Fichtekranz : Most wanted

Die Stadt der Buchmesse ist auch die Hauptstadt des Apfelweins. Doch wer mag „Ebbelwoi“ außerhalb Hessens? Aufgepeppt zum Szenegetränk soll er nun bundesweit getrunken werden.

Oliver Keppler
äpfelwein
"Apfelwein von glücklichen Äpfeln" -Foto: promo

Über Laubuseschbach, einem verschlafenen Nest im hinteren Taunus, hängt der Duft süßlich-saurer Äpfel. Auf den Streuobstwiesen und in den Gärten der Umgebung wird die Ernte eingeholt, vor einer alten Fabrikhalle im Dorf stehen die Bauern Schlange, mit Anhängerladungen voll saftigem Kelterobst. Boskop, Kaiser-Wilhelm, Bittenfelder und Schafsnase werden zu einer dickflüssigen Maische gepresst, und der Apfelwein, der daraus einmal entstehen wird, hat das Zeug zu Deutschlands neuem „Partygetränk Nummer eins“, wie die Werber sagen würden.

Davon ist zumindest Florian Craciun überzeugt. Zwar behauptet der Darmstädter, eigentlich gar keine Ahnung von Apfelwein zu haben, das hat ihn aber nicht daran gehindert, eine neue Sorte auf den Markt zu bringen. Warum nicht das nachahmen, so seine Idee, was mit Bionade gelungen ist oder was die Brauereien mit ihren Bier-Mix-Getränken vorgemacht haben? Den Apfelwein vom Staub befreien und ihn endlich, nach all den Jahren, in der ganzen Republik bekannt machen. Craciun stellte seine Idee den großen Apfelwein-Produzenten vor und landete schnell in Laubuseschbach, bei Martin Heil. Das war vor drei Jahren.

Damals füllten die neuen Geschäftspartner eine Handvoll Flaschen mit Apfelwein aus biologischem Anbau in handlichen 0,25-Literflaschen ab, kreierten ein dezentes, einfarbiges Etikett, das ohne typischen Bembel-Kitsch auskommt, dachten sich einen Slogan aus – „Apfelwein von glücklichen Äpfeln“ – und tingelten durch angesagte Kneipen und Bars in Berlin, Hamburg und Köln. Schnell fanden sich erste Abnehmer. Mittlerweile stehen die Flaschen sogar in den Regalen der Bio-Märkte Alnatura und Basics, die Jahresproduktion liegt bei 50 000 Litern.

Das ist natürlich ein bescheidener Erfolg – eine mittelgroße Brauerei verkauft in einem Jahr locker einhundert Millionen Liter Bier. Aber es geht hier um Apfelwein – und deshalb ist es eine kleine Sensation. Bayerisches Weißbier und Pfälzer Wein, früher auch nur regional verbreitet, werden heutzutage in ganz Deutschland getrunken. Der Apfelwein dagegen ist bisher nur selten über Offenbach im Süden und Gießen im Norden hinausgekommen. Gern wird er als Nationalgetränk der Hessen bezeichnet. Obwohl das nicht stimmt: Streng genommen ist er nur das Nationalgetränk der Südhessen. Sein Stammrevier ist Frankfurt am Main, wo er Ebbelwoi, Äppelwoi, Ebbelwei, Äppler oder auch Stöffche heißt. Früher einmal wurde in der Gegend traditioneller Weinbau betrieben, aber eine Kälteperiode im 16. Jahrhundert machte die Traubenlese unrentabel. Die Bauern stiegen auf die robusteren Äpfel um. Vor allem in den Frankfurter Stadtteilen Sachsenhausen, Bornheim und Seckbach reihen sich alte Apfelweinlokale aneinander, deren Hauptgesetz, so der Schriftsteller (und Apfelweintrinker) Andreas Maier, „lautet, dass alles in ihr immer gleich bleibt. Durch die Zeiten und diese überdauernd.“

Aber unter den Produzenten tut sich was. Junge Kelterer stellen neuerdings Bioweine aus Äpfeln her, Sekt und Sherry, Obstbrände und Mixgetränke. Martin Heil und Florian Craciun sitzen in einem nüchternen Büro im ersten Stock der Kelterei Heil in Laubuseschbach. Heil ist 41 Jahre alt, er trägt ein kariertes Hemd, hat kurze, blonde Haare, lächelt schüchtern. Seinen Erfolg hat er dem Großvater zu verdanken, der nach dem Krieg eine Ziege gegen eine Saftpresse getauscht hatte. Der Enkel verkauft heute im Rhein-Main-Gebiet acht Millionen Liter Apfelwein im Jahr. Florian Craciun ist 40 Jahre alt, trägt Kapuzenpulli und Turnschuhe, hat längeres, schwarzes Haar und ein breites Lächeln. Er ist Inhaber einer Agentur für Markenentwicklung in der Nähe von Darmstadt, kürzlich hat er dem Schulranzenhersteller Scout ein neues Design verpasst.

Die beiden ergänzen sich gut. Der eine produziert den Apfelwein, der andere vermarktet ihn. Mit dem „Stöffche“ sind sie aufgewachsen: Wo Teenager anderswo ihr erstes Bier trinken, ist es bei der hessischen Jugend der Apfelwein. Die beiden gehen durchaus gerne in die traditionellen Lokale in Sachsenhausen mit ihren dunkelvertäfelten Wänden, den bunten Mosaikglasscheiben, den abgetretenen Steinplatten am Boden. Sie lieben die laute, weinselige Stimmung dort, die schweren Holztische unter dem grellen Licht, an denen die Frankfurter eng beieinander sitzen, zwischen amerikanischen Touristen und japanischen Delegationen und jetzt, bei der Buchmesse, Schriftstellern, Kritikern und Verlegern. Als im vergangenen Herbst herauskam, dass die EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer-Boel den Namen Apfelwein verbieten wollte, zur besseren Abgrenzung des Traubenweins, da war die Empörung groß. Politiker aller Parteien in Hessen entdeckten ein Wahlkampfthema, wohlwissend, wie populär der Apfelwein nach wie vor ist. Die Kommission in Brüssel knickte nach wenigen Tagen ein und Hessens Ministerpräsident Roland Koch verkündete stolz: „Der Apfelwein bleibt Apfelwein.“ Der aber mit fünf bis sechs Prozent sehr viel weniger Alkohol als normaler Wein hat. Und weniger Kalorien als Bier.

Selbst für ihren neuen Apfelwein haben Heil und Craciun einen traditionellen Namen ausgesucht: Fichtekranz. An den Haustüren der Obstbauern hingen früher Fichtenkränze mit einem Apfel in der Mitte, als Zeichen dafür, dass Ebbelwoi im Keller gekeltert und in der Stube zum Kauf angeboten werde: „Wo’s Kränzche hängt, wird ausgeschenkt.“ Noch heute zieren sie die Eingänge der traditionellen Apfelweinlokale.

Die Frankfurter sind stolz auf die leicht angestaubte Tradition. Viel Historisches hat die Stadt, bekannt für den Flughafen und die gläsernen Bankentürme, nicht zu bieten: Die Alte Oper, die Paulskirche, das Rathaus am Römer, Goethes Geburtshaus und mindestens eine Apfelweinwirtschaft gehören zum Pflichtprogramm jedes Touristen.

Nur gab es bisher auch keine Alternativen zum altmodischen Ambiente. Fichtekranz passt auch gut in eine Lounge mit Ledersofas. Er ist in den drei klassischen Varianten erhältlich: pur, sauergespritzt, also mit einem Schuss Mineralwasser, oder süßgespritzt, mit einem Schuss Apfelsaft. Diese Varianten gibt es in einer traditionellen Wirtschaft auch, nur wird der Ebbelwoi hier aus dem Gerippten getrunken, einem Glas mit Rautenmuster, wobei nicht ganz ersichtlich ist, was dieses Muster ursprünglich bezwecken sollte. Manche sagen, es verleihe dem trüben Ebbelwoi ein wenig mehr Glanz, weil sich das Licht in den Rauten bricht. Früher habe er auf diese Weise an den klaren Weißwein erinnert, den sich die einfachen Leute nicht leisten konnten. Das Rautenmuster könnte aber auch einem banaleren Zweck dienen, indem es verhindert, dass das Glas aus der Hand des Gastes rutscht. In einer Apfelweinkneipe wird nämlich alles gegessen, was fettige Finger macht: Kraut und Worscht, Eisbein, Schlachtplatte, Rippchen. Der urtypische Bembel, ein blauglasierter Tonkrug, legendär geworden durch die hessische Sendung „Zum Blauen Bock“ mit Heinz Schenk, hängt in vielen Lokalen nur noch als Wandschmuck über den Köpfen der Gäste.

Fragt man in einer traditionellen Apfelweinkneipe nach Bier, schreibt Andreas Maier, könne es passieren, dass man gar keine Antwort bekommt, und der Kellner einen nicht mehr beachte. „Es wird dann meistens sehr schwer, einen zweiten Kontakt zu ihm herzustellen.“ Gehen sei in diesem Fall oft einfacher.

Dass ihr Apfelwein in dieser traditionsschwangeren Atmosphäre irgendwann einmal ausgeschenkt wird, glauben Heil und Craciun nicht. „Des is awwer keen Ebbelwoi“, haben ihnen die Traditionalisten gesagt. Zu mild, zu fruchtig, zu weich im Geschmack. „Den Frankfurtern ist der einfach zu lasch“, sagt Craciun.

Aber das ist gewollt, soll er doch den Erstkontakt mit Berlinern, Hamburgern und all den anderen Biertrinkern erleichtern. Heil und Craciun wollen die weißen Flecken auf der Apfelwein-Landkarte erobern – und davon gibt es viele. Anderswo ist man da weiter: In England hat „Cider“ dem Bier mittlerweile fast den Rang abgelaufen. „500 Millionen Liter werden da im Jahr verkauft“, sagt Heil ungläubig.

Davon ist Deutschland noch weit entfernt. Auch die beiden Hessen haben ein winziges Detail unterschätzt: die eigentümliche, ziemlich saure Note des Apfelweins und seine Wirkung auf die überforderten Geschmacksnerven junger Großstädter. Dass der Apfelwein durstlöschend und kalorienarm ist, hilft wenig, wenn sich beim ersten Schluck der Gaumen zusammenzieht und die Leute beim zweiten und dritten Schluck merken, dass der Trunk aus Hessen abführend wirkt.

Immerhin: „Die Wirte finden die Idee sympathisch“, sagt Craciun. Und wohl auch die Produzenten, die mit zwei Flaschen in der Tasche und selbst gebastelten Pappaufstellern bei den potenziellen Kunden vorsprachen. Neulich habe einer aus Berlin angerufen, und stolz erzählt, dass schon fast eine Kiste über die Theke gegangen sei. Obwohl die schon vier Monate bei ihm rumstand.

Auch wenn die Berliner noch lieber Bier statt Apfelwein trinken, ist Craciun voller Hoffnung. „Das erste Bier hat doch auch niemandem wirklich geschmeckt.“

Fichtekranz gibt es in Berlin bei FC Magnet Mitte, Veteranenstraße 26; Manna & Tiare Naturkost, Weinmeisterstraße 9a; WKD Lebensmittel, Rochstraße 2; Sanatorium 23, Frankfurter Allee 23; in den Yorck-Kinos, im Babylon Kreuzberg und im International. www.fichtekranz.de.

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