Essen & Trinken : Ich kann nicht anders

Der Mensch besteht zu etwa 70 Prozent aus Wasser –  der Rest sind Neurosen. Beim Essen zeigt sich das ganz deutlich. Sechs Geständnisse.

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Illustration: Andree Volkmann für den Tagesspiegel

NICHT OHNE MEIN FRÜHSTÜCK

Das Problem ist leicht beschrieben, jedoch kaum zu erklären: Ich kann nicht ohne Frühstück leben. Gewiss, ich sterbe nicht sofort, wenn ich ohne den Genuss eines doppelten Espressos mit geschäumter Milch und mindestens zwei lecker belegten Broten in den Tag starte. Aber das Risiko für mein vorzeitiges Ableben steigt extrem. Denn wann immer unglückliche Umstände wie Weckerversagen oder nächtliche Vollräusche mich zum Verzicht auf das morgendliche Ritual zwingen, gerät mein Leben völlig aus den Fugen. Verpasste Züge, vergessene Brieftasche und Totalversagen bei der Arbeit sind da noch die harmlosen Varianten. Die durch Frühstücksentzug hervorgerufene Bewusstseinstrübung kann sich auch schnell zu selbstmörderischem Verkehrsverhalten oder lebensgefährlichen Treppenstürzen ausweiten. Vermutlich hat es damit zu tun, dass mein Unbewusstes nach dem Aufwachen erst mit sinnlichen Reizen besänftigt werden muss, bevor es die Macht abgibt. Vielleicht brauche ich auch einfach nur einen rituellen Übergang, bevor ich mich dem Unbill des Tages stellen kann. Zugegeben, ein wenig verschroben ist das schon. Aber ich komme nicht davon runter. Und ehrlich gesagt: Ich will auch gar nicht. Ich liebe Frühstücken.Harald Schumann

NICHTS MIT KOPF

Ich schaffe es nicht. Vor mir steht ein Schokoladenhase, einer dieser naturalistischen, mit Augen und nachmodellierten Haaren. Ich kann einfach nicht hineinbeißen, nicht einmal ein kleines Loch ins Hinterteil. Der Hase wird wie jedes Jahr in der Zellophanverpackung bleiben. Vielleicht sollte ich mich ja mit Computerspielen desensibilisieren, wie Soldaten vor einem Einsatz. Vielleicht ist es aber auch etwas ganz Archaisches. Wie die Angst mancher Kulturen vor dem eigenen Bild oder davor, fotografiert zu werden. Man weiß einfach nie, was so ein Abbild mit einem machen kann, selbst wenn es nur ein Tierbaby ist. Deshalb, Schokoladen-Industrie: Du sollst Dir vom Osterhasen kein Bild machen! Verena Mayer

FINGERKOST

Wo soll ich anfangen. Der Neurosen sind so viele, dass sie nicht mal in meine Tasche passen, und die ist ziemlich groß, muss sie auch sein, weil da nämlich u.a. eine Vorratstüte Süßigkeiten rein muss, da ich zu meinem Nachmittagskaffee (schwarz) unbedingt einen Keks oder ein Stück Schokolade brauche, die mir nicht überall gereicht werden, also muss ich mich wappnen. Aus den Wochenendfrühstücksbrötchen pule ich immer das Innere heraus, Apfelkuchen ist für mich ohne Schlagsahne ungenießbar… In einer Welt, die immer hektischer und virtueller wird, brauchen wir nun mal dringend ein paar Rituale zum Festhalten. Pommes zum Beispiel. Ich bin ein zivilisierter Mensch, wasche mich jeden Morgen, ziehe Schuhe und Strümpfe an, kann mit Messer und Gabel umgehen. Aber Pommes muss ich mit den Fingern essen. Ich MUSS. Selbst im feinsten Restaurant, wenn sie auf dem silbernen Teller gereicht werden. Eine Gabel wäre viel zu distanziert für diese urkindliche Lust, ja nicht einmal ein Plastikgäbelchen ist erlaubt, es müssen die nackten Finger sein, an denen das Fett und das Salz und die Mayo kleben bleiben, so dass man sie hinterher auch noch abschlecken kann. Verbotene frühkindliche Wonnen. Susanne Kippenberger

WARM MUSS ES SEIN

Einmal am Tag braucht der Mensch ein warmes Essen. Das war das Credo meiner Mutter. Die warme Mahlzeit sollte vorzugsweise mittags eingenommen werden. Von südländischen Esstraditionen hielt meine Mutter wenig. Das nervte. Wenn Schulfreundinnen gleich nach der Schule an den See fuhren, musste ich erst nach Hause und zu Mittag essen. Wenn ich am Sonntag erst um elf Uhr gefrühstückt hatte, musste ich mich trotzdem um halb eins dem Braten stellen.

Und doch: Ohne ein warmes Essen am Tag fühle ich mich bis heute leer und kalt, ja geradezu ausgehöhlt. Da helfen keine Brötchen oder gut gemeinte Salate, schon gar keine Kuchenstücke oder Schokolade. Auch Kaffee und Tee wärmen nicht wirklich. Auch wenn der Stress noch so groß ist, muss mindestens Zeit für eine Suppe sein. Selbst der Sommer mit Temperaturen von 30 Grad befreit mich nicht von meinem Tick. Andererseits schwöre ich auf die freie Zeit zum Essen und rechne es meinem Zwang zur regelmäßigen warmen Mahlzeit zu, dass ich selten krank bin und mich schlank halte. Meinen Kindern, hätte ich welche, würde ich selbstverständlich predigen, dass der Mensch einmal am Tag… Claudia Keller

FLASCHENBIER

Ich hätte ein Junge werden sollen. Den Namen hatten meine Eltern schon ausgesucht: Henning. Daher war die Enttäuschung groß, als ich in einer Gewitternacht zur Welt kam. So groß, dass ich wahrscheinlich irgendwieWind davon bekam. Denn schon bald darauf tat ich alles, um ein guter Junge zusein. Ich spielte mit einem Märklin-Baukasten. Ich heizte mit dem Fahrrad durch die Gegend. Ich aß bergeweise Mettwürste – und als endlich die Zeit gekommen war, trank ich Diebels Alt aus der Pulle, während die Mädchen sich mit Criss beschwipsten, einer zuckrigsüßen Vorstufe der Alcopops.

Bier aus dem Glas zu trinken, ist mir bis heute unmöglich. Kölsch- und Weizenbiertrinker finde ich verdächtig. Allein diese Öffnung, durch die sofort nach dem Eingießen jede Spritzigkeit entweicht. Nee, das geht nicht. Hat man jemals einen Bauarbeiter mit abgespreiztem kleinen Finger aus dem Glas trinken sehen? Oder einen Cowboy umständlich ein Bierglas aus der Vitrine holen? Na bitte.

Vom Machismo einmal abgesehen hat das Aus-der-Flasche-trinken einen praktischen Vorteil. Wer jemals beobachtet hat, wie in Kneipen Gläser gespült werden, weiß, wovon ich spreche! Peinlich wird es nur in Restaurants mit weißen Tischdecken. Da lasse ich nämlich mein Glas gern trotzdem unbenutzt zurückgehen und greife stattdessen zur Pulle. Prost, Henning! Esther Kogelboom

SEX IM GLAS

Die Leidenschaft fing in einem dieser typischen 60er-Jahre-Urlaube an. Die fünfköpfige Familie erschien strahlend rein im Hotel-Restaurant, der Kellner war in Schwarz-Weiß, trug eine schicke Fliege und war bester Laune. Die Panini waren so spitz wie blass, und hatte man sie in die Hand genommen, zerbarsten sie in tausend Stücke. Doch es kam noch schlimmer. Denn Italien ist das Mutterland von Nutella. Schon damals gab es diese kleinen Plastikförmchen, in die das große Messer schier nicht hinein passte, um diese Wundercreme aus dem Förmchen auf das zersplitterte Brötchen zu bringen. Beim Transport ging immer was daneben, beim Schmieren ging immer was daneben, das Messer rutschte immer auf die blütenweiße Tischdecke, der Mund war verschmiert, die Serviette anschließend auch. Die Eltern waren am Rand des Nervenzusammenbruchs, doch Ettore, so hieß der wunderbare Kellner, lachte nur, holte frische Panini und frisches Nutella.

Das ist gut 40 Jahre her, und seitdem habe ich von Nutella nie wieder lassen können. Besonders schlimm war es am Anfang, in der Zeit meiner Unreife. Da gab es Nutella morgens, heimlich mittags, sehr heimlich abends. Nichts war und ist und wird so sehr zu fürchten sein, dass an einem fremden Frühstückstisch jenes unverkennbare Weißglas mit der unverwechselbaren Nugat-Füllung fehlen könnte. Aus lauter Furcht vor nutella-freien Zonen geht meistens eine Notration im Koffer mit auf Reisen (Italien ausgenommen).

Es hat etwas vom olfaktorischen Sex, sobald beim neuen Nutella-Glas der Deckel abgeschraubt und dann die Folie abgezogen wird. Dieses Parfüm, das da verströmt, diese Blume, die da aufblüht, der Gaumenkitzel, der da zu erwarten ist, der ist mit keinem Lebensmittel, fest oder flüssig, zu erleben. Von einer Nutella-Neurose will ich nicht sprechen. Nur weil ich zu Hause einen immer wieder erneuerten Vorrat an größeren und kleineren N-Gläsern horte, heißt das noch lange nicht, dass ich von Nutella besessen bin. Ich will nur vorbereitet sein, wenn die Bombe fällt oder die Klimakatastrophe die Haselnussbäume vernichtet. Joachim Huber

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