Essen & Trinken : ernten Sie säen nicht, aber sie

... und auf einmal machen das ganz viele – am Rand der Großstadt: Ein Stück Acker mieten fürs eigene Gemüse. Erholung ist inklusive

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Kommt der Abend, dann packen Karin und Jörg Deutscher ihre Kinder ins Auto und fahren auf der Stadtautobahn von Zehlendorf nach Werder. Gerade mal eine halbe Stunde dauert das. Seit dem Frühjahr sind die Deutschers nämlich Mieter eines 85 Quadratmeter großen Saisongartens, dessen Gemüse sie ernten dürfen, ohne sich vorher groß die Finger schmutzig gemacht zu haben – denn die Aussaat haben andere übernommen.

Besonders dem siebenjährigen Sohn Enno gefällt es in dem neuen Garten. Mit Ausdauer zupft und jätet er. Tochter Tori hüpft eher herum, schneidet aber den Salat. „Wir haben das Gartenstück hauptsächlich der Kinder wegen gemietet“, erzählt Karin Deutscher. Damit die begreifen, dass Kartoffeln, Kohlrabi, Fenchel, Radieschen, Mangold, Bohnen und Erbsen nicht aus dem Supermarkt kommen. Doch auch die Eltern haben ihren Spaß: „Jeden Tag sieht man, da ist wieder was gewachsen!“

Insgesamt können sich auf der Werderaner Ackerfläche 40 Mieter auf ihrem ganz persönlichen Erdstück als Gärtner versuchen. Die Fläche ist Teil eines familiengeführten Gartenbaubetriebes, der Obst, Gemüse und Blumen zieht. Sie liegt auf einem Hügel nahe Baumgartenbrück. „Die Landschaft ist traumhaft“, sagt Karin Deutscher. „Für uns ist jeder Besuch hier ein schöner Ausflug.“ Nach der Gartenarbeit angeln Mann und Sohn manchmal gemeinsam in der Havel.

Familie Deutschers Gartenstück gehört zu einer noch jungen und schon sehr erfolgreichen Unternehmung, die Wanda Ganders, 30, und Natalie Kirchbaumer, 29, im vergangenen Jahr gegründet haben. Die beiden Freundinnen unterhielten sich damals auf ihrem Bonner Balkon über die Gärten ihrer Kindheit und fragten sich irgendwann: Wohin bloß in der Stadt, wenn man eigenes Obst und Gemüse ziehen will, einem der Schrebergartenverein aber zu spießig ist?

So wurde das Projekt „Meine Ernte“ geboren. Die zwei Betriebswirtinnen kündigten ihre Jobs und machten sich mit ihrer Geschäftsidee selbstständig. Stadtnahe Orte waren bald gefunden, und auch Landwirte, die offen waren und Flächen besaßen, die für den Gemüseanbau geeignet sind. Jetzt fehlten nur noch die Hobbygärtner.

Aber die hatten offenbar schon auf ein Projekt wie „Meine Ernte“ gewartet. Im Frühjahr 2010 starteten Wanders und Kirchbaumer in sechs Städten gleichzeitig: Bonn, Dortmund, Düsseldorf, Aachen, Frankfurt/Main und Wiesbaden. Berlin ist seit 2011 dabei. Und die Idee ging auf – wie ein Samenkorn in fruchtbarer Erde. Inzwischen wächst und gedeiht sie an 15 Standorten bundesweit. Immer stadtnah. „Auf dem Land haben ja die meisten einen Garten“, sagt Unternehmerin Wanda Ganders.

Zwei Mietgärten gibt es allein in Berlin: Einer befindet sich in Wartenberg, im Norden der Stadt. Er liegt direkt am Waldrand. Die Fläche gehört einem Gartenbaubetrieb, der sich ansonsten auf Gemüse und Kräuter spezialisiert hat. Den zweiten Mietgarten gibt es in Rudow, im Süden Berlins, umgeben von Pferdekoppeln und Wiesen. Das Rudower Fließ durchzieht die Landschaft. Nur die hohen Gebäude der Gropiusstadt ragen übers Grün hinaus.

Wer eine Nutzungsvereinbarung mit „Meine Ernte“ schließt, hat die Wahl zwischen einem Ackerstück von 45 (179 Euro) oder 85 Quadratmetern (329 Euro). Die Fläche wird im Frühjahr vom Bauern mit 20 verschiedenen Gemüsen, Kräutern und Blumen bepflanzt. Wasser ist bis zum Garten gelegt. Zupfen, gießen, ernten – mehr muss der Hobbygärtner nicht tun. „Grillen ist allerdings nicht erwünscht“, sagt Wanda Ganders. „Unsere Gärten sind Rückzugsorte für alle. Man kann aber durchaus bei einem Gläschen Wein zusammensitzen. Wir vertreten die moderne Art des Schreberns. Alles ist etwas lockerer.“

Sogar Gartengeräte für Kinder und Erwachsene und ein paar Stühle stehen in einer Hütte auf der Gemeinschaftsfläche bereit, und wer Hilfe braucht, wird in der wöchentlichen Gärtnersprechstunde vom jeweiligen Bauern oder online von Ganders und Kirchbäumer beraten.

Familie Deutscher findet es lässig, sich erst mal nur für eine Gartensaison zu verpflichten. Fürs nächste Jahr hoffen sie, den Bauern für eine Sprenkleranlage zu gewinnen. „Das mit dem Gießen während der heißen Tage ist so eine Sache“, sagt Karin Deutscher. „Man möchte nicht nur deswegen rausfahren.“

Auf den Flächen von „Meine Ernte“ in Rudow betreut der 25-jährige Benni Gericke die örtlichen Gemüsegärtner. Die Beete befinden sich auf dem großen Reiterhof seiner Eltern. Im März hat Gericke Gemüse, Kräuter und Blumen ausgesät. „Es war noch gar nichts zu sehen“, erinnert er sich, „da saßen schon Männer vorm Gerätehäuschen und plauderten, während die Frauen in den Beeten arbeiteten.“ Was machen die nur, fragte sich Gericke und blickte mit ein bisschen Unverständnis auf die neuen Gärtner aus der Großstadt. „So kurz nach der Aussaat, als die ersten Triebe sprossen, konnten einige von denen Gemüse nicht von Unkraut unterscheiden. Manche wussten wirklich gar nichts. Da musste ich natürlich helfen.“

Gericke befürchtete anfangs, dass viel zu viele Menschen auf einmal kommen würden – aber die Besucher verteilen sich prima über die Woche. „Neulich morgens, als ich um halb sieben mit dem Trecker rausfuhr, stand schon einer im dunklen Anzug und mit Gummistiefeln im Beet und war am Gießen.“ Benni Gericke ist selbst erstaunt, wie gut das Projekt läuft. Menschen jeden Alters kommen. Sogar Kinderwagen werden auf den Acker geschoben. „Auch ein alter Mann von Mitte 80 macht mit. Er erzählte mir, er habe früher einen Garten gehabt und wolle jetzt endlich mal wieder frisches Gemüse essen.“

„Meine Ernte“ passt in die Zeit, denn viele Städter suchen die Entschleunigung und wollen sich zugleich so gesund und natürlich wie möglich ernähren. Da ist ein Garten mit eingeschränkter Verantwortung besonders für Familien und Berufstätige perfekt. Kein Wunder, dass es längst viele ähnliche Projekte gibt. Den „Bauerngarten“ etwa: Auf seinem riesigen Rundbeet in Buckow in Berlin wachsen 25 Gemüsesorten. Hobbygärtner mieten hier ein Tortenstück von 45 Quadratmetern.

Zum Klassiker Schrebergarten, der genauen Regeln und oft einengenden Verordnungen folgt, haben sich in Berlin (und anderswo) inzwischen auch betont weltoffene Gartenprojekte gesellt. Jüngstes und vielleicht prominentestes Beispiel ist der „Prinzessinnengarten“ am Kreuzberger Moritzplatz. Dort kommen Akademiker, Jugendliche mit Migrationshintergrund, türkische Arbeiter mit ihren Familien, Alternative, Studenten und Gartenaktivisten zusammen. Sie ziehen und ernten gemeinsam Gemüse – in Säcken und Pflanzkisten. Die Idee dafür hatten die Initiatoren Marco Clausen und Robert Shaw in Kuba aufgepickt, inzwischen haben sie auf der einstigen Brache einen sozialen, kulturellen und grünen Schmelztiegel geschaffen. In Berlin gibt es darüber hinaus 21 „Interkulturelle Gärten“, wo Migranten und Deutsche aus allen Milieus gemeinsam kleine Flächen bewirtschaften. Außerdem kann man mit seinen Nachbarn dort gärtnern, wo es das Bezirksamt duldet – wie auf den Laskerwiesen am Ostkreuz. Dort gedeihen schon seit 2006 Parzellen und Gemeinschaftsflächen nebeneinander.

Wanda Ganders und Natalie Kirchbaumer sind ihrem Gefühl gefolgt und können sich jetzt vor gärtnernden Städtern kaum retten. Die Anzahl der Mietgärten wird weiter zunehmen, da sind sie sich sicher. 850 Hobbygärtner konnten die beiden Frauen schon begeistern. Allein in Berlin stehen mehr als 200 meist junge Gartenfreunde auf der Warteliste fürs nächste Frühjahr, nicht eingerechnet die Freunde und Kinder, die sie später im Schlepptau haben werden.

Und der ein oder andere der neuen Hobbygärtner lernt dabei womöglich nicht nur etwas über Gemüse. „Neulich habe ich zwei Singles zusammengebracht“, erzählt Benni Gericke vom Reiterhof in Rudow. „Die beiden teilen sich jetzt ein Beet. Die haben sofort losgequatscht und sich prima verstanden. Vielleicht wird ja was draus?“

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