Eis zum Selbermachen : Kleine Stielkunde

Frische Zutaten, ein Pürierstab, das Tiefkühlfach – mehr braucht es nicht für eigenes Eis am Stiel. Wer auf Nummer sicher geht, nimmt Erdbeeren, Mutige wagen sich an Grünkohl.

Paul Munzinger
Wer sein Eis selbst machen will, muss viel schneiden und noch mehr pürieren. Doch es lohnt sich – allein für den Blick ins Kühlfach.
Wer sein Eis selbst machen will, muss viel schneiden und noch mehr pürieren. Doch es lohnt sich – allein für den Blick ins...Fotos: Kitty Kleist-Heinrich

Meine Kindheit kann ich entlang von Freundschaften, Frisuren oder großen Fußballspielen erzählen. Oder entlang von Eissorten. Zu jedem Alter, zu jedem Sommer gehört ein Eis am Stiel. Capri natürlich, das mir immer kanariengelb auf die Hose tropfte. Das knallrote Bum Bum, das ich nie essen durfte, weil es zu künstlich war. Oder Ed von Schleck, über dessen zweideutige Werbetexte („Schieben, Schlecken, Action – das bringt Satisfaction“) wir uns schieflachten. Eine Kindheit im Eisraffer, von Mini Milk bis Magnum.

Eineinhalb Jahrzehnte später stehe ich in der Küche, um selbst Eis am Stiel zu machen. Natürlich ist das auch ein Nostalgie-Trip. Einerseits. Andererseits haben die „Popsicles“ oder „Pops“ von heute mit dem Eis meiner Kindheit nicht viel mehr gemeinsam als den Stiel. Die Abwendung von industriell gefertigten Produkten, von Zusatzstoffen und Geschmacksverstärkern ist die Gründungscharta der Do-it-yourself-Bewegung. Sie setzt auf Selbermachen statt Kaufen, auf Bio statt Chemie.

In den Rezeptbüchern vor mir auf dem Küchentisch füllen nicht nur Erdbeeren, Mangos und Bananen die Seiten, sondern auch Gurken, Avocados und Kürbisse. Alles frisch natürlich, gerne kombiniert mit Tofu, Leinsamen oder Weizenkeimen. Gesüßt wird kaum mit Zucker, eher mit Honig oder Agavendicksaft. Oder gar nicht. Dazu gibt es Variationen mit Joghurt oder Tee, mit Schokolade oder Nüssen.

Ich entscheide mich für eine Mischung: Ein Klassiker für den Einstieg (Erdbeer-Frucht-Pops), etwas Sahnig-Schokoladiges (Weiße-Schokolade-Minze), etwas Gesundes (Frozen Basilikum Joghurt) und etwas noch Gesünderes (Erdbeer-Grünkohl).

Eis am Stiel ist eine Zufallserfindung. 1905 vergaß der damals 11-jährige Amerikaner Frank Epperson ein Glas Limonade mit einem Stiel zum Umrühren auf der Veranda. Es war eine kalte Nacht, das Gemisch gefror. So gesehen ist es auch eine Rückkehr zu den Anfängen, wenn heute die Selbermach-Welle das Eis am Stiel erfasst. Eine Rückbesinnung auf das Ursprüngliche. Was für Epperson die Veranda war, ist heute die Tiefkühltruhe.

Ich bin eigentlich kein Selbermacher, wenn es ums Essen geht. Mein Pesto kaufe ich im Glas, meine Nudeln in der Packung, mein Brot beim Bäcker. Mir fehlt das Know-how, die Geduld, die Motivation. Eis am Stiel kommt mir da entgegen. Eine Eismaschine brauche ich nicht. Was ich brauche, sind frische Zutaten, ein Pürierstab und ein leeres Fach im Eisschrank. Je einfacher, desto besser.

Auf dem freien Markt ist das genau umgekehrt. Wer aus der Masse herausstechen will, muss sich etwas einfallen lassen. In Berlin sorgt „Kyl“ derzeit für Aufsehen, das „Eis der Zukunft“ soll es sein. Die frischen Zutaten werden nach den Techniken der Molekularküche schockgefrostet. Kyl sieht aus wie eine Kunstskulptur am Stiel. Im Moment macht es aber Schlagzeilen, weil zwei Parteien vor Gericht darüber streiten, wer das futuristische Eis erfunden hat. Selbst die „Zeit“ berichtete über den „Eiskrieg“.

Torsten Alberts verwendet keine Molekulartechnik. Dafür ist er auch in keinen Eiskrieg verwickelt. 2012 fing Alberts an, in einem Zehn-Quadratmeter-Eislabor in Friedrichshain. Heute liefert er seine Paletas, so nennen die Spanier das Eis am Stiel, an Bars und Läden in ganz Berlin, nach Bonn und Bremen.

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