keinen saubereren Imbiss finden konnten, sagt er, und darin klingt ein zärtlicher Stolz. Seit 12 Jahren ist er Stammgast, Inventar nennt er sich selbst: fast jeden Tag ist er hier, etwa von halb vier bis neun. Vielleicht ist der 49-Jährige der Superlativ vom wirklich wahren Leben, mehr „Eppendorfer Grillstation“ als alles andere. Auf die Idee, sich wie Dittsche an der Theke zu positionieren, käme er nie, Oli Kammerer, der Wirt, habe schon genug zu tun, sagt Scheffler. Er holt sich seinen Kaffee selbst und hilft mit, wenn der Laden voll ist. Die gelben Wände hat er gestrichen, zu Silvester, als geschlossen war, hat er durch die Glastür kontrolliert, dass auch niemand einen Böller durch den Briefschlitz geworfen hat, selbst seinen Geburtstag hat er hier gefeiert. Zusammen mit den beiden Affen, sagt er und deutet auf die zwei rauchenden Männer draußen vor der Tür.

Sie sind Imbissfreunde; der eine repariert Spielautomaten, der andere ist Klempner. Scheffler hat Maler gelernt, dann wurde er Transportfahrer, nach einem Unfall musste er umschulen, und richtet nun Netzwerke ein. Auch das ist das wahre Leben: keine Arbeit, die feste Heimat bietet, stattdessen Stückwerk und der Versuch zusammenzuhalten, was man hat. Auch privat: Im Eppendorfer Weg ist Rolf Scheffler aufgewachsen, inzwischen wohnt er wieder hier, bei seinen Eltern. Sie hätten sich um ihn gekümmert, als es ihm schlecht ging, sagt er, er werde sich um sie kümmern, wenn die Zeit dafür komme. Seinen Stammplatz in der „Grillstation“ hat Scheffler so gewählt, dass er die Straße im Blick hat, und er grüßt immer wieder hinaus – zur Frau, die im Haus gegenüber auf dem Balkon raucht, ebenso wie zur Tochter der Bedienung vom Café nebenan. Dort stehen Kerzen und goldene Vasen auf den Tischen, das war Schefflers Ausweichstation, als die „Grillstation“ in der letzten Dezemberwoche geschlossen hatte. Auf die Frage, wie es war, formt er mit den Händen eine bauchige Tasse – runde Form, viel Milchschaum. Jetzt auf seinem Stammplatz hat er wieder seine ehrliche Tasse Kaffee in der Hand.

Tassen können so und anders aussehen, vor allem im Eppendorfer Weg. Hier grenzen Eppendorf und Eimsbüttel aneinander, hier treffen sich zwei Hamburger Stadtteile und Lebensarten. Eppendorf, das sind Trüffel-Tagliatelle in einem Feinkostgeschäft und Altbauten mit großen Hamburger Fenstern, die herzeigen, was sie haben. Eimsbüttel dagegen sind eher die Nachkriegsbauten aus rotem Klinker. In Eimsbüttel hat Olli Dittrich einmal gewohnt, mit ein paar Mark in der Tasche, hat auf der Straße Männer in Bademänteln gesehen und im Imbiss gesessen. Die „Grillstation“ ist auch in Eimsbüttel, gerade noch so. Zum großen Geld sind es nur ein paar Schritte.

Was im wirklich wahren Dittsche-Leben der Bademantel, ist in der wirklich normalen, mittäglichen „Grillstation“ der Blaumann. Den tragen hier zwischen halb eins und halb drei fast alle, es herrscht eine hohe Zollstockdichte, etwa auf Kniehöhe des Blaumanns. Die meisten Gäste sind Männer, viele arbeiten in den Wohnungen ringsum. Sie entrümpeln oder streichen, und wenn sie dann in der „Grillstation“ sind, essen sie viel und sagen wenig, sind erschöpft von der Arbeit, die Dittsche nicht hat. Reden sie doch einmal, dann nicht über die Schlagzeilen der „Bild“, sondern die ihres Arbeitstages: „Die Dielen… miserabler Zustand“, sagt einer mit Schirmmütze in sein Mobiltelefon. „Am Mittwoch die Küche.“ Und dann, auf Nachfrage: „Im Eppendorfer Weg bin ich, bei Dittsche.“

Bei Dittsche, das sagen viele, aber eher der Einfachheit halber, nicht wegen Fantum. Warum sie herkommen, das beantwortet der mit der Mütze so: „Na, immer nur Stulle, das geht nicht.“ Dittsche hat er ein-, zweimal gesehen, der rede viel dummes Zeug, sagt er, nicht so sein Ding. Aber besser als Harald Schmidt auf jeden Fall. Die Quotenentrümplerin unter all den Männern stimmt zu: Schmidt sei durch, Ditsche dagegen, das sei wenigstens aus dem Leben.

Schmidt hat in der Grillstation auch einen Platz, auf einem Foto. Es steht in der Auslage direkt vor den Fanta-Flaschen, neben der Cola Cola light – harmlos, wem harmlos gebührt. Dittsche hat die große Bühne, er mit Wladimir Klitschko, er mit Anke Engelke, davor ein Aufsteller mit dem Schriftzug: „Nur für Erwachsene! Pur Vodka!“ Die Positionierung der Bilder von den beiden Komikern erzählt ungefähr die gleiche Geschichte wie die von Schmidts Gastauftritt als Ersatz für den Wirt: Da stand er unsicher hinter der Theke, als fürchte er, seine Brille beschlage gleich. Danach gab es Ärger unter den Fans: „Was soll der Mist?“, hieß es in einem Dittsche-Fanforum, die Imbissbude in Eimsbüttel sei einfach nicht Schmidts Metier.

Gern würde Oli Kammerer einmal Rinderroulade als Mittagstisch anbieten, dafür müsste er aber 6,20 Euro verlangen, das ist zu viel. Kammerer, seit 2005 Betreiber der „Grillstation“, ist Koch, hat in einem „Steigenberger“-Hotel gelernt. Da scheint eine Imbissbude zunächst artfremd. Doch Kammerer sah, wie sich Köche verbrauchten in den Großküchen, er wollte nicht mehr fremdbestimmt arbeiten. Und so meldete er sich auf eine Anzeige: „Imbiss zu vergeben, bekannt aus Rundfunk und Fernsehen“. Von dem Zusatz hinter dem Komma profitiert Kammerer: Für den Drehtag, an dem die „Grillstation“ geschlossen bleibt, bekommt er Geld, stellt morgens die Auslage hinein und geht dann. Sein Imbiss ist wohl der einzige, der eine eigene Postkarte hat, „Ich war hier“, steht drauf. Und zur WM kamen Manager der Post vorbei, vor dem Laden stand ein Tischkicker, und es gab Currywurst – einmal einfaches Leben gucken, Street Credibility rot-weiß.

So lukrativ die Dittscherisierung ist, das Kammerer-Wesen scheint sie nicht ganz zu treffen. Sein Eigentliches sind eher die Pferdewürste, die er einmal im Monat für eine ältere Dame besorgt, einfach weil er ihr gern einen Gefallen tut, oder der Sauerbraten, den er manchmal anbietet. Den hat ihm seine Großmutter beigebracht. Man dürfe nicht vergessen, sagt Oli Kammerer, Dittsche sei Dittsche und Oli sei Oli. Sein Pech vielleicht, dass er den gleichen Vornamen hat wie der Mann, der jeden Samstag seine Bude übernimmt, der sich auch anderntags in ihr breit macht: Neulich rief eine Frau an und wollte Dittsche sprechen, der sei doch Stammgast. Immer wieder fragen Leute Kammerer nach dem Wirt Ingo, und wenn Kammerer aus Spaß erwidert, der sei krank, glauben sie’s ihm mitunter.

Früher kam ins Fernsehen, was bekannt war, heute wird bekannt, was im Fernsehen ist. „Die Schwarzwaldklinik“ hat mit dem Glottertal Ende der 80er den Anfang gemacht. Ein Glottertaler Friseur machte 1990 seinen Laden dicht, er hat seitdem ein Café und verkauft Schwarzwaldklinik-Tassen an Touristen. Nach der Serie „Julia – eine ungewöhnliche Frau“ mit Christiane Hörbiger verzehnfachten sich die Übernachtungszahlen im Drehort Retz in Österreich, und in Berlin gab es nach dem Kinofilm „Herr Lehmann“ Führungen durch Kreuzberg, Motto: „Auf den Spuren von Herrn Lehmann“. Und dann kommt noch jemand wie Dittrich, spielt derb, ohne Text und Drehbuch mitten ins Leben hinein, tut so, als sei er echt – und treibt die Vermischung von Fiktion und Realität auf die Spitze.

Es kommt vor, dass nach dem Dreh in der „Eppendorfer Grillstation“ ein Rest Fiktion zurückbleibt; dann liegen hinten im Flur Flaschen mit Dittschberger-Etiketten. Manchmal verschenkt Oli Kammerer sie an die Imbisstouristen. Und sie fahren glücklich nach Hause, das Leergut eingewickelt in ihre Bademäntel.

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